04:43 15 November 2018
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    humanitäre Hilfe, Syrien (Archiv)

    Harter Winter naht: Deutscher Verein sammelt für Kinderkleidung in Syrien

    © Sputnik / Michail Woskresenski
    Gesellschaft
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    Dieser Winter wird hart für fast drei Millionen Kinder, die in Syrien auf der Flucht sind. Deshalb sammelt der Verein „Freundschaft mit Valjevo“ aus Bayern Spenden für Kinderkleidung. Der Vorsitzende des Vereins Bernd Duschner meint im Sputnik-Interview, dass durch die Sanktionen des Westens in Syrien mehr Leid entsteht als durch den Krieg selbst.

    Der 66jährige Bernd Duschner aus dem oberbayrischen Pfaffenhofen engagiert sich mit seinem Verein „Freundschaft mit Valjevo e.V.“ für Syrien. Ursprünglich wurde der Verein bereits 1999 während des Jugoslawienkrieges gegründet. Seinerzeit organisierten Duschner und seine Mitstreiter Hilfstransporte in die serbische Stadt Valjevo, die damals sehr stark bombardiert wurde.

    Direkten Kontakt mit Syrien nahm der Verein vor drei Jahren auf. Damals wurden in einer ersten Aktion Spenden gesammelt, um einem Jungen aus Damaskus eine Operation in Deutschland zu ermöglichen, die in Syrien nicht möglich gewesen wäre. So nahm Duschner, der Volkswirtschaft und Italienisch studiert hat, Kontakt zum sogenannten Italienischen Krankenhaus in Damaskus auf, das den Jungen zuvor behandelt hatte. Das Krankenhaus wurde vor über hundert Jahren von Nonnen der italienischen Ordensgemeinschaft der Don-Bosco-Schwestern gegründet.

    Der Verein sammelte daraufhin in Deutschland für eine Wasserwiederaufbereitungsanlage für die Dialyse im Krankenhaus. Das Geld gelangte über den Libanon zu den Nonnen, da der direkte Geldverkehr mit Syrien nach wie vor durch die Sanktionen verboten ist.

    Selbst Medikamente, medizinisches Verbrauchsmaterial, notwendige Geräte und Ersatzteile für das Krankenhaus sind wegen der umfassenden Finanz- und Wirtschaftssanktionen im Land kaum zu bekommen.

    Sanktionen führen zu Bürgerkrieg

    „Der Syrienkrieg begann 2011 mit dem Beschluss von Sanktionen. Für uns waren das Kriegsvorbereitungen, weil solche Sanktionen das Land wirtschaftlich lahmlegen, Massenarbeitslosigkeit schaffen und die Versorgungslage der Bevölkerung massiv verschlechtern. Das spitzt die sozialen und ethnischen Konflikte zu und treibt ein Land in den Bürgerkrieg. So haben wir überlegt, was wir für die Bevölkerung tun können“, sagte Duschner gegenüber Sputnik.

    • Übergabe einer Nähmaschine
      Übergabe einer Nähmaschine
      © Foto : Carol Tahhan
    • Syrische Frauen danken Gemeinde Pfaffenhofen
      Syrische Frauen danken Gemeinde Pfaffenhofen
      © Foto : Carol Tahnan
    • Auspackung der Humanitärhilfe
      Auspackung der Humanitärhilfe
      © Foto : Carol Tahhan
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    © Foto : Carol Tahhan
    Übergabe einer Nähmaschine

    Als nächstes bekam der Verein vom Krankenhaus den Vorschlag, syrische Frauen als Schneiderinnen auszubilden. Mit so einer Ausbildung findet man in Syrien gut Arbeit. Der Verein sammelte erneut Geld und ermöglichte so 40 syrischen Frauen die Ausbildung, die sie vor kurzem abgeschlossen haben. Außerdem wurden für alle Schneiderinnen Nähmaschinen finanziert. Die Spenden sammelt der Verein über Aufrufe im Internet, lokale Veranstaltungen und die Verteilung von Infomaterial.

    „Nach wie vor ist Syrien ein Stichwort, wo Menschen auch in Deutschland spontan helfen“, meint Duschner. „Uns geht es aber nicht nur um die humanitäre Hilfe, sondern wir sehen uns auch als Friedensgruppe. Wir wollen mit unseren Aktionen auch auf die verheerenden Wirkungen der Sanktionen hinweisen.“

    Zwischen 2010 und 2014 ist die Arbeitslosigkeit in Syrien von 15 auf 58 Prozent gestiegen. Das Bruttosozialprodukt ist nur noch ein Viertel so hoch wie 2010. Sechs von zehn Syrern leben heute in Armut, neun Millionen Syrer sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Die Sanktionen haben zu Hunger und Epidemien geführt, es fehlt an Lebensmitteln und Medikamenten. Selbst Syrer im Ausland dürfen kein Geld an ihre Verwandten im Heimatland schicken.

    Duschner meint: „Es wird geschätzt, dass in den sechs Jahren Krieg in Syrien inzwischen mehr Menschen aufgrund fehlender medizinischer Versorgung ums Leben gekommen sind als durch den Krieg selbst.“

    Grenzöffnung für syrischen Mittelstand

    Bernd Duschner setzt sich auch mit dem politischen Hintergrund des Syrienkrieges auseinander. Für die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge in Deutschland 2015 hat der Vereinsvorsitzende eine andere Deutung:

    „Die meisten Menschen bei uns denken, dass die Öffnung der Grenzen erfolgt ist, um den syrischen Menschen zu helfen. Das ist falsch. Seit Ende 2014 hatte die Bundesregierung die Ausländerbehörden veranlasst, Syrer bevorzugt zu behandeln und ihnen schnell Asyl zu geben, inklusive Familiennachzug, Integrationskurs und damit Arbeitsmarkteröffnung. Das war in einer Phase, in der die syrische Regierung um ihr Überleben kämpfte. Damals fielen Palmyra und Idlib", sagt er.

    "Die islamistischen Kräfte rückten auf die Hauptstadt vor. Der Mittelstand, der die finanziellen Möglichkeiten noch hatte, verließ das Land. Die Bundesregierung hat hier einen Sog ausgelöst. Wenn es ihr wirklich um Hilfe fürs Volk gegangen wäre, hätte sie nur die Sanktionen aufheben müssen. Die wahre Zielsetzung war aber, das Land zu schwächen und in einer kritischen Phase Arbeitskräfte, Fachleute und Rekruten für die Armee zu entziehen. Das war verheerend. Auch das italienische Krankenhaus hat mir erzählt, dass sie damals viele Ärzte verloren haben. Seit sich Syrien nach dem russischen Eingreifen wieder stabilisieren konnte, wird diese Freizügigkeit nun allmählich von der Bundesregierung wieder zurückgedreht.“

    Aktuell sammelt der Verein Spenden für ein Nachfolgeprojekt, bei dem es darum geht, dass die ausgebildeten Schneiderinnen Winterkleidung für Kinder nähen. Unter den 6 Millionen Binnenflüchtlingen in Syrien, die großenteils in Notunterkünften wohnen, sind 2,8 Millionen Kinder. Durch Kriegszerstörungen ist die Strom- und Gasversorgung eingeschränkt. Besonders im Winter wird die Lage oft prekär.

    Die erste Spendensammlung für Winterkleidung wurde bereits überwiesen und erste Kinderkleidung hergestellt, wie Schwester Carol vom Italienischen Krankenhaus an Herrn Duschner schreibt:

    Liebster Herr Duschner,

    endlich komme ich dazu, Dir zu schreiben und für Deine Unterstützung zu danken, die Du uns mit diesen Hilfen gibst. Wir haben die 16.000 EUR erhalten. Tausend Dank! Hier ist das ganze Material, das ich bis jetzt gemacht habe. Ich danke Ihnen. Die Freude der Frauen, die ein Gehalt bekommen haben, ist sehr groß und nicht nur bei den Frauen, sondern auch bei den Armen, die ein Weihnachtsgeschenk erhalten. Ein Dank an Sie und alle Spender, Schwester Carol.

    Spenden für den Verein „Freundschaft mit Valjevo e.V.“ können überwiesen werden auf das Konto bei der Sparkasse Pfaffenhofen, IBAN DE06 7215 1650 0008 0119 91, Stichwort „Hilfe für Kinder in Damaskus“. Der gemeinnützige Verein kann Spendenbescheinigungen für das Finanzamt ausstellen.

    Armin Siebert

    Das komplette Interview mit Bernd Duschner zum Nachhören:

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    Tags:
    Krankenhäuser, Kleidung, Medikamente, Bevölkerung, Sanktionen, Syrien, Deutschland