04:49 19 November 2018
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    Respektlosigkeit und Gewalt an Schulen - Ein Berliner Lehrer packt aus

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    Ein Lehrer schildert anonym drastische Missstände an weiterführenden Berliner Schulen. Vor dem Hintergrund eines Brandbriefes von Pädagogen der Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken an das zuständige Ministerium, spricht er von Aggression, Gewalt und Respektlosigkeit. Scheitert bundesweit das Konzept der Inklusion in der Bildung?

    Lehrer der „Gemeinschaftsschule Bruchwiese“ in Saarbrücken haben in einem bereits im Juni 2017 verfassten Brandbrief drastische Missstände geschildert. Dort soll es um Aggressionen und Gewaltbereitschaft, aber auch um Respektlosigkeit, Sexismus und Frauenverachtung gehen. Die Lehrer hätten Angst, bestimmte Schüler zu unterrichten, berichtet die Saarbrücker Zeitung (Vollständiger Brief anbei, Quelle: Spiegel Online).

    Das komme auch einem Lehrer bekannt vor, der an einer integrierten Sekundarschule (ISS) in Charlottenburg unterrichtet. Er unterstütze den Vorstoß der Kollegen in Saarbrücken, möchte aber aus Sorge um seinen Arbeitsplatz anonym bleiben. Seine Schule sei kein Einzelfall und würde auch viele andere Bildungseinrichtungen in Berlin betreffen, betont er in einem Sputnik-Interview:

    „Das fängt bei einem normalen Gespräch an, wenn man einfach nur jemandem einen guten Morgen wünscht, dass dann komische Kommentare kommen. Dass wenn man Schüler auffordert, etwas zu tun, es missachtet wird. Dass die Art, mit einem Lehrer zu sprechen, einfach jegliches Maß an Respektlosigkeit übertrifft, und wo ich als Lehrer selber teilweise geschockt dastehe und nicht weiß, was ich sagen soll.“

    Deutlich werde das vor allem dann, wenn große Gruppen und gerade Klassen mit vielen Schülern mit Förderbedarf zusammen kämen, erklärt der Pädagoge: „Dadurch wird es zunehmend schwieriger für einzelne Lehrer, solche Probleme anzugehen. Die Zeit ist erstmal gar nicht da. Und meistens fehlt dann auch die Kraft. Das zeigt sich natürlich dadurch, dass immer mehr Personal ausfällt und immer mehr Lehrer damit einfach überfordert sind.“

    Man spreche in diesen Fällen immer von Inklusion, aber die wenigsten Lehrer hätten Ahnung davon, bemerkt der Lehrer. „Geschweige denn von irgendwelchen diagnostischen Fördermaßnahmen. Oder was man mit einem Kind mit Lernschwierigkeiten macht. Es gibt ja verschiedene Kategorien von Lernschwächen oder Verhaltensproblemen, die diagnostiziert werden können. Und gerade in Gesamtschulen trifft man Klassen mit vielen verschiedenen Niveaustufen und  Förderschwierigkeiten. Das kann ein Lehrer einzeln nicht stemmen. Dafür sind Sonderpädagogen zuständig. Nur diese Sonderpädagogen, die wirklich gebraucht werden, habe ich in meinem Unterricht noch nie erlebt“, so der Lehrer der Charlottenburger ISS.

    „Holen Sie sich doch eine Fortbildung“

    Auch die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie hat sich zu dem Fall gemeldet. Die Sprecherin der Senatorin für den Bereich Bildung, Beate Stoffers, schrieb in einer E-Mail an die Sputnik-Redaktion: „Ich möchte anmerken, dass die besagte Lehrkraft sich Unterstützung durch geeignete Fortbildungsmaßnahmen holen sollte. Es stellt sich auch die Frage, ob der Schulleitung (oder nur der Presse) die Probleme der Lehrkraft angezeigt wurden. Warum eine Lehrkraft den Überblick zu allen rund 700 Schulen haben soll, erschließt sich mir ebenfalls nicht.“

    Der Hilferuf des Lehrers hat auch die Berliner Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW-Berlin) erreicht. Deren Vorsitzender Tom Erdmann bestätigt den Zustand und sagt: „Wir haben auch in Berlin über alle Schultypen hinweg Fälle von Respektlosigkeit und Situationen, in denen normales Unterrichten und Lernen kaum mehr möglich sind. Allerdings ist das nicht die Mehrzahl der Fälle. Die meisten Schulen funktionieren gut.“

    Versagt die Inklusion?

    Besonders große Probleme gebe es in Stadtgebieten wie Nord-Neukölln, Moabit oder in Teilen von Spandau, sagt Erdmann: „Das sind größtenteils Schulen, die viele Kinder aus wirtschaftlich armen Verhältnissen haben.“ Ungefähr 200 von 800 Schulen seien in Berlin von solchen Problemen betroffen. Viele Lehrkräfte seien dort überfordert und würden das durch kürzere Arbeitszeiten kompensieren, erklärt der GEW-Vorsitzende:

    „Sie versuchen weniger zu arbeiten, damit mehr Zeit für die persönliche Erholung bleibt, um mit dem Erlebten klarzukommen.“ Das könne aber nicht sein, dass die Lehrkräfte und andere Pädagogen sich Ihre eigene Entlastung selbst bezahlen müssen, kritisiert der Gewerkschaftler.

    „Hier muss der Senat bessere Entlastungsmodelle finden. Und das mindeste ist, dass die Lehrkräfte und andere Pädagogen auch für solche Gewaltvorfälle fortgebildet werden können. Wir reden hier von Fort- und Weiterbildung und auch mehr Personal. Wir brauchen mehr sonderpädagogisches Personal in den Schulen.“

    Hier müsse der Senat Farbe bekennen und sagen, wie alle 800 Schulen an der Herausforderung Inklusion beteiligt werden können. Insbesondere Gymnasien seien hier relativ weit hinten, findet Erdmann: „Inklusion ist ein Menschenrecht und das Konzept, wie Schule funktionieren muss.  Also dem gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung oder mit besonderem Förderbedarf.“

    Im März 2009 ist in Deutschland das „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ der Vereinten Nationen (kurz „Behindertenrechtskonvention“) in Kraft getreten. Mit diesem Vertragswerk verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten zur Durchsetzung der Menschen- und Selbstbestimmungsrechte von Menschen mit Behinderungen und zur Förderung ihrer Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen. Im Artikel 24 ist das Recht auf inklusive Bildung festgeschrieben.

    Doch es gebe auch gute Nachrichten, bemerkt Erdmann: „Die GEW begrüßt, dass der Senat endlich anerkannt hat, dass es diese Problemschulen gibt und dass das Abgeordnetenhaus auch beschlossen hat, diese Schulen zu unterstützen.“

    Das komplette Interview mit dem anonymen Lehrer zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Tom Erdmann zum Nachhören:

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