22:23 24 Juni 2019
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    Deutschlands Polizei und Flüchtlinge an der Grenze (Archiv)

    „Externalisierung“: Wem muss es schlecht gehen, damit es Deutschen gut geht?

    © AP Photo / Markus Schreiber
    Gesellschaft
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    Uns geht es nur so gut, weil es anderen schlecht geht. Für den Soziologen Stephan Lessenich ist das keine Floskel, sondern ein Fall von Wechselwirkung: Die Gesellschaften des Nordens schaffen für ihren Lebensstil prekäre Zustände im Süden. Die Situation spitzt sich weiter zu und nur eine „radikale“ Veränderung kann daran etwas ändern.

    Zur Weihnachtszeit üben sich viele Menschen gewohnheitsmäßig in der Geschenk-Akrobatik im Konsumzirkus, zunehmend auch bequem vom Bildschirm aus. Was viele dabei verdrängen: Der Wohlstand im Norden ist nur dadurch möglich, dass es andernorts prekär zugeht. Diesen Zusammenhang sieht der Soziologe Stephan Lessenich von der Ludwig-Maximilians-Universität München klar gegeben und bezeichnet ihn als Externalisierung.

    Externalisierung: Das Leben auf Kosten der Anderen

    Die Kosten und Folgen unserer Produktion und unseres Konsums werden nämlich nach Ansicht des Soziologen in andere Weltregionen, in andere Gesellschaft ausgelagert, auf deren Kosten wir unseren Lebensstil überhaupt führen können. Und das passiere nicht erst seit gestern, sondern seit etwa 500 Jahren. Deswegen sei aus dieser Struktur eine „Selbstverständlichkeit“ geworden. „Wir merken gar nicht mehr, wie sehr unsere eigene Lebensweise auf Voraussetzungen beruht, die von anderen geschaffen werden“, so Lessenich. Denn für die Bundesrepublik Deutschland gelte, dass ihre Gesellschaft einen sehr hohen „Ressourcenhunger“ hat, der mit Ressourcen gestillt wird, die nicht vor Ort gefördert werden.

    Das führt zu einer Reihe von Problemen in den Regionen, die für diesen Ressourcenhunger herhalten müssen: „Da stecken nicht nur große Umweltzerstörungen drin, da steckt nicht nur ein hoher Landverbrauch, Wasserverbrauch, Luftverbrauch dahinter; da steht oft schlechte Arbeit, oft Kinderarbeit dahinter“, so Lessenich. Es entstünden auch „Arbeitsbedingungen, die große Bevölkerungsmehrheiten hierzulande sich nicht träumen lassen und denen sie sich niemals bereit wären zu unterwerfen“. Und dennoch würden von Quartal zu Quartal unser Konsumniveau, Energieverbrauch, Ressourcenniveau und Emissionsniveau gesteigert.

    Klimawandel und Flüchtlinge – Folgen der Externalisierung

    Wenn dieser Prozess nicht aufgehalten wird, so werden nach Lessenich „die Folgen auf unsere Gesellschaft als Verursacher zurückschlagen“, was sich bereits jetzt in Form von Klimawandel und Fluchtbewegungen abzeichne. Er kritisiert in dem Zug auch die Politik Europas, das viele Debatten über die Flüchtlingsströme geführt habe, „aber keine Debatten über die tatsächlichen Fluchtursachen und zwar die strukturellen Fluchtursachen – nicht nur einzelne Kriege“. Denn die für den hiesigen Konsum zerstörte Umwelt und die prekären Lebensbedingungen in den betreffenden Ländern führten dazu, dass die Menschen ihre Umgebung verlassen, müssen schlichtweg, „weil sie dort keine Lebenschancen haben“.

    Von wegen allen geht es besser – Mythos Fahrstuhleffekt

    An den Fahrstuhleffekt, der besagt, dass der Wohlstand aller Schichten der Gesellschaft mit der Zeit steige, wenn die Wirtschaft nur gut läuft, glaubt Lessenich auf der Weltskala nicht. Zwar sei der Wohlstand nach dem II. Weltkrieg in der Tat massiv angestiegen, es gab das deutsche „Wirtschaftswunder“. Doch in anderen Regionen sei der Fahrstuhl dafür entweder stecken geblieben oder sogar wieder runter gefahren. Der Soziologe glaubt, „dass der langfristig wachsende Wohlstand in diesem Land zusammenhängt mit den verunmöglichten Entwicklungschancen in anderen Weltregionen“.

    Eine Veränderung müsste radikal und global sein

    Die Alternative zu dem Mechanismus der Externalisierung kann für Lessenich nur „radikal“ sein. Ob der Einkauf immer neuer Kleidungsstücke, üppige Ernährung oder das private Fahrzeug – an allem müsste geschraubt werden. Zudem wäre ein Umstieg auf Lokalwirtschaft sinnvoll, also der Konsum von lokalen Produkten, um weite Transportwege und hohe Emissionen einzusparen. In reichen Regionen wie Deutschland müsse der Wohlstand „so wie wir ihn heute verstehen“ in Zukunft sinken, eine Umverteilung zu den Ärmeren hin erfolgen.

    Und vor allem müssten den anderen Ländern „tatsächliche Entwicklungschancen“ geboten werden, „die nicht nur heißen, dass etwas Entwicklungshilfe dorthin gebracht wird und im Gegenzug erwartet wird wie beispielsweise jetzt zuletzt, dass dort die Flüchtlinge, die ansonsten zu uns kommen würden, aufgehalten werden.“ Vielmehr gelte es, den südlichen Ländern „eine eigene ökonomische, industrielle oder Dienstleistungsentwicklung“ zu ermöglichen.

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Flüchtlinge, Folgen, Klima, Chancen, Entwicklung, Deutschland