05:56 19 November 2018
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    Ein minderjähriger Flüchtling aus dem Nahost steht vor der deutschen Nationalflagge

    Wenn Nazis Flüchtlinge bewachen – Was ist in Cottbus schief gelaufen?

    © AP Photo / Vadim Ghirda
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    In der Silvesternacht hat in Cottbus eine Gruppe Deutscher mehrere Asylbewerber attackiert und bis ins Flüchtlingsheim verfolgt – die Türen hat der Wachschutz geöffnet. Was bei alldem ins Auge springt: Der Leiter der Firma und seine Mitarbeiter haben auf Facebook rechtsextreme Inhalte geteilt.

    Es war Nacht, das neue Jahr hatte eben begonnen, und sie fuhren von einer Silvesterfeier im Zentrum der Stadt mit der Straßenbahn zurück in den Süden der Stadt, wo ihre Unterkunft liegt. Doch dort trafen die Asylbewerber auf eine Gruppe von 10 bis 14 Deutschen, die alkoholisiert wirkten. Von diesen wurden sie auf ihrem Heimweg angegriffen, bespuckt, beleidigt und mit Bierflaschen beworfen. So zog sich der zweiminütige Heimweg in die Länge, und die Opfer erreichten erst nach 20 Minuten ihr Ziel. Das erzählt Maria Koch, eine Mitarbeiterin der Bürgerinitiative „Cottbus schaut hin“, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Übergriffe auf Flüchtlinge und Flüchtlingshelfer in Cottbus zu dokumentieren.

    Doch damit endet ihre Erzählung nicht. Denn an der Unterkunft angekommen, werden die Verfolgten vom Wachpersonal zwar hereingelassen, doch auch einer der Verfolger gelangt dabei ins Flüchtlingsheim. Dort prügelt er weiter auf die Afghanen ein, wird von diesen aber schließlich überwältigt. Doch als sie den Mann festhalten und die Security darum bitten, die Polizei zu rufen, passiert etwas Unerwartetes: Auf anhaltendes Klingeln lässt die Wachmannschaft weitere Angreifer in das Haus ein, und die Schlägerei entfacht von neuem. Irgendwann öffnen sich die Türen, die Security lässt den Angreifern den Weg nach draußen frei und meint etwas wie: „Die Polizei kommt gleich“. Daraufhin verschwinden die Täter. Als dann die Polizei vor Ort ist, liefert das Wachpersonal außerdem noch falsche Angaben über den Fluchtweg der Täter. Das ist die Sicht auf die Vorgänge, die Koch aus Gesprächen mit den Betroffenen gewinnen konnte. Die Frage, die sich daran anschließt, lautet: Wie konnte das alles so kommen?

    Zwielichtige Wachschutz-Firma

    Diese Frage stellte sich auch „Cottbus schaut hin“ und warf einen Blick auf den Inhaber und die Mitarbeiter der Wachfirma Distelkam. Das Unternehmen hatte letztes Jahr die Neuausschreibung zur Bewachung der Unterkunft gewonnen, und eine Kontaktperson der Bürgerinitiative teilte mit, dass sich seitdem „das Klima auch sehr gewandelt hat“, so Koch. In den sozialen Netzwerken fand sie auch Anhaltspunkte, woran das liegen könnte.

    Screenshot von Facebook via „Cottbus schaut hin“
    Screenshot von Facebook via „Cottbus schaut hin“

    Ein Blick auf die private Facebook-Seite des Inhabers Kai Distelkam verriet der Bürgerinitiative sofort eine ausländerfeindliche Gesinnung: Distelkam posierte in einem Shirt mit dem Eisernen Kreuz, teilte Links, in denen der NSU-Prozess als Märchen bezeichnet wird und markierte diverse ausländerfeindliche Seiten mit einem „Like“, wie „Heimat und Tradition Chemnitz Erzgebirge“, „Sachsen stellt sich quer – Asylmissbrauch stoppen“ und andere. Auch Mitarbeiter von Distelkam hätten sich auf ähnliche Weise hervorgetan. So hat einer von ihnen als Hintergrundbild seines Profils einen Schwibbogen mit Nazi-Symbolen und einem Wehrmachtsflugzeug gewählt und als Profilbild – das Eiserne Kreuz. Rechtsextreme also, die Asylanten beschützen sollen?

    • Screenshot von Facebook via „Cottbus schaut hin”
      Screenshot von Facebook via „Cottbus schaut hin”
    • Screenshot von Facebook via „Cottbus schaut hin”
      Screenshot von Facebook via „Cottbus schaut hin”
    • Solche Seiten soll Distelkam mit einem „Like“ markiert haben.
      Solche Seiten soll Distelkam mit einem „Like“ markiert haben.
    • So sah das Profil eines Mitarbeiters vor kurzem aus.
      So sah das Profil eines Mitarbeiters vor kurzem aus.
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    Screenshot von Facebook via „Cottbus schaut hin”

    Aber es scheinen nicht einfach nur ein paar Rechtsextreme im Wachschutz gewesen zu sein, wie Koch mitteilt: Denn der Geschäftsführer und seine Mitarbeiter sollen auf Seiten wie „Heimat und Tradition Chemnitz Erzgebirge“ Aufrufe zur Bewerbung bei der Firma Distelkamp gepostet haben. Nach dem Schema: Lasst uns Rechtsextreme die Flüchtlinge doch selbst bewachen.

    Die erste Hass-Mail für ihre Veröffentlichung hat sich die Bürgerinitiative auch schon eingefangen:

    Polizei: „Können wir so nicht bestätigen“

    Die Vorgänge kann die Pressesprecherin der Polizeidirektion Süd in Cottbus, Ines Filohn, bis zum Eintreffen an der Unterkunft so bestätigen, allerdings handelt es sich in ihrer Darstellung bei der Gruppe um sechs bis sieben Deutsche. Auch die Darstellung des Wachpersonals weicht ab: Es sei geklingelt worden, die Wache habe den Türöffner getätigt, aber es sei niemand eingetreten. Nachdem die Security dann hinging und die Tür öffnete, sei „gleich eine Personengruppe in das Objekt hineingestürzt“, so Filohn. Es habe sich dabei um vier Deutsche, zwei deutsche Frauen und zwei afghanische Asylbewerber gehandelt, die sofort aufeinander losgegangen seien. Die Wachschutzleute hätten sie nicht trennen können. Nach einem Polizeiruf hätten die Täter die Flucht ergriffen.

    Was die rechtsextremen Inhalte betrifft, so lautet der Kommentar der Pressesprecherin: „Nach gegenwärtigem Ermittlungsstand können wir das so nicht bestätigen.“ Bei den betroffenen Wachleuten, die auch als Zeugen im Verfahren auftreten, sei „nicht bekannt, dass sie der rechtsextremen Szene zugehörig sind“. Der Fortgang der Ermittlungen müsse abgewartet werden.

    Stadtverwaltung: Vorerst keine Konsequenzen

    Sollten aber die Vorwürfe der Bürgerinitiative stimmen, wird die Stadt sich für Schlamperei bei der Tiefenprüfung des Unternehmens verantworten müssen. Allerdings nicht die Stadt Cottbus, wie deren Pressesprecher, Jan Gloßmann, schriftlich mitteilt, sondern die Stadt Chemnitz, wo die Firma ihren Sitz hat. Das sei nach einer Mitteilung aus Chemnitz dort auch erfolgt. Gloßmann merkt aber an:

    „Einer Stadtverwaltung fehlen sowohl Kapazitäten als auch weiterreichende Kompetenzen, einzelne Profile in sozialen Netzwerken 'aufzustöbern' oder gar unter dem Blickwinkel des Strafrechts zu bewerten. Nicht jeder abstoßende Inhalt ist zugleich auch strafrechtlich relevant.“

    Nach derzeitigem Erkenntnisstand seien jedenfalls „keine Beanstandungen an der Arbeit des Wachschutzes erkennbar“, teilt Gloßmann weiter mit. Sollte es aber Vertragsverletzungen gegeben haben, werde man die Situation prüfen und mögliche Konsequenzen ziehen. In jedem Fall seien die Ermittlungen der Polizei abzuwarten.

    Die Screenshots wurden Sputnik von der Bürgerinitiative „Cottbus schaut hin“ zur Verfügung gestellt. Auf Distelkams Seite sind die geteilten Inhalte nicht mehr zu sehen. Die Firma Distelkam hat auf Sputnik-Anfrage bis zum Redaktionsschluss am Dienstag nicht geantwortet.

    Valentin Raskatov

    Das Interview mit Maria Koch zum Nachhören:

    Das Interview mit Ines Filohn zum Nachhören:

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    Tags:
    Flüchtlinge, Neonazis, Flüchtlingsheim, Skandal, Überwachung, Cottbus, Deutschland