09:55 02 Juli 2020
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    Die Beate Uhse AG wurde nicht einfach nur vom Internethandel und Porno-Plattformen überrannt, sie hat vor allem die neue Konsumentengruppe nicht erkannt – so erklärt der Geschäftsführer von Amorelie den Umstand, dass die Kultmarke nach über 60 Jahren Insolvenz beantragt hat.

    Wenn man an die Presseabteilung von Beate Uhse schreibt, kommt die Nachricht als unzustellbar zurück. Ruft man an, erklingt nur ein langanhaltender Ton. Nach über einem halben Jahrhundert Firmengeschichte hat die Sexshop-Kette Beate Uhse jüngst Insolvenz beantragt.

    1951 von der damaligen Kunstflug-Pilotin Beate Rotermund-Uhse als Versandhaus gegründet, eröffnete die Beate Uhse AG 1962 den weltweit ersten Sexshop in Flensburg. Von da an schossen die Beate-Uhse-Shops wie die Pilze aus dem Boden. Doch in den 0er-Jahren begann das Unternehmen zu schwächeln, bis es nun zur Insolvenz kam. Wie konnte das mit der deutschen Kultmarke geschehen?

    Denn die Erotikbranche boomt auf der anderen Seite. Händler wie Amorelie und Orion machen satte Umsätze und haben gutes Wachstum zu verzeichnen. „Für die Gründung der ersten Sexshops gebührt Beate Uhse als Gründerin ziemlich viel Respekt“, kommentiert Sebastian Pollok, Geschäftsführer und Mitgründer von Amorelie. Aber…

    Beate Uhses Fehler: Konsumentenwandel nicht erkannt

    Für Pollok liegt der entscheidende Fehler darin, dass die Beate Uhse AG nicht rechtzeitig den Wandel der Zeit durchschaut hätte: „Sie haben die Zielgruppe, die wir erkannt haben, nicht oder nicht schnell genug als Zielgruppe erkannt und immer noch auf ihr altes Geschäftsmodell gesetzt.“ Die neue Gruppe, das seien Frauen, Paare, „eher die Apple- und Cosmopolitan-Generation“, wie Pollok es ausdrückt. Lifestyle-Magazine, aber auch Produktionen wie „Sex and the City“ oder „50 Shades of Grey“ hätten dafür gesorgt, dass das Thema Sexualität in die Mitte der Gesellschaft gerückt sei.

    Der neue Typ Konsument sei im Internet beheimatet und interessiere sich für Erklärvideos, Illustrationen, Texte und Rezensionen anderer Kunden – genau das, was Amorelie zur Verfügung stellt. Die Marke Amorelie soll „ein positives, schönes und inspirierendes Lebensgefühl“ geben, sie soll nicht dreckiges Geheimnis sein, sondern Lifestyle und Mode ausdrücken, „nicht, was man klassisch mit dem Namen Beate Uhse verbindet“, so Pollok.

    Denn Beate Uhse sei auf eine eher alte, männliche und im Ganzen „ein bisschen extremer dominierte Zielgruppe“ ausgerichtet gewesen. „Um es stereotypisch zu sagen: Man muss sich erst mal in diesen dunklen Shop reinducken und die schweren Vorhänge beiseite räumen, um überhaupt in diesen Laden reinzukommen und kommt dann mit dieser mysteriösen schwarzen Plastiktüte wieder ans Tageslicht, wo jeder weiß, was eigentlich drin ist“, beschreibt der Mitgründer von Amorelie das „Einkaufserlebnis“ im Sexshop bei Beate Uhse, das für ihn „nicht mehr zeitgemäß“ sei.

    Sterben die Sexshops generell aus?

    Beate Uhse hatte vor allem einen Namen von ihren berühmten Sexshops her. Im Internet wurde sie von Amorelie und anderen überholt. Nun werden ihre Sexshops wohl schließen. Doch wenn der neue Konsument glücklich in einer Beziehung ist und bequem vom Laptop aus und ohne lästige Blicke Fremder das eine oder andere Spielzeug begutachtet – wie ist es dann um die Zukunft der Sexshops generell bestellt?

    Der Geschäftsführer von Amorelie wagt den „Blick in die Glaskugel“ und sieht nur dann eine Chance für die Sexshops der Zukunft, wenn sie es schaffen, denn „Erlebnischarakter“ von Grund auf umzugestalten, Events zu veranstalten oder den Sexshop zum Kunden nach Hause zu bringen, wie Amorelie es mit seiner Toyparty derzeit probiert.

    In jedem Fall müsse ein „informativer, erklärender Erlebnischarakter in einem etwas privateren Umfeld“ entstehen, das Konzept des Sexshops „komplett neu“ gedacht werden.

    Valentin Raskatov

    Das komplette Interview mit Sebastian Pollok zum Nachhören:

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    Tags:
    Sex, Mode, Konsum, Handel, Deutschland