05:37 19 November 2019
SNA Radio
    Hans Georg Calmeyer

    Der Mann, der 5000 Juden rettete …

    © Foto : Castan Filmkontor
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    339445
    Abonnieren

    … und den fast niemand kennt. Hans Georg Calmeyer war „Rassereferent“ in der NS-Justiz. Er entschied, ob jemand Jude war oder nicht. Calmeyer erkannte gefälschte Geburts- und Heiratsurkunden an und bewahrte so Tausende Menschen vor dem KZ. In seiner Heimatstadt soll jetzt ein Museum für den „Schindler aus Osnabrück“ entstehen.

    Warum sich Calmeyer dafür entschied, Juden zu retten, ist nicht überliefert, sagt Dr. Joachim Castan. Feststeht dagegen, dass Calmeyer 1923 als Mitglied einer Studentenkompanie am Hitler-Putsch in München beteiligt war. „Er war damals sozusagen auf der Seite Hitlers – ziemlich grotesk, die ganze Geschichte“, berichtet der Historiker. Die Geschichte und ihr Protagonist änderten sich aber schnell: Schon 1933 legte Calmeyer sich mit dem NS-Regime an. Ihm wurde nahegelegt, einen Lehrling zu entlassen, weil dieser Jude war. Der Rechtsanwalt weigerte sich. Ferner verteidigte er Kommunisten. Daraufhin verlor er seine Zulassung, bekam sie aber nach einem Jahr wieder.

    Dann kam der Krieg. Calmeyer wurde nach Den Haag abkommandiert und wurde ein Teil der NS-Justiz. Er wurde Leiter einer „Entscheidungsstelle für Zweifelsfragen arischer Abstammung“. „Dort urteilte er, ob jemand jüdisch ist oder nicht – also ob jemand ins Konzentrationslager deportiert wird“, erklärt Castan. Nach den NS-Rassevorstellungen war jemand jüdisch, wenn er vier jüdische Großeltern gehabt hat: „Wenn man drei jüdische Großeltern hatte, war man Dreiviertel-Jude, bei zweien Halbjude. Da stand man sozusagen auf der Kippe. Wenn man ein jüdisches Großelternteil hatte, passierte einem überhaupt nichts“, klärt der Historiker über die Klassifizierung auf. Und hier hat Callmeyer die Nationalsozialisten mit ihren eigenen Mitteln geschlagen.

    Tausende gefälschte Dokumente – Gestapo kam ihm auf die Schliche

    Es gab ein Netzwerk, welches Geburts- und Heiratsurkunden fälschte oder Dokumente über einen Seitensprung mit einem Arier oder eine uneheliche Geburt frei erfand. Calmeyer stellte die Dokumente laut Castan zwar nicht selber her. Aber alle Papiere gingen über seinen Tisch. Er ließ sie ohne Überprüfung durchgehen. Er soll sogar Tipps gegeben haben, wie man Ahnentafeln fälscht.

    „65 Prozent der Antragsteller winkte er durch“, sagt Castan. „Ich halte diese Prozentzahl für außerordentlich. Selbst wenn es nur 20 Prozent gewesen wären, hätte ich es für ein ziemliches Husarenstück gehalten. 65 Prozent – das ist ein enormes Risiko und sehr mutig.“

    Dieser Mut wäre fast bestraft worden. Im September 1944 geriet Calmeyer in den Fokus von Sicherheitsdienst und Gestapo. „In einem Schreiben sprachen die NS-Behörden von einem riesigen Abstammungsschwindel in den Niederlanden. Sämtliche Fälle seiner Dienststelle sollten noch einmal untersucht werden“, erzählt Castan. Weil die Alliiertenfront aber immer näher rückte, kam es nicht mehr zu den Untersuchungen. „Was er in den Niederlanden getan hat, zeugt von einer ungeheuren Zivilcourage. Er hat sich selbst, seine Familie und seine Angestellten in Gefahr gebracht. Seine Dienststelle war eine verschworene Gemeinschaft“, sagt der Historiker. Hans Georg Calmeyer. Quelle: Castan Filmkontor

    Herr über Leben und Tod: „Ich kann nicht alle retten“

    Nach dem Kriegsende kam Calmeyer ins Gefängnis – wie alle Mitarbeiter des NS-Apparates in den Niederlanden. Zwei Jahre blieb der Rechtsanwalt in Scheveningen inhaftiert, bis seine Rolle im NS-Apparat geklärt war. 1947 kehrte er nach Osnabrück zurück. Der Anwalt hielt sich aber mit seiner Geschichte bedeckt. Dafür gab es laut Castan einen triftigen Grund:

    „Diejenigen, die wussten, was er getan hatte, wechselten die Straßenseite, weil er als Vaterlandsverräter galt.“

    Briefkopf der Calmeyers Dienststelle
    © Foto : Castan Filmkontor
    Briefkopf der Calmeyers Dienststelle

    Dazu plagten Calmeyer enorme Schuldgefühle. Laut Castan hatte er das Gefühl, einen Mühlstein um den Hals zu tragen. Es habe ihn bedrückt, nicht alle Menschen gerettet zu haben. ‚Mein Rettungsboot war zu klein‘, zitiert ihn der Historiker. Nur wenige Menschen weihte Calmeyer laut Castan in sein Geheimnis ein und nahm es mehr oder weniger mit ins Grab, als er im September 1972 verstarb.

    Während sich Schindler feiern ließ, schwieg Calmeyer

    Über 5000 Juden soll Calmeyer vor dem Tod bewahrt haben. Bei Oscar Schindler waren es 1200. „Wenn Zahlen etwas bedeuten“, fügt Castan an. Trotzdem gilt der Rechtsanwalt als „Schindler von Osnabrück“. Einen Unterschied gibt es noch: Anders als Calmeyer „hat sich Herr Schindler nach dem Krieg relativ feiern lassen als Judenretter.“ Calmeyer deshalb als einsamen, stillen Helden zu bezeichnen, trifft es laut Castan aber auch nicht:

    „Er war in einer fatalen Situation. Er saß am Schreibtisch vor seiner Mappe und musste entscheiden. Er wusste: Ich kann nicht alle retten, sonst fliegt meine Dienststelle auf. Es gibt ein Zitat von ihm: ‚Wer bin ich denn, dass ich Herr über Leben und Tod bin?‘. 

    Erst 1989 machte der Osnabrücker Gymnasiallehrer Peter Niebaum durch private Recherchen die Taten von Hans Georg Calmeyer wieder öffentlich. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem verlieh ihm 1992 postum den Titel „Gerechter unter den Völkern“. In seiner Heimatstadt Osnabrück soll Calmeyer ein eigenes Museum bekommen. Der Stadtrat sprach sich einstimmig dafür aus. Jetzt müssen Gelder gesammelt werden, um das Projekt in die Tat umzusetzen. Ein Gebäude gibt es schon: Es ist die Villa Schlikker. Dieses Haus war ab 1932 die Zentrale der NSDAP in Osnabrück. Eine Ironie der Geschichte und ein angemessener Ort des Gedenkens an den Mann, der über 5000 Juden vor dem Tod bewahrte.

    Matthias Witte

    Das komplette Interview mit Dr. Joachim Castan finden Sie hier:

     

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Jagd auf Nazi-Kriegsverbrecher: Mossad veröffentlicht Akten über erfolglose Suche
    Holocaust: Wie sich Polen und Ukrainer am Tod der KZ-Häftlinge bereicherten
    Tags:
    Verfolgung, Juden, Genozid, Holocaust, Oskar Schindler, Niederlande, Deutschland