21:41 19 Juli 2018
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    Easy mit Hartz 4

    Happy Hartz? Satireaktion greift Jobcenter an – und will Betroffenen helfen

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    In Imagevideos erzählten im Rahmen der Kampagne Happy Hartz Betroffene von ihren positiven Erfahrungen mit Hartz 4. Bis die kritische Satire-Aktion aufgelöst und die wahren Geschichten auf mein-jobcenter.com verraten wurden. Jetzt sammeln die Macher des Projekts Spenden, um von Sanktionen betroffene Hartz-4-Empfänger existentiell abzusichern.

    Seit Anfang Dezember kann man in Berlin etwa am U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz ein ungewöhnliches Plakat bestaunen. Darauf abgebildet ist eine junge Frau. Der Text dazu: „Alleinerziehend und studieren? Easy mit Hartz 4!“ Doch die Werbekampagne mit dem Namen Happy Hartz ist nicht von der Bundesagentur für Arbeit in Auftrag gegeben worden, sondern sie verweist auf die Seite mein-jobcenter.com, von der sich eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit gegenüber Sputnik mit den Worten distanzierte: „Wir sind das nicht.“

    Wer aber die Seite besuchte, konnte dort „echte Geschichten“ von Harz-IV-Empfängern im Videoformat bestaunen. Außer der 28-jährigen alleinerziehenden Anne gibt es dort auch die Geschichte des 17-jährigen Azubi Timo, der unter anderem sagt: „Hartz is echt ’nen King“. Diese durchwegs positiven Berichte sorgten für großen Ärger im Netz. Die einen nahmen die Videos ernst und betonten, dass diese Videos nichts mit der Realität zu tun hätten, die anderen vermuteten dahinter eine Satire-Aktion und fanden sie entweder gelungen oder unnötig zynisch.

    Seit gestern ist die Aktion aufgelöst und die positiven Videos wurden um die echten Geschichten auf der Seite mein-jobcenter.com ergänzt. Plötzlich ist Hartz 4 nicht mehr der King, nicht mehr der Helfer in Not, sondern eine Maschine, von der die Abhängigen „stigmatisiert und unter Druck gesetzt“ werden.

    „Das ist natürlich eine Provokation, zumindest für die meisten Menschen, die mit Hartz 4 schon Kontakt hatten oder Hartz 4 beziehen“, bemerkt Helena Steinhaus, Geschäftsführerin von sanktionsfrei e.V. im Sputnik-Interview zur Satire-Aktion. Es sollte gezeigt werden, „wie einfache positive Sätze schon zu Frustration bei Betroffenen führen“.

    Denn in Wirklichkeit verursache Hartz 4 Existenzängste und sei „keine echte Grundsicherung“. Mit dem Projekt hätten die Macher aber auch aufzeigen wollen, wie Hartz 4 sein könnte – wie es aber nicht ist, weil das System derzeit nicht mitspielt.

    Um einen Impuls zur Änderung zu geben und eine Debatte zu dem Thema zu eröffnen, hat sanktionsfrei auch eine Spendenaktion mit dem Namen Hartz Plus gestartet. Ziel ist es, Menschen, die von Sanktionen von Jobcentern betroffen sind, mit einem monatlichen Zusatzbetrag von bis zu 200 Euro existentiell abzusichern. Derzeit, so Steinhaus,  beliefern sich die Spenden auf etwas über 830 Euro (Stand: 07.12.2017).

    Am Ende hat das Projekt Happy Hartz sowohl etwas von Satire als auch von Utopie in sich. Denn es verzerrt die Realität, indem es Menschen zeigt, die gute Erfahrungen mit Hartz 4 gemacht haben – und blendet die Existenzängste und die Sanktionen aus. Das ist die Satire. Und sie zeigt zugleich, dass Hartz 4 mit den nötigen Änderungen auch so sein könnte, wie in den „Imagefilmen“ dargestellt, eine Grundsicherung, die den Weg in das Berufsleben erleichtert und nicht verkompliziert. Das wäre zurzeit die Utopie.

    Valentin Raskatov

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Provokation, Aktion, Arbeit, Hartz IV, Deutschland
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