01:01 18 Oktober 2018
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    Das verlassene Gebäude des Bahnhofs von Detroit - US-Infrastruktur leidet unter chronischer Unterfinanzierung

    „Infrastruktur aus den 50ern“ – US-Expertin zu Amerikas Straßendesaster

    © AP Photo / Carlos Osori
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    US-Präsident Donald Trump ist bereits seit fast einem Jahr im Weißen Haus. Für die marode amerikanische Infrastruktur wurde aber bislang kaum etwas getan. Kristina Swallow, Präsidentin der American Society of Civil Engineers (ASCE) hat Sputnik erklärt, wie gravierend die Finanzierungslücke für die grundlegende Infrastruktur in den USA wirklich ist.

    Die Vereinigten Staaten haben ein Problem, und das sind nicht feindliche Soldaten an der Landesgrenze oder willkürlich umherziehende Terroristen – es ist die kollabierende Infrastruktur im Inland der einstigen Supermacht.

    Zerfallende Straßen, Brücken, Eisenbahnen und Wasserverbindungen – die alle wollte Trump nach seinem Amtsantritt eigentlich massiv modernisieren. Passiert ist seitdem nicht viel.

    Laut Kristina Swallow hat der letzte Bericht der ASCE ein Finanzierungsdefizit für die amerikanische Infrastruktur von etwa zwei Billionen Dollar für die nächsten zehn Jahre festgestellt.

    Seit Jahrzehnten nicht genug Investitionen

    Der Großteil der US-Infrastruktur ist dabei nach Angaben der ASCE bereits längst über die eigentliche Lebensdauer hinaus. Der Staat aber investiere seit Jahrzenten nicht genug.

    „Ingenieure machen alles Mögliche, um die veraltete Infrastruktur zu reparieren und die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten, aber im Endeffekt braucht unsere Infrastruktur eine Modernisierung, die nur durch eine Vergrößerung der Finanzierung erreicht werden kann“, unterstreicht die Präsidentin der ASCE.

    Der Großteil der aktuell genutzten Infrastruktur sei im Zeitraum zwischen 1933 und 1970 gebaut worden, als der sogenannte „New Deal“-Kurs von US-Präsident Franklin Roosevelt eingeläutet worden war. Damals seien gewaltige Staatsinvestitionen in Großprojekte geleistet worden, um der Massenarbeitslosigkeit aus der Großen Depression der 1920-er Jahre wieder Herr zu werden.

    Zerfallende Infrastrukturobjekte in den USA - Das vielleicht größte Problem der einstigen Supermacht?
    © RIA Novosti . James West
    Zerfallende Infrastrukturobjekte in den USA - Das vielleicht größte Problem der einstigen Supermacht?

    Laut Swallow gründete Roosevelt damals die Works Progress Administration als größte Bundesbehörde der USA zur Arbeitsbeschaffung für die Millionen Arbeitslosen. Diese habe sich mit dem Bau solcher Projekte wie etwa dem Lincoln Tunnel, der Triborough Bridge, des La Guardia Airport in New York und des Los Angeles International Airport sowie Tausender weiterer Projekte befasst.

    „In den 1950er Jahren schuf Präsident Eisenhower das Interstate Highways System. Es revolutionierte die Möglichkeiten der Amerikaner, durch das Land zu reisen, und ermöglichte einen effizienteren Transport von Gütern“, erklärt Swallow weiter.

    Danach blieben aber viele Großprojekte nur in der Vision oder in der Planung stecken. Zwar habe in den 1970er Jahren der Kongress den Clean Water Act als großangelegtes Projekt zum Bau von Wasserreinigungsanlagen im ganzen Land verabschiedet. Auch habe Präsident Ronald Reagan in den achtziger Jahren auch versucht, die Infrastruktur zu verbessern. Jedoch waren diese Unterfangen „nicht besonders umfangreich oder radikal“.

    Im Großen und Ganzen „leben wir von der Infrastruktur, die in den 50er und 60er Jahren in Betrieb genommen wurde“, betonte Swallow für Sputnik.

    So gebe es in den USA 614.387 Brücken, von denen allerdings 40 Prozent mindestens 50 Jahre alt und über 56.000 „strukturell unvollkommen“ sind, dennoch weiterhin genutzt würden.

    Zusammenbruch der Minneapolis-Brücke von 2007

    Während der abendlichen Rush Hour am 1. August 2007 brach eine dieser Brücken im Zentrum von Minneapolis samt Dutzender Autos und Busse in den Fluss Mississippi ein. Dreizehn Personen starben damals, Dutzende konnten aus dem Wasser gerettet werden.

    Die Tragödie hätte noch viel schrecklicher werden können, denn 63 Kinder konnten nur knapp aus einem Schulbus gerettet werden, der am Brückenrand hängengeblieben war.

    Trotz dieses Schock-Ereignisses rückten Infrastrukturfragen schon bald wieder in den Hintergrund und wurden von für Durchschnittsamerikaner dringenderen Fragen überdeckt – wie etwa Waffengesetze, Abtreibungen, Rassenunterschiede und Transgender-Toleranz.

    USA: Eine verwahrloste Eisenbahnstrecke und eine obdachlose Heroinabhängige
    © AFP 2018 / DOMINICK REUTER
    USA: Eine verwahrloste Eisenbahnstrecke und eine obdachlose Heroinabhängige

    Swallow hatte während der Präsidentschaftskampagne 2017 Hoffnung geschöpft, da sowohl Trump als auch seine Herausforderin Hillary Clinton Infrastrukturfragen ganz oben auf ihren Agenden hatten.

    „Wir hofften, dass ihr Enthusiasmus und ihre Energie bedeuten würden, dass dies zur gesetzlichen Priorität wird“, beschreibt die Amerikanerin ihre damaligen Gedanken.

    Dennoch warte man immer noch auf einen „großen Plan zur Modernisierung der Infrastruktur“.

    Versuche der US-Behörden

    Es wäre falsch zu sagen, dass die US-Behörden absolut nichts zu unternehmen versuchen. So war eine der ersten Amtshandlungen von Trump im Oval Office, die Ausarbeitung eines Eine-Billion-Plans zur Modernisierung der US-Infrastruktur anzukündigen.

    Im Juni versprach der US-Präsident, dass diese Initiative auch den großangelegten Ausbau der Breitbandinternetverbindung im ländlichen Amerika beinhalten soll.

    „Meine Administration arbeitet jeden Tag daran, die Infrastruktur auf Weltniveau zu gewährleisten, die unsere Menschen auch verdienen und die, um ehrlich zu sein, auch unser Land verdient“, erklärte Trump im August.

    Die US-Handelskammer ihrerseits startete die Initiative „Lasst uns Amerika umbauen“ und kooperiert hier eng mit der ASCE bei der Lobbyierung dieses Projektes im Kongress.

    Woran alles scheitern könnte

    Doch selbst so ist nichts gewiss, denn über all diesen Unterfangen hängt ein Damoklesschwert, das immer schwerer wird – die US-Schulden.

    Die Staatsschulden der USA belaufen sich nach einigen Berechnungen auf 20 Billionen Dollar, und sie wachsen weiter. Da Trump jetzt Steuererleichterungen durchsetzen will, würde das Staatsbudget noch klammer werden.

    Ob Washington daher überhaupt noch Geld für all seine Projekte haben wird, darf durchaus angezweifelt werden, denn selbst bei einer Aufsplitterung des Finanzierungsdefizits auf zehn Jahre beläuft sich der Geldmangel bei der Infrastruktur auf 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

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    Tags:
    Geldmangel, Defizit, Finanzierung, Infrastruktur, Modernisierung, Wirtschaftskrise, Große Depression, Franklin D. Roosevelt, Donald Trump, Ronald Reagan, Hillary Clinton, USA