20:02 18 August 2018
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    Kinder, Deutschland (Archiv)

    Mehr Kindergeld, weniger Kinderarmut? „Davon haben arme Familien überhaupt nichts“

    © AFP 2018 / Maja Hitij / dpa
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    Fast zwei Millionen Kinder hierzulande sind von Armut bedroht. SPD und Union haben das Problem erkannt. In ihrem Sondierungspapier versprechen die Parteien Gegenmaßnahmen. Doch die sind bei genauer Betrachtung Augenwischerei, kritisiert der Armutsforscher Michael Klundt.

    Das Kindergeld soll bei einer erneuten Großen Koalition um 25 Euro pro Kind angehoben werden. So steht es im Sondierungspapier von CDU, CSU und SPD. „Das ist ein formaler Fortschritt“, sagt Michael Klundt. Zuvor sei, so der Professor für Kinderpolitik von der Hochschule Magdeburg-Stendal, der Begriff Kinderarmut noch nie erwähnt worden. „Zum ersten Mal steht in dem Papier drin, dass es Kinderarmut gibt, dass man etwas dagegen tun möchte und dass man dagegen sogar ein Maßnahmenpaket benötigt“, erklärt Klundt.

    Damit hat es sich aber auch schon. Empfänger von Hartz IV haben nichts von der Kindergelderhöhung. „Für die bedeutet die Anhebung des Kindergeldes um 25 Euro nur, dass sie dann 25 Euro weniger Hartz IV bekommen. Das muss man wissen. Das Kindergeld wird voll angerechnet. Wer meint, dass er damit Kinderarmut bekämpft, irrt sich natürlich“, sagt Klundt. Ähnlich sei es beim Elterngeld. Auch das werde voll angerechnet.

    Verrückte Situation: Wer mehr hat, bekommt auch mehr

    „Was kann man tun, um die Situation der Kinder wirklich zu verbessern“, fragt Sputnik. Klundt nennt drei Maßnahmen:

    „Derzeit sind die Leistungen für Kinder nicht bedarfsgerecht.“ Darum schlägt der Armutsforscher eine bedarfsorientierte Kindergrundsicherung vor. Diese müsse das Existenzminimum sichern. In der Gegenwart läuft es anders: „Bei den Familienleistungen haben wir eine verrückte Situation: Wer mehr hat, bekommt auch mehr. Das glaubt kaum jemand. Aber die Studien, die die Bundesregierung selbst in Auftrag gegeben hat, zeigen: Mehr Einkommen bekommt mehr Leistung. Die oberen zehn Prozent der Familien erhalten von allen Familienleistungen13 Prozent. Das untere Zehntel bekommt nur sieben Prozent. Eigentlich müssten die, die weniger verdienen, doch mehr Leistungen bekommen.“

    Darum fordert Klundt eine Reform bei den Familienleistungen. Das gelte auch für den Kinderfreibetrag. „Wenn der steigt, dann haben Familien in Armut überhaupt nichts davon. Im Gegensatz zu wohlhabenden Familien: Die können mit Hilfe des Freibetrags ihre progressiven Steuersätze herabsetzen. Damit könnten Sie monatlich mehr herausholen als Familien mit Kindergeld und erst recht als Familien in Armut.“

    Als dritten Punkt nennt Klundt den dringend erforderlichen Abbau der Bürokratie in den Beratungsstrukturen: „Das ist so unübersichtlich, dass die meisten Familien nicht wissen, wo sie sich an wen wenden können, um welche Leistung wie zu erhalten.“

    Bremen und Berlin bei Kinderarmut vorn

    In den Stadtstaaten Bremen und Berlin ist laut Klundt das Risiko für Kinder am größten, in Armut abzudriften. „Bei den Flächenländern sind Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt vorn. Insgesamt ist die Kinderarmut in Ostdeutschland etwas gesunken, befindet sich aber immer noch auf hohem Niveau. In Westdeutschland ist sie niedriger, steigt aber in den letzten Jahren an – sogar in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern.“

    Auch in den Medien wird die Problematik immer präsenter. Die kommende Bundesregierung – wie sie auch immer aussehen mag – wird das Thema Kinderarmut in Deutschland anpacken müssen.

    Matthias Witte

    Das komplette Interview mit Prof. Michael Klundt zum Nachhören:

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    Tags:
    Familie, Reichtum, Geld, Eltern, Hartz IV, Kinder, Regierung, CSU, SPD, CDU, Deutschland
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