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    Iris Gleicke (i.d.Mitte)

    Ostbeauftragte Gleicke zu Ost-West-Schüleraustausch: Keine neuen Mauern errichten!

    © AFP 2019 / Jens Schlueter
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    Kaum im Amt, kassiert der neue Präsident der Kultusministerkonferenz Helmut Holter (Linke) Kritik. Seinen Vorschlag, einen Schüleraustausch zwischen ost- und westdeutschen Schulen einzurichten, findet Iris Gleicke, die Ostbeauftragte der Bundesregierung, zwar gut gemeint, aber „realitätsfern“ und „absurd“. Sie warnt vor „neuen Mauern“.

    Der neue Präsident der Kultusministerkonferenz Helmut Holter (Linke) hat den Eindruck, 28 Jahre nach dem Fall der Mauer werde zwischen Ost- und Westdeutschland noch immer zu wenig miteinander geredet. Diesem Missstand würde er gern Abhilfe leisten, und zwar durch einen deutsch-deutschen Schüleraustausch

    „Ganz sympathisch“ sei der Vorschlag, jedoch nicht mehr zeitgemäß, kontert die SPD-Staatssekretärin und Ostbeauftragte der Bundesregierung Iris Gleicke. Bei jungen Leuten sei der Unterschied in den Einstellungsmustern gar nicht mehr so groß.

    „Ich werde immer ein Ossi bleiben, ich bin eine ältere Frau. Aber schon mein Sohn ist kein Ossi mehr, er empfindet sich höchstens als ‚Wossi‘. Insofern glaube ich, dass das gut gemeint ist, aber ziemlich realitätsfern.“

    Anfang der 90er Jahre habe sie selbst Schülergruppen aus Westdeutschland und Ostdeutschland zusammengebracht. Da habe es auch noch Sinn ergeben, die Unterschiede seien sehr groß gewesen. Heute gehe es darum, dass wir im tagtäglichen Leben zur Kenntnis nehmen, dass in Ostdeutschland noch nicht alles gut sei. Wir seien auf einem guten Weg, viel sei erreicht worden, aber es gebe auch noch Lücken, so Gleicke im Interview mit Sputnik.

    „Ich glaube in der Tat, dass sich Ost- und Westdeutsche mit den jeweils anderen Lebenslagen auseinandersetzen müssen. Aber da geht es nicht um Schüler, sondern um uns Erwachsene. Wir müssen in Ostdeutschland zur Kenntnis nehmen, dass es strukturschwache Regionen in Westdeutschland gibt. Aber in Westdeutschland muss man begreifen, dass die Unterschiede in der Wirtschaftsentwicklung in Ostdeutschland noch gravierend sind, dass es Lohnunterschiede gibt usw.“

    In den Schulen sei die Auseinandersetzung mit deutsch-deutscher Geschichte wichtig und müsse fest im Lehrplan verankert werden, erklärt die SPD-Politikerin. Von den Lehrkräften in allen Bundesländern wünsche sie sich die Offenheit, sich mit der jeweils anderen Geschichte auseinanderzusetzen.

    Ein Austauschprogramm könnte nach Ansicht der Ostbeauftragten hingegen neue Mauern errichten, statt sie einzureißen.

    „Wenn wir jetzt so tun, als ob wir einen Ost-West-Schüleraustausch brauchen,  wie wir ihn in der Tat mit jungen Leuten aus anderen Ländern brauchen, dann würde man so tun, als ob wir zwischen Ost- und Westdeutschland noch eine Mauer hätten, die aber schon seit 28 Jahren nicht mehr existiert. Das fände ich fatal! Ich habe nichts dagegen, wenn Schülerfahrten nicht nur im eigenen Bundesland stattfinden, aber ich finde, wir müssen heute keine neuen Mauern errichten. Dass man bei Schülerinnen und Schülern, deren Lebenseinstellungen sich sehr viel stärker angenähert haben als die der Eltern und Großeltern, keine neuen Mauern errichtet.“

    Das komplette Interview mit Iris Gleicke (SPD) zum Nachhören:

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    Tags:
    Ostdeutschland, Schüler, Vorschlag, Austausch, Kritik, Integration, SPD, Die LINKE-Partei, Iris Gleicke, DDR, Deutschland