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06:26 16 Juli 2019
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    Abtreibung (Symbolbild)

    Unwort des Jahres: „Alternative Fakten“ statt „Babycaust“ – Abtreibungsfrage bleibt

    © Depositphotos / Lightsource
    Gesellschaft
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    Ilona Pfeffer
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    Bei der Wahl zum Unwort des Jahres haben sich die „Alternativen Fakten“ durchgesetzt und damit den als Favorit gehandelten Begriff „Babycaust“ abgehängt. Die Ärztin Kristina Hänel hätte sich gewünscht, dass es „Babycaust“ geworden wäre, denn das lenke die öffentliche Aufmerksamkeit auf eine überfällige Debatte: Das Abtreibungsrecht.

    „Alternative Fakten“ ist das Unwort des Jahres 2017. Das gab die Jury um Linguistik-Professorin Nina Janich von der TU Darmstadt am Dienstag bekannt. Die auf die Trump-Beraterin Kellyanne Conway zurückgehende Bezeichnung sei der „verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen“. Weitere Mitbewerber um den Titel „Unwort des Jahres“ waren dieses Mal unter anderem die Begriffe „Bio-Deutsche“ und „Atmender Deckel“.

    Als Favorit wurde noch tags zuvor quer durch die deutsche Presse der Begriff „Babycaust“ gehandelt, und das aus gutem Grund. 122 Mal wurde das Wort nominiert – öfter als jedes andere potentielle Unwort 2017. Und: „Babycaust“ steht für eine längst überfällige Debatte, die in der deutschen Gesellschaft geführt werden muss. Sputnik hat seine Nominierung zum Anlass genommen, die Auseinandersetzung, für die „Babycaust“ steht, noch einmal aufzurollen.

    Grausige Schockbilder, grelle Überschriften und diffamierende Inhalte: Die Seite „Babycaust” ist nichts für schwache Nerven. In ihrem Internetauftritt agitieren die Abtreibungsgegner um den Seitenbetreiber Klaus Günter Annen gegen Schwangerschaftsabbrüche und die Ärzte, die sie in Deutschland vornehmen. Die sprachliche Anlehnung an den Holocaust ist gewollt. Besucher der Seite sollen vermittelt bekommen: Abtreibung ist Massenmord, hinter dem eine mächtige Lobby und ein ganzes Netzwerk stehen, und dieses Verbrechen wäre genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer als die Vernichtung der Juden im Dritten Reich.

    Spätestens, wenn man sich die Mühe macht, die Seite genauer zu betrachten, kann man nachvollziehen, warum „Babycaust“ als Unwort des Jahres nominiert worden ist. 

    Angefangen hat die jüngste Debatte um das Abtreibungsrecht mit dem Fall der Gießener Ärztin Dr. Kristina Hänel. Die Medizinerin hatte auf ihrer Internetseite Hinweise zu Schwangerschaftsabbrüchen bereitgestellt und ist dafür zu 6000 Euro Strafe verurteilt worden. Hänel ging an die Öffentlichkeit und trat eine neue Debatte um den Paragraf 219a los, der Werbung für Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellt. Trotz der überwiegend positiven Resonanz seitens Öffentlichkeit und Politik ist der Paragraf weiterhin in Kraft und die Seite der Abtreibungsgegner noch immer online. Dr. Hänel erklärt im Sputnik-Interview:

    „Es hat eine Anzeige von einem Arzt, der Schwangerschaftsabbrüche macht, gegen den Betreiber der Seite, Herrn Klaus Günter Annen gegeben. Das ist von deutschen Gerichten immer bejaht worden, aber Herr Annen ist dann vor den Europäischen Gerichtshof gegangen, und dort wurde gesagt, es sei Ausdruck der Meinungsfreiheit, was Herr Annen macht. Was es bisher allerdings nicht gegeben hat – und ich bin sehr dafür, dass es in Gang kommt – ist, dass Holocaust-Überlebende oder deren Angehörige Herrn Annen anzeigen. Ich glaube, dass dort die Betroffenheit noch mal anders darstellbar ist und dass von dieser Seite jetzt dafür gesorgt werden muss, dass die Seite ‚Babycaust‘ vom Netz genommen wird.“

    Dass die Seite erst jetzt diese Aufmerksamkeit bekomme, liege daran, dass das Thema des Schwangerschaftsabbruchs nach wie vor mit einem Tabu belegt sei, so die Ärztin. Betroffene Frauen und Ärzte hätten andere Sorgen, als sich politisch zu engagieren. Und in der Öffentlichkeit habe die Debatte bisher gefehlt.

    Hinter „Babycaust“ steht laut Dr. Hänel eine weltweite Bewegung, die auch aus den USA finanziert wird.

    „Das Problem der sogenannten ‚Abtreibungsgegner‘ ist ein weltweites Problem. Dieser Holocaust-Vorwurf wird teilweise auch in anderen Ländern benutzt. In Deutschland ist er natürlich ganz speziell zu sehen. Das ist eine radikale Gruppierung, die finanziell von Amerika unterstützt wird. Es sind Menschen am Rande der Gesellschaft, würde ich sagen. Das Problem ist aber: Wenn eine Gesellschaft sich nicht äußert und politisch klar bekennt, dann kriegen solche Menschen Macht. Wenn man Parteien hat, wie die CDU/CSU, die sich nicht deutlich von solchen radikalen Menschen abgrenzen, dann passiert es, dass da eine Lücke in der Gesellschaft entsteht und so ein Thema mehr Macht bekommt, als ihm eigentlich zustehen würde.“

    Mittlerweile bekomme ihr Anliegen jedoch auch von Holocaust-Überlebenden und Angehörigen Unterstützung, erzählt Kristina Hänel.

    „Jetzt ist die Lagergemeinschaft Ausschwitz, insbesondere Herr Neithard Dahlen, auf diese Seite aufmerksam geworden. Es war seine Idee, das Wort,Babycaust‘ als Unwort des Jahres vorzuschlagen.“

    Für die engagierte Ärztin hat „Babycaust“ in jedem Falle den Titel als Unwort des Jahres verdient.

    „Dass so viele dieses Unwort eingereicht haben, zeigt, wie hoch der gesellschaftliche Druck ist. Es zeigt auch, dass sich die Politik nicht weiter verstecken kann: Der Paragraf 219a muss abgeschafft werden!“

    Das komplette Interview mit Dr. Kristina Hänel zum Nachhören:

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    Tags:
    Wort des Jahres, Problem, Ärzte, Abtreibung, Schwangerschaft, Baby, Genozid, Medizin, Ilona Pfeffer, Deutschland