13:58 19 Juni 2019
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    US-Gefängnis: Hinter Gittern im -Land der Freiheit-?

    Inhaftierte US-Bürger: Der Kommerz mit der Freiheit

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    Die Vereinigten Staaten sind in ihrem eigenen Empfinden das „Land der Freiheit“, statistisch gesehen jedoch die Nation mit den meisten Inhaftierten der Welt. Dies liegt allerdings nicht nur an der Kriminalitätsrate in dem Land, sondern vor allem am amerikanischen Gefängnissystem – dies sorgt nämlich für ordentliche Profite bei privaten Anstalten.

    Bereits seit Jahrzehnten haben die USA ein immer ernsteres Problem mit ihren Haftanstalten. In keinem Land der Welt sitzen mehr Menschen in Gefängnissen – und in keinem ist es vermutlich mehr auf Maximalprofit ausgerichtet.

    Laut der Statistikdatenbank statista.com sitzen mehr als 2,145 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten im Gefängnis. Das zweitplatzierte Land in diesem Ranking, China, hat „nur“ rund 1,65 Millionen Häftlinge – und das bei einer deutlich größeren Bevölkerungszahl.

    Länder mit der größten Anzahl an Inhaftierten (Juli 2017):

    Statistik: Länder mit der größten Anzahl an Inhaftierten (Oktober 2017*) | Statista
    Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

     

    In relativen Zahlen (Anzahl Inhaftierter pro 100.000 Einwohner) liegen die USA auf dem zweiten Platz, wobei der Erstplatzierte – die Seychellen – ein Archipel aus 115 kleinen Inseln ist und rein methodisch nicht unbedingt mit einem Flächenstaat wie die USA verglichen werden kann.

    Mit verschiedenen Maßnahmen hat Washington bereits im Laufe von Jahrzehnten versucht, diese dramatischen Zahlen umzukehren – oft jedoch mit noch schlimmeren Ergebnissen.

    So hatte die US-Politik bereits seit den 1970er Jahren auf die sogenannte „Desinstitutionalisierung“ gesetzt – das war ein Versuch, die hoffnungslos überfüllten staatlichen Gefängnisse zu entlasten und die Häftlinge in kleineren privaten Haftanstalten unterzubringen.

    Die Idee war wohlklingend: Die kleinen Haftunternehmen sollten „individueller“ sein und den Häftlingen dabei helfen, leichter in das normale Leben zurückzufinden. Doch die Idee stellte sich als Desaster heraus – und zwar vor allem wegen ihres Kommerzes.

    Die Privatgefängnisse, die teilweise wie Aktiengesellschaften funktionierten, boten in der Realität kaum Integrationsmaßnahmen für Häftlinge an, sondern betrachteten sie vor allem als eine profitable Ressource.

    Der Kommerz der Freiheit

    Ende 2016 sollte ein radikaler Schlussstrich gezogen werden: Sally Yates, stellvertretende Generalstaatsanwältin des Landes, forderte von Washington, sich vom System der privaten Gefängnisse zu verabschieden.

    „Im Laufe der Zeit  hat sich gezeigt, dass sie (die privaten Gefängnisse – Anm.d.Red.) im Vergleich zu den staatlichen Einrichtungen schlechter abschneiden“, schrieb Yates hierzu in einem Memorandum.

    Wie weit die Kommerzialisierung in das amerikanische Gefängnissystem zu dem Moment bereits eingesickert war, zeigte die Reaktion der Börse – Privatgefängnisse sind in den USA nämlich nicht selten börsennotierte Unternehmen.

    Die Aktienkurse führender privater Gefängnisbetreiber brachen nach Yates Vorschlag massiv ein. So brach der Wert von „Corrections Corporation of America“, dem größten privaten US-Gefängnisbetreiber mit Dutzenden Einrichtungen und fast 100.000 Inhaftierten, um 35 Prozent ein.

    Das Millionengeschäft mit den Häftlingen – allein dieses Unternehmen erzielte nach Angaben des Handelsblattes im ersten Halbjahr 2015 911 Millionen Dollar Umsatz und 104 Millionen Gewinn – zeigte sich somit eindeutig negativ eingestellt gegenüber staatlichen Regulierungsmaßnamen.

    Nervenheilstätten der USA

    Noch besorgniserregender ist die dargestellte Lage angesichts der Tatsache, dass US-Gefängnisse nicht selten auch als Haftanstalten für psychisch kranke Menschen genutzt werden. Die angesprochene Initiative zur Deinstitutionalisierung betraf nämlich nicht nur Gefängnisse, sondern auch staatliche Nervenkliniken.

    Öffentliche Nervenkliniken schlossen, private entstanden kaum. Die Masse an nun „unbegleiteten“ geisteserkrankten Menschen wurde daraufhin in gewöhnliche Gefängnisse „umgeleitet“ – mit dramatischen Folgen. US-Gefängnisse wurden auf einmal zu Nervenheilanstalten.

    Nach Angaben verschiedener Medien sitzen nun Hunderttausende psychisch kranke Amerikaner in Gefängnissen – ohne die entsprechenden Möglichkeiten für eine medizinische Behandlung oder eine menschenwürdige Versorgung.

    So zitierte bereits im Jahr 1999 Senator Moynihan eine Schätzung, nach der 283.800 der Inhaftierten in amerikanischen Haftanstalten geisteskrank seien.

    „Gefängnisse sind die neuen Nervenheilanstalten unserer Nation“, fällte er das harte Urteil.

    Die Wärter in diesen Gefängnissen sind mit der Situation meistens hoffnungslos überfordert und nutzen für die Behandlung von psychisch kranken Menschen dieselben Methoden wie bei Schwerkriminellen – Pfefferspray, Elektroschocker und Schläge.

    Das auffällige Verhalten geisteskranker Häftlinge wird öfters nicht als ein Symptom der Erkrankung, sondern als ein Ausdruck von Ungehorsam wahrgenommen und entsprechend bestraft.

    Todesfälle von psychisch kranken Menschen in US-Gefängnissen sind daher keine Seltenheit, wie etwa im Fall von Natasha McKenna.

    Die mental kranke Frau wurde wegen „nicht normalen Verhaltens“ von ihren Wärtern mehrmals hintereinander mit Elektroschockern stillgestellt.

    Wenige Tage später verstarb die Frau in einem Krankenhaus. Der Vorfall erregte in den USA auch deshalb eine besondere Aufmerksamkeit, da die Handlungen der zuständigen Verantwortlichen im anschließenden Gerichtsverfahren für "korrekt" erklärt wurden.

    Das Video des brutalen Umgangs mit der psychisch kranken Frau können Sie auf YouTube sehen.

    Durch seine mediale und öffentliche Präsenz rückte die Situation rund um das US-Gefängnissystem kurz auf die Tagesagenda der amerikanischen Öffentlichkeit – konsequente Entscheidungen der Politik bleiben dennoch weiter offen.

    Mediale Aufarbeitung

    Doch auch umgekehrte Fälle gibt es – gesunde Inhaftierte können sich unter ungünstigen Umständen auf einmal in psychiatrischen Einrichtungen wiederfinden.

    Gerade zum Letzteren wäre es falsch zu sagen, dass es in der amerikanischen Gesellschaft überhaupt nicht aufbereitet ist. So erschien bereits im Jahr 1975 der ergreifende Film „Einer flog über das Kuckucksnest“.

    Darin landet ein absolut gesunder Kleinkrimineller in einer psychiatrischen Klinik und wird zum Ende des Films durch eine Lobotomie verstümmelt.

    Aus Mitleid wird er von einem seiner Freunde im Schlaf mit einem Kopfkissen erstickt.

    Die USA mögen immer noch den Status einer Weltmacht haben und überall auf der Welt Einfluss ausüben können, ergreifenden Problemen im Inneren ihrer Gesellschaft kommt Washington allerdings eher schleppend nach.

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