18:36 23 Januar 2018
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    Anastassiya Dranchuk, gefeierte Konzertpianistin

    Märchen ohne Happy End? – Russisches Wunderkind soll aus Berlin abgeschoben werden

    © Foto: Anastassiya Dranchuk
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    Es hat wie ein Märchen begonnen: Wunderkind am Piano wird aus Kasachstan zum Studium nach Berlin eingeladen. Dann der jähe Abbruch im Herbst 2016: Ihr wird der Pass entzogen. Sie darf Berlin nicht verlassen und soll nun zum 31. Januar abgeschoben werden. Dagegen kämpft die gefeierte Konzertpianistin und zeigt sich im Sputnik-Interview optimistisch.

    Ouvertüre

    Anastassiya Dranchuk gilt als Wunderkind am Klavier. Zu ihren Förderern und Bewunderern gehört Stardirigent Daniel Barenboim. Nun soll die Pianistin abgeschoben werden. Nach Kasachstan, in ein Land, dessen Sprache sie nicht einmal spricht. Ihre Vorfahren wurden damals unter Stalin aus Russland und der Ukraine in die zentralasiatische Steppe verbannt. Als Anastassiya 1989 geboren wurde, gab es die Sowjetunion noch. Zurück kann sie nicht und will sie nicht.

    Anastassiya Dranchuk mit Bundeskanzlerin Angela Merkel
    © Foto: Anastassiya Dranchuk
    Anastassiya Dranchuk mit Bundeskanzlerin Angela Merkel

    Crescendo

    Dranchuk kam 2001 auf Einladung der Musikhochschule Hanns Eisler zum Studium nach Berlin. Im Sputnik-Interview erzählt sie: „Die ersten Jahre waren intensiv. Es war nicht einfach, sich in einem neuen Land zu integrieren. Aber irgendwie hab ich das Land von Anfang an sehr gemocht und hier meine Heimat gefunden.“

    Schon während der Ausbildung nahm ihre Karriere Fahrt auf. Sie wurde von Barenboim entdeckt, spielte bei Staatsempfängen vor Angela Merkel und Michail Gorbatschow und wurde Teil der internationalen Klassik-Elite. Ihre Eltern, selbst erfolgreiche Konzertgeiger, sollten ihre damals noch minderjährige Tochter nur nach Deutschland begleiten. Inzwischen arbeiten sie als Musiklehrer an deutschen Gymnasien, sind selbst eingebürgert und besitzen einen deutschen Pass. Nicht so ihre Tochter.

    Salopp ausgedrückt hat Dranchuk es versäumt, sich rechtzeitig um eine Einbürgerung zu bemühen. Kein Wunder, war sie doch in den letzten Jahren weltweit auf Konzerten unterwegs. Da sie zum Studium nach Berlin kam, war ihre Aufenthaltserlaubnis an die Immatrikulation gebunden. Als die Pianistin aufgrund von Konzerten einige Vorlesungen verpasste, wurde sie kurz vor Beendigung des Studiums exmatrikuliert. Inzwischen ging ihre Karriere durch die Decke. Sie hatte internationale Wettbewerbe gewonnen und sorgte sich nicht weiter um das Diplom. Nur erlosch mit dem Abbruch des Studiums auch ihre Aufenthaltserlaubnis in Deutschland.

    Angesprochen darauf, ob sie Unterstützung von Kollegen erfahren habe, erzählt Dranchuk: „Ich habe ein Jahr niemandem davon erzählt. Das war mir so peinlich. Ich hatte ja immer noch gehofft, das mit der Behörde selbst klären zu können.“

    Anastassiya Dranchuk mit Michail Gorbatschow
    © Foto: Anastassiya Dranchuk
    Anastassiya Dranchuk mit Michail Gorbatschow

    Die junge Musikerin hoffte nach wie vor, dass sich alles zum Guten wenden würde. Der Gedanke, als eine der besten Künstlerinnen der Stadt abgeschoben zu werden, erschien unvorstellbar. Viele müssen ihr Studium wegen Erfolglosigkeit abbrechen. Bei Anastassiya war es genau umgekehrt: Wegen ihres großen Erfolges blieb das Studium auf der Strecke. Dies soll sie nun mit dem Verlust ihrer Karriere und ihrer Heimat teuer bezahlen.

    Mezzoforte

    Im Herbst 2016 wurde der jungen Künstlerin tatsächlich ihr kasachischer Pass abgenommen und eine sogenannte Residenzpflicht ausgesprochen. Das heißt, sie darf bis heute Berlin und Brandenburg nicht verlassen. Sie berichtet: „Ich habe viel in Europa und Asien gespielt. Ich bekomme immer noch viele Einladungen, die ich aber leider nicht annehmen kann, da ich keinen Pass habe.“

    Was dies für die Karriere bedeutet, kann man nur erahnen. Gerade im harten internationalen Musikgeschäft sind die ersten Jahre auf den Bühnen der Welt entscheidend für den Werdegang. „Meine Kollegen spielen überall, und ich bin nirgendwo zu hören. Gott sei Dank hatte ich in Berlin und Brandenburg gute Auftritte im letzten Jahr. Aber das kann doch nicht ewig so weiter gehen. In meinem Alter, wo man etwas aus seinem Leben macht, finde ich so eine Entscheidung fatal und unmenschlich“, so das bittere Fazit der 28-jährigen Künstlerin.

    Anastassiyas Geschichte ist wie ein Märchen, wie Aschenputtel – nur umgekehrt. Sie wurde gefeiert und soll nun verstoßen werden.

    Finale

    Nachdem Dranchuk der Pass entzogen wurde, passierte 14 Monate lang nichts. Im Dezember 2017 bekam sie plötzlich kurz vor Weihnachten ein Schreiben von der Ausländerbehörde, in dem sie aufgefordert wurde, Deutschland bis zum 31. Januar 2018 zu verlassen. In dem Vollzugsbescheid wurden ihre Aufenthaltserlaubnis abgelehnt und Zwangsmaßnahmen mit einer gewaltsamen Abschiebung angedroht. Die Künstlerin ist verzweifelt:

    „Meine Heimat ist hier, ich habe keine andere außer Deutschland. Wo soll ich denn hin nach 17 Jahren in Deutschland? In Kasachstan habe ich niemanden mehr, weder Freunde noch Verwandte.“

    Die Berlinerin gibt sich kämpferisch, hat sich einen Anwalt genommen und ist nun mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen. Inzwischen hat sich sogar der Innensenator von Berlin, Andreas Geisel, eingeschaltet. „Ich bin mir sicher, dass wir zu einem guten Ergebnis kommen werden", wird der Senator in der Presse zitiert. Das Land Berlin hat im Jahr 2016 insgesamt 2028 Personen abgeschoben. Die Zahlen für 2017 werden wahrscheinlich ähnlich hoch sein.

    Die Pianistin wünscht sich Ausnahmeregelungen im Gesetz: „Man fragt sich natürlich, was man macht, wenn man keinen Popularitätsbonus hat wie ich? Was hat man dann für eine Chance? Mit meinem Fall beschäftigt sich jetzt die Härtefall-Kommission. Was ich mir grundsätzlich von den Behörden und der Politik wünsche, ist, dass unübliche Fälle auch unüblich behandelt werden. Um hohe Leistungen in den Bereichen Sport und Kultur zu erbringen, braucht man nicht unbedingt ein Diplom. Man kann es auch ohne schaffen, wie viele Fußballer. So neu ist das nicht. Schön wäre es, wenn solche Ausnahmen auch im Gesetz vorgesehen wären.“

    Während sich bei kriminell gewordenen Flüchtlingen die Abschiebung schwierig gestaltet, zeigt sich der Staat bei echten „Fachleuten“, die wie in Dranchuks Fall eigenes Geld verdienen und Deutschland in der Welt Ehre machen, kompromisslos. Ein Skandal und eine Schande für Berlin.

    Dranchuk versteht die Welt nicht mehr und betont, dass sie der Stadt und dem Land nicht auf der Tasche liegen möchte: „Wer hätte denn etwas von dieser Abschiebung? Was möchte man damit erreichen? Ich habe nie das Gesetz gebrochen. Ich bin kein Schwerverbrecher, und ich habe noch nie Sozialhilfe in Anspruch genommen und habe das auch nicht vor.“

    Epilog

    Die Starpianistin hofft nun auf ein positives Urteil und eine Ausnahmegenehmigung der Ausländerbehörde. Sie will auch ihr Diplom nachholen. Deutschland ist ihre Heimat geworden und soll es auch bleiben. Zum Schluss unseres Interviews wendet sich Anastassiya mit einer Bitte an das Land Berlin: „Lasst mich doch bitte einfach arbeiten.“

    Falls Deutschland hart bleibt, wird vielleicht doch nicht Kasachstan das Wunderkind bekommen. Es gibt sicher eine Menge Länder, die das Klaviertalent mit Kusshand aufnehmen würden.

    Armin Siebert

    Das komplette Interview mit Anastassiya Dranchuk zum Nachhören:

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    Tags:
    Kind, Wunder, Pass, Ausbildung, Migranten, Musik, Deutschland
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