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06:33 24 Juli 2019
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    Einsamkeitsministerium in Deutschland? Das Tabu muss weg, fordert CDU-Mann

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    Gesellschaft
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    Die Briten haben es vorgemacht, jetzt könnte auch Deutschland nachziehen: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert, dass sich das Gesundheitsministerium mit dem Problem der Einsamkeit befasst. Auch Marcus Weinberg (CDU) sagt: Das Thema muss enttabuisiert werden. Neue Konzepte für Stadt und Land sollen Menschen wieder zusammenbringen.

    Einsamkeit hat viele Gesichter: Das Kind, das auf dem Schulhof ausgegrenzt wird. Der gestresste Großstädter, der sich in die Arbeit stürzt und im Gewühl der Metropole einsam unter Vielen ist. Die ältere Dame, die kaum noch das Haus verlässt und keine Familie hat. Der Flüchtling, dem alles hier fremd ist. Wie kaum ein anderes Thema betrifft uns die Einsamkeit als gesamte Gesellschaft. Seit Jahren zeigen Studien zudem, wie die soziale oder emotionale Isolation auch gesundheitlich schadet. Häufig folgen Depressionen, Angstzustände, Suchterkrankungen. Im Interview mit der BILD-Zeitung betonte Karl Lauterbach (SPD):

    „Die Einsamkeit in der Lebensphase über 60 erhöht die Sterblichkeit so sehr wie starkes Rauchen.“  

    Was also tun? In Großbritannien wurde für den Kampf gegen die Einsamkeit extra ein neuer Regierungsposten eingerichtet, den Sportstaatssekretärin Tracey Crouch diese Woche übernommen hat. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach könnte sich so etwas auch für Deutschland vorstellen.

    So weit würde der CDU-Abgeordnete Marcus Weinberg nicht gehen. Jedoch sei es wichtig, dass das Thema Einsamkeit endlich aus der Schmuddelecke rausgeholt werde.

    „Ich weiß nicht, ob es der erste richtige Weg ist, gleich eine Stelle und einen Beauftragten einzurichten. Richtig ist aber, dass das Thema Einsamkeit in weiten Teilen der Gesellschaft tabuisiert wird, weil es einfach eine persönliche Geschichte ist. Selbst zuzugeben, dass man einsam ist, fällt Vielen schwer. Zweitens werden wir immer wieder Menschen erleben, die gerade im Alter einsam werden, weil es die familiären Bindungen nicht mehr in der Form gibt. Es gibt die soziale Isolation, die Arbeitswelt hat sich auch so verändert, dass man nicht mehr wie vor 30, 40 Jahren mit den Arbeitskollegen Zeit verbringt. Das heißt, das Thema Einsamkeit wird wichtiger werden.“

    Das Problem der Vereinsamung sei nicht neu. Aufgrund des gesellschaftlichen Wandels sei es aber nun stärker in den Fokus gerückt worden, erklärt Weinberg, der im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend tätig ist. Weil Einsamkeit so viele unterschiedliche Ursachen habe, müssen auch vielfältige Ideen und Konzepte her, um die Menschen wieder zueinander zu bringen.

    „Es sind viele unterschiedliche Faktoren, deswegen muss man schauen: Ein Blick auf die Arbeitswelt, ein Blick auf das private Umfeld, ein Blick auf die Besonderheiten der Stadt … Was kann ich machen? Ich komme selbst aus der Großstadt Hamburg und weiß, dass in vielen Milieus alte Menschen mittlerweile ganz allein wohnen. Da muss man zum Beispiel darüber nachdenken, wie man denen wieder soziale Angebote machen kann, wo sie sich austauschen und zusammenkommen können. Gemeinsame Cafés, Mehrgenerationenhäuser. Wo Ältere, die gern etwas machen möchten, Jüngere unterstützen können. Diese Vielfalt muss man in der Ausgestaltung der Konzepte entwickeln. Es gibt nicht eine Lösung, sondern viele Lösungen, und es wird ein dickes Brett sein, was man bohren muss.“

    Zu bedenken sei, dass Einsamkeit in der Stadt und auf dem Land unterschiedliche Ursachen haben könne.

    „In der Stadt gibt es zwar mehr Angebote, diese können aber vielleicht nicht in Anspruch genommen werden, weil sie mit Geld verbunden sind. Da könnte man überlegen, ob man Angebote kostenfrei gestaltet. In ländlichen Regionen ist hingegen die Frage: Wie kann man Möglichkeiten schaffen, über Mobilität Menschen zusammenzubringen? Wenn der Bus nicht mehr fährt, muss man das kompensieren. Man muss schauen, ob man mehrere Dörfer zusammenschließen und dort Initiativen entwickeln kann, damit sich Menschen begegnen und aus ihrer Einsamkeit rausgeholt werden können.“

    In der Union habe man bereits darüber diskutiert. Es sei sehr positiv aufgenommen worden, dass das Thema Einsamkeit nun endlich aufgegriffen werde. Wenn eine neue Regierung komme, werde man hoffentlich auch im Familienministerium anfangen, an konkreten Konzepten zu arbeiten. Es gebe schon diverse Angebote wie Mehrfamilienhäuser und Integrationszentren. Man werde diese Arbeit aber künftig noch intensivieren müssen, so Weinberg.

    „Dann hat man nicht die Überschrift ‚Programm gegen Einsamkeit‘, sondern ‚Programm des sozialen Zusammenhaltes‘. Ich glaube, da ist noch viel Spielraum, um sich kreativ Gedanken zu machen.“

    Ilona Pfeffer

    Das komplette Interview mit Marcus Weinberg (CDU) zum Nachhören:

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    Tags:
    Senioren, Einsamkeit, Alter, Arbeitsmarkt, Arbeit, Familie, Armut, CDU, SPD, Karl Lauterbach, Deutschland