20:23 21 Oktober 2018
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    Angst in Deutschland: Steigt Terrorgefahr durch IS-Rückkehrer?

    © AFP 2018 / CLEMENS BILAN
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    In westlichen Staaten wird befürchtet, dass ausländische Kämpfer nach der Niederlage der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) im Irak und in Syrien in ihre Heimat zurückkehren und die Terrorgefahr steigern. Der IS nutzt seine deutschen Netzwerke, warnt eine Islamismus-Expertin. Schärfere Urteile gegen Islamisten fordert ein CDU-Politiker.

    Auf welchen neuen Operationsgebieten die Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) nun aktiv werden, gilt als noch nicht sicher. Für Sigrid Herrmann-Marschall, Islamismus-Expertin und SPD-Politikerin aus Frankfurt am Main, ist unklar: „Gehen die Ex-Kämpfer nach Deutschland, oder vielleicht auch nach Bosnien oder Kosovo?“ Sie betonte gegenüber Sputnik: „Wir erleben seit Jahren immer wieder Rückreisen von Kämpfern aus Syrien.“ Nach der militärischen Niederlage des IS in Syrien gebe es einen erheblichen Anteil seiner Anhänger, die weiterhin für die Ziele der islamistischen Bewegung kämpfen wollen – und möglicherweise nach Deutschland reisen werden.

    „Wir sind noch nicht 100 Prozent sicher“, sagte Mustafa Al-Ammar, irakisch-stämmiger Integrationsbeauftragter der CDU-Ostalb (Baden-Württemberg), gegenüber Sputnik. Die Gefahr bestehe trotz der militärischen Situation in Syrien immer noch. Das zeige der aktuell durch den Bundestag verlängerte Einsatz der Bundeswehr, die sich weiterhin am Kampf gegen den IS in Syrien und dem Irak beteiligen werde. „Laut Angaben des Verfassungsschutzes der letzten Tage haben wir zur Zeit mehr als 10.800 Salafisten in Deutschland. Ein paar hundert davon sind sehr gefährlich und stehen unter Beobachtung. Das heißt: Jederzeit kann etwas Schlimmes passieren.“

    Kehren vor allem IS-Frauen zurück?

    Islamismus-Expertin Herrmann-Marschall erwarte eine Rückreisewelle eher bei Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit aus der Terrormiliz. Es gebe „viele bereits bestehende Netzwerke in Deutschland, auch Frauennetzwerke. Die Rolle der Frauen und ihrer Netzwerke sehe ich noch unterschätzt. Die wirken nicht nur zum Rekrutieren von Frauen, sondern sind auch eigene Unterstützernetzwerke für die Männer. Das können Islamisten nutzen. Es gibt viele radikale Frauen, die ihre radikalen Männer unterstützen.“ 

    Mit Blick auf die IS-Frauen und deren Kinder sagte CDU-Mann Al-Ammar: „Hier müssen wir analysieren: Warum sind sie ins IS-Gebiet gegangen? Wieso sind sie IS-Mitglieder geworden? Welche Kontakte haben sie noch zu IS-Strukturen in Deutschland? Immerhin sind das Verdächtige.“ Außerdem gebe es viele Kinder von deutschen IS-Kämpfern und —Kämpferinnen in Syrien und im Irak. „Wir müssen die Verantwortung dafür übernehmen, diese Kinder so schnell wie möglich nach Deutschland zu holen“, forderte der CDU-Politiker. Solche Rückholaktionen seien für ihn am besten über zwischenstaatliche Abkommen zu gewährleisten.

    Urteile gegen IS-Kämpfer ausreichend?

    „Lassen wir beide Seiten, die deutsche und die irakische Regierung, sich an einen Tisch setzen, und dann diskutieren die eine Lösung. Das war ein Vorschlag von mir selbst. Ich habe in den letzten Tagen die irakische Botschaft in Berlin besucht und dem Botschafter meinen Vorschlag unterbreitet.“ Dieser werde von seiner Partei unterstützt.

    „Wir haben in Deutschland so viele Gefährder, IS-Anhänger, die teilweise verurteilt sind“, so Al-Ammar. „Aber leider sind die in unserem Land immer noch auf freiem Fuß.“ In jüngster Zeit gab es Gerichtsurteile auf Bewährung für mutmaßliche syrische Terroristen. So hat das Oberlandesgericht Chemnitz Anfang Dezember den 25-jährigen Syrer Nasser A. wegen Mitgliedschaft in der Terrorvereinigung „Al-Nusra-Front“ zu einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Zuvor wurde Ende November der mutmaßliche IS-Terrorist Ayoub B. (29) nach dessen Rückkehr aus Syrien vom Oberlandesgericht Celle auf Bewährung freigelassen.

    Unbekannte Pläne sorgen für Gefahr

    Über die mögliche Strategie der IS-Rückkehrer sei zu wenig bekannt, so Herrmann-Marschall. „Vieles wird wohl mehr in die Wohnungen verlagert, in konspirative Wohnungen, in diesen Rückzugsraum“, mutmaßte sie. „Personen, die als Flüchtlinge getarnt sind, haben jetzt auch vermehrt eigenen Wohnraum.“ Sie nannte den Fall des unter Terrorverdacht festgenommenen Syrers Jaber Albakr. Er war Anfang 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen und beging nach seiner Verhaftung 2016 vermutlich Selbstmord in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Leipzig. Einen ähnlichen Fall gab es im August in Hamburg, wo Abdullah K. sich in der Untersuchungshaft erhängte. Er soll mit vier anderen Syrern der „Al-Nusra-Front“ angehört haben.

    Die SPD-Frau stellte fest: „Wir werden weiter mit dieser Gefahr langfristig leben müssen.“ Die Sicherheitsbehörden seien schon lange überfordert. „Mehr Personal und eine verbesserte Bund-Länder-Kooperation im Bereich der Sicherheitskräfte könnten eher die Probleme lösen helfen.“

    Alexander Boos

    Das komplette Interview mit Mustafa Al-Ammar zum Nachhören:

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