12:36 20 Februar 2018
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    Der deutsch-kurdische Fußballer Deniz Naki (2010)

    "Absturz in die Dunkelheit" - Zwei türkische Reaktionen auf Deniz Naki-Anschlag

    © REUTERS/ Christian Charisius
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    2016

    Vor wenigen Tagen ist mitten auf einer deutschen Autobahn auf den deutsch-kurdischen Fußballspieler Deniz Naki geschossen worden. Er selbst vermutet dahinter politische Motive. Sputnik präsentiert Ihnen zwei türkische Meinungen über den Mordanschlag und seine Hintergründe.

    Der Abgeordnete Garo Paylan des türkischen Parlaments von der prokurdischen „Demokratischen Partei der Völker“ (HDP) betont, dass Naki im Laufe der letzten Jahre seiner Fußballkarriere in der Türkei regelmäßig aufgrund von Nationalitätenspannungen zum Ziel verschiedener Politiker geworden sei – im öffentlichen Leben wie in der Presse. 

    „Wenn sich in der Türkei die Politik oder die Medien bestimmte Personen wegen ihrer Überzeugungen oder ihrer erklärten Position zum Ziel aussuchen, führt dies nicht selten dazu, dass Kräfte aufkommen, die aus dieser Situation persönlichen Profit herausschlagen wollen und zu Gewalttaten neigen“, erklärt der Abgeordnete.

    Laut dem Politiker ist der Angriff auf Deniz Naki eindeutig ein Mordanschlag gewesen. Und gerade weil er sich in Deutschland zugetragen habe, müsse die deutsche wie auch die türkische Regierung nun alles dafür tun, um die Schuldigen ausfindig zu machen.

    Laut Paylan gibt es in der Geschichte der Türkei Tausende nicht aufgeklärte Kriminalfälle. In vielen von ihnen seien Staatsbedienstete involviert gewesen.

    „Das gesellschaftliche Klima schafft Bedingungen für solche Verbrechen“, betont der Politiker.

    Vor nicht allzu langer Zeit seien in Paris drei kurdische Aktivistinnen getötet worden, dann habe sich der Mord an Hrant Dink, dem armenischen Journalisten und Zeitungsherausgeber mit türkischer Staatsbürgerschaft, ereignet, und danach noch viele vergleichbare Fälle.

    In all diese Gewalttaten seien entweder Staatsbedienstete involviert gewesen oder seien sie die Folge von Tendenzen zu Gewalt gegen Minderheiten gewesen.

    „Selbstverständlich müssen diejenigen gefunden werden, die den Abzug bei diesem Mordanschlag betätigt haben. Aber zusätzlich ist es unbedingt notwendig, diejenigen zu finden, die den Befehl dazu gegeben haben, ‚Deniz Naki seinen Platz aufzuzeigen‘“, betont der HDP-Funktionär.

    Absturz statt Demokratisierung

    Erst vor nicht allzu langer Zeit habe die Türkei eine sichtbare Demokratisierung erfahren, erklärt der Politiker.

    Viele hätten gehofft, nun den für viele Gewalttaten verantwortlichen „Schattenstaat“ zu überführen und zu demokratisieren.

    Doch im Moment sehe man eher einen Absturz „in die absolute Dunkelheit“.

    In dieser Dunkelheit würden alle „kriminellen Traditionen“ der Türkei wiedergeboren werden, alle Schattenakteure würden wieder ihr Handwerk betreiben.

    „Sie müssen gestoppt werden. Wenn wir das nicht schaffen, wird die Situation nur noch neue Verbrechen provozieren“, sagt Paylan.

    Anfangen sollte dies mit einer demokratischen Lösung der Frage um die kurdische Minderheit in der Türkei. Ein Gleichgeweicht zwischen den Gerichten, der Staatsmacht und der Politik müsse erreicht werden. Solange kein solches System steht, wird auch die „Schattenstruktur“ laut dem prokurdischen Politiker weiter Verbrechen begehen.

    Tatmotive differenzieren

    Ähnlich äußert sich auch Bekir Yilmaz, der Präsident der türkischen Gemeinde in Berlin. Obwohl er die politischen Ansichten von Deniz Naki nicht teile und „seine Provokationen“ nicht befürworte, sei ein solcher Mordanschlag unannehmbar und zu verurteilen.

    „Im Laufe seiner Fußballkarriere hat sich Deniz Naki viele Provokationen erlaubt. Aber selbst wenn man das als rechtswidrig ansieht, so darf nur der Rechtsstaat hierfür Konsequenzen auferlegen“, betont  Yilmaz.

    Jegliche Handlungen von anderen Kräften oder der Einsatz von Gewalt seien niemals zu akzeptieren.

    Gleichzeitig betont der Präsident der türkischen Gemeinde in Berlin, dass die Tatmotive – wenn sie auch politisch seien – differenziert werden müssten.

    So gebe es beispielsweise eine große Anzahl an Menschen, die gegen den türkischen Präsidenten eingestellt seien.

    Wenn also Naki nur für seine Opposition gegen Recep Erdoğan angegriffen worden wäre, so müsste dies vielfach auch mit anderen Personen geschehen – was zum Glück nicht passiere.

    Also muss es laut dem Präsidenten der türkischen Gemeinde weitere Faktoren geben – möglicherweise etwas mit „seinen persönlichen Situationen“ oder auch mit seiner Einstellung zu kurdischen politischen Kräften.

    „Möglicherweise geschah er (der Mordanschlag – Anm.d.Red.) wegen seiner Äußerungen über ein ‚unabhängiges Kurdistan‘“, so Yilmaz abschließend.

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    Tags:
    Mordanschlag, Motive, Kritik, Bekir Yilmaz, Garo Paylan, Deniz Naki, Recep Tayyip Erdogan, Kurdistan, Türkei, Deutschland
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