20:58 10 Dezember 2019
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    U-Bahn-Station Heidelberger Platz in Berlin (Archivbild)

    „Eigenlogik der Städte“: So ticken Berlin, Frankfurt und Dortmund

    © AFP 2019 / Odd Andersen
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    Warum prägen die Berliner immer noch Handlungsmuster aus dem frühen 20. Jahrhundert – wenn sie zur U-Bahn sprinten? Das sei die „Eigenlogik der Städte“, sagt Stadt-Theoretikerin Martina Löw. Sie hat eine wissenschaftliche Theorie dazu entwickelt. „In Metropolen spielen sich Routinen ein und werden weitergegeben“, erklärt sie im Sputnik-Interview.

    Der U-Bahn-Sprint der Berliner ist für die Wissenschaftlerin von der TU Berlin immer noch Ausdruck einer „Tempo-Parole“, die in den 1920er Jahren in der Hauptstadt erstmals ausgegeben wurde. Die aber auch fast 100 Jahre danach weiterhin den Berliner Lebensalltag prägt. „Sie müssen sich das so vorstellen“, erklärt Stadttheoretikerin und Soziologin Martina Löw gegenüber Sputnik.

    „In Städten entwickeln sich Muster, die für die Bevölkerung dort selbstverständlich sind. Und wenn man dorthin zieht, dann lernt man diese Muster. Eigenlogik der Städte meint, dass sich vor Ort, also in den Städten, bestimmte Routinen und auch Weltsichten einspielen. Diese sind dann für diesen Ort typisch und werden nicht unbedingt an anderen Orten in gleicher Weise entwickelt.“

    Professorin Löw entwarf die Theorie der „Eigenlogik der Städte“. In einer aktuellen Studie untersucht sie gemeinsam mit weiteren Forschern Charakter-Merkmale deutscher Metropolen. Jede Stadt, jeder Ort, habe einen bestimmten Charakter. Entziehen könne sich der Einwohner einer Stadt der Eigenlogik des Ortes nicht. Menschen würden sich nach einem Umzug verändern und sich städtischen Gegebenheiten des neuen Ortes anpassen. Oft geschehe das unterbewusst. Löw betonte, im Rahmen der Studie arbeite ihr Team „sehr interdisziplinär“ und eng zusammen mit Vertretern der „Neurourbanistik“, also mit Hirnforschern und Psychologen. Aber auch mit Historikern und Kulturwissenschaftlern.

    „In Berlin ist es so …“

    Obwohl es noch keine ausgearbeitete Eigenlogik-Studie für die Hauptstadt gibt, sieht es Löw zufolge in Berlin so aus: „Die Menschen bestehen hier immer darauf, dass es etwas Gemeinsames in Berlin nicht geben kann. Weil Berlin viel zu heterogen sei. Für Berlin ist gerade das Moment entscheidend, dass seine Einwohner immer maximale Heterogenität und auch strukturelle Spaltungen behaupten.“ Das unterscheide die Hauptstadt von allen anderen deutschen Städten. „Wenn sie dort über Eigenlogik reden, dann sagen die Leute: Für uns ist dies oder jenes typisch.“ Das sei in Berlin nicht der Fall. Denn Berlin sei eine relativ neue Stadt.

    „Die Stadt war von Anfang an geprägt von existenziellen Spaltungen. Insbesondere die Spaltung zwischen der Arbeiterschaft und dem Beamtentum.“ Danach gab es noch die Ost-West-Spaltung, die Zeit der Mauer. Damit wurde „eine neue Form der Spaltung erfahren: Das heißt aber gleichzeitig, dass es nicht das Eine in der Stadt gibt, sondern dass es immer mehrere Zentren gibt.“

    So hatte die geteilte Stadt ihre Zentren in West- wie Ost-Berlin. Diese entwickelten sich jeweils getrennt voneinander nach ihren eigenen Rhythmen. Und die Menschen mit ihnen.

    Daher seien die Berliner schon seit Langem so geprägt: Die Menschen dort sind sich bewusst, dass jederzeit eigene „Weltsichten extrem auseinanderbrechen können“. Das habe sich als etwas sehr Grundlegendes etabliert. Darauf würden sich die Menschen beziehen: Individualismus und die Behauptung, Berlin habe nichts Verbindendes. In Berlin habe man „in den 20er Jahren die Parole entwickelt: ‚Tempo! Tempo!‘“ Es gebe eine sehr starke „Dynamisierungs-Idee“. Dynamisierung bedeutet so viel wie: Immer schneller, immer weiter. Das ständige „Keine-Zeit-Haben“.

    „Sie können in Berlin langsam sein, aber …“

    Die Stadt-Soziologin weiter: „Wenn sich so eine Idee einmal in einer Stadt festgesetzt hat, dann ist es ganz schwierig, sich von dieser Weltsicht wieder zu lösen.“ Denn der oder die Berlinerin könne in der Hauptstadt zwar auch langsam sein, aber dann lebe er oder sie gegen den Takt der Stadt. „Dann nervt es. Man muss sich trotz eigener Ruhe damit auseinandersetzen, dass die Idee der Dynamik in der Stadt existiert.“

    In der Studie haben die Forscher um Professorin Löw weitere deutsche Metropolen untersucht. Darunter auch das Finanzzentrum Frankfurt am Main und den Ruhrpott-Ort Dortmund. „Wir haben eine große Untersuchung gemacht: Zu den deutschen Städten Frankfurt und Dortmund im Vergleich“, erklärte sie weiter. „Es sind strukturell vergleichbare Städte. Wir haben Wirtschaftsstrukturen am Beispiel des Friseurwesens untersucht. Wenn Frankfurt und Dortmund den Bereich des Friseurwesens unterschiedlich organisieren, dann ist das ein starker Hinweis auf die Eigenlogik der Städte.“

    Frankfurt: „Goldene Zukunft“ – Dortmund: „Was ist üblich?“

    Was kam heraus? „Dortmund ist eine Stadt, in der man fest daran glaubt, dass die Zukunft nur vernünftig gestaltbar ist, wenn man die eigenen Strategien aus der Vergangenheit heraus legitimiert und ableitet. Das führt dazu, dass man dreimal überlegt, ob man etwas ändert. Im Friseurwesen beispielsweise ist es keineswegs selbstverständlich, dass die Läden auch am Wochenende und spät abends geöffnet haben. Man orientiert sich eher daran, was üblich ist im Revier.“

    Autonomes Fahren bei der Deutschen Bahn: Minibus Olli in der Testphase
    © Foto : Deutsche Bahn AG / Volker Emersleben
    Frankfurt hingegen sei anders: „Hier ist die Vergangenheit eher etwas, was man zu touristischen Zwecken in Szene setzt.“ Auf dem Römer, dem städtischen Hauptplatz, zum Beispiel. Aber eigentlich versuche die Stadt seit jeher, „mit einem Schritt in der Zukunft zu sein. Und: Sie glaubt fest daran. Das zieht sich durch alle Bereiche: Wirtschaft, Alltagsleben, Kultur. Man glaubt fest daran, dass die Zukunft permanent gestaltbar ist. Und dass immer im Morgen die Chance für das Heute liegt.“ Das führe bei den Friseuren dazu, dass „jeder versucht, etwas Besonderes, etwas Neues“ zu machen. Der Konkurrenzkampf, auch der Kampf um die Kunden mit ausgefallenen Ideen, sei groß.

    Während sich also in Dortmund alle Friseure mehr oder weniger stillschweigend auf gemeinsame Öffnungszeiten einigen, ist solch ein Szenario in Frankfurt undenkbar. Dort, so scheint es, denkt wohl jeder kleine Friseurladen wie die Management-Ebene der großen Frankfurter Geldhäuser.

    Alexander Boos

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Martina Löw (TU Berlin, Fakultät VI: Planen Bauen Umwelt, Institut für Soziologie) zum Nachhören:

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    Tags:
    Soziologie, Entwicklung, Stadt, TU Berlin, Frankfurt am Main, Dortmund, Berlin, Deutschland