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15:58 22 Oktober 2019
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    Cottbus (Archiv)

    Einseitige Berichterstattung und scheiternde Integration – Stimmen aus Cottbus

    © REUTERS / Axel Schmidt
    Gesellschaft
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    Cottbus ist medial schon ein Schreckensort, den man besser meiden sollte. Doch sehen das die Cottbusser so? Nein: Sie kritisieren die einseitige Berichterstattung, berichten zwar von Problemen bei der Integration, aber auch davon, dass Cottbus sehr weltoffen sei und nicht nur aus Nazis und gewaltbereiten Flüchtlingen bestehe.

    In Cottbus brodelt es in letzter Zeit. Zuerst gibt es mehrere Messerattacken von Syrern auf Bürger der Stadt, dann findet eine Demonstration statt, auf der auch viele Vertreter des rechtsextremen Spektrums zu sehen sind. Journalisten werden von Demonstranten angegangen. Stellt sich die Frage: Was für eine Sicht haben die Cottbusser selbst auf diese Ereignisse? Gibt es eine Spaltung in der Gesellschaft? Oder ist es nur ein weiterer vorübergehender Medienhype?

    „Cottbus ist eine weltoffene Stadt“ – Alexander Knappe, Musiker

    „Cottbus ist meine Heimat, ich liebe diese Stadt!“, sagt Alexander Knappe im Sputnik-Interview. Knappe ist in Guben geboren, besuchte in Cottbus die Schule und zog dann im Rahmen seiner Musikerkarriere nach Berlin. Seine Familie lebt noch in Cottbus, er selbst besucht die Stadt regelmäßig. Cottbus sei eine sehr familienfreundliche Stadt, sagt Knappe. Viele Nationalitäten seien in der Universität und im Fußballverein vertreten. Für Knappe ist Cottbus ein weltoffener Ort.

    Zu den neuesten Meldungen aus den Medien sagt er: „Die Berichterstattung irritiert mich, weil ich das Gefühl habe, dass sie sehr einseitig ist. Auch wenn sie mit Sicherheit gerechtfertigt ist, weil: Was dort passiert, das darf nicht passieren. Jeder Mensch hat das Recht auf Asyl.“

    Fremdenfeindlicher sei die Stadt aus Sicht des Musikers nicht geworden. Die Ängste der Bürger seien allerdings schon gewachsen. Der Musiker gibt aber auch zu bedenken, dass Cottbus eine wirtschaftlich schwache Region sei. Es gebe wenig Arbeit, viele alte Leute, und viele zögen weg. Deswegen schließt er: „Die Wahrheit ist auch: Man kann niemandem die Schuld geben außer sich selbst.“

    Die Demonstration findet er für sich genommen nicht problematisch: „Ich finde es viel besser, wenn die Menschen auf die Straße gehen, ihre Meinung sagen und man das sieht, als wenn man das nicht sehen würde.“ Es seien am Ende doch „friedliche Proteste“ gewesen, bei denen auch Syrer dabei gewesen seien, um ein Zeichen zu setzen, dass auch sie gegen Gewalt seitens ihrer Landsleute sind. Vor diesem Hintergrund glaubt Knappe nicht, dass in Cottbus ein rechtsextremes Spektrum angewachsen sei. „Die Menschen wollen weltoffen sein, aber auch sagen dürfen, wenn etwas nicht in Ordnung ist“, bemerkt er.

    Ob es ein Problem mit der Integration gibt? „Die Integration funktioniert einfach nicht“, sagt Knappe dazu. Aber das liege nicht zwangsläufig an den Syrern, sondern daran, dass „vor Ort nicht die nötigen Bedingungen herrschen“. Und schuld daran sei aus seiner Sicht nicht die Landespolitik, sondern die Bundespolitik, die so handle, dass die Ereignisse die Bevölkerung polarisieren und auch ein Stück weit spalten. Von Maßnahmen wie der von Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) hält der Musiker nicht so viel: „Die Politiker löschen einfach nur schnell Brände. Da wird nur reagiert und nicht agiert.“

    „Neulich wurden akademische Mitarbeiter mit Eiern beworfen“ – Student (anonym) der Universität Cottbus

    „Die Atmosphäre würde ich schon als angespannt beschreiben. Es wird an vielen Ecken, egal wo man gerade ist, die momentane Problematik angesprochen“, bemerkt ein Student der Cottbusser Uni gegenüber Sputnik, der anonym bleiben möchte. Er wohne unweit der Universität und bewege sich überwiegend im Bereich der Innenstadt und Altstadt. Dieser Bereich sei vor allem durch Studenten geprägt, und der Student würde ihn nicht „als sozialen Brennpunkt bezeichnen“. Im Süden sehe das anders aus, dort sei auch die Ablehnung gegenüber Flüchtlingen höher.

    Er könne nicht einschätzen, ob die rechte Szene in Cottbus gewachsen sei. Aber die Zahl der „negativ eingestellten normalen Menschen“ sei definitiv gewachsen. „Ich meine damit, dass immer mehr Menschen stark gegen Flüchtlinge eingestellt sind, die sonst nichts mit rechten Organisationen oder ähnlichem zu tun haben“, bemerkt er.

    Erschreckend findet er auch, dass sich die Fremdenfeindlichkeit mittlerweile gegen jeden ausländischen Bürger richte. „Unsere Universität hat einen sehr großen Teil an internationalen Studenten. Neulich wurden akademische Mitarbeiter aus einem fahrenden Auto mit Eiern beworfen und beschimpft. Obwohl diese an der Uni angestellt sind und nichts mit der Flüchtlingslage und dem eigentlich Thema zu tun haben“, erzählt er.

    Trotzdem: „Ich bewege mich komplett frei in Cottbus und hatte noch nie den Eindruck, dass ich in irgendwas gehindert wurde“, sagt der Student. Er fürchte sich weder von Angriffen von Migranten noch von Rechtsextremen.

    Bei den Flüchtlingen habe er zwei Gruppen identifiziert: Die eine Gruppe versuche, sich aktiv einzubinden, Jobs zu finden, Deutsch zu lernen. „Ihnen merkt man an, dass sie sich mit einbringen wollen, und vor denen habe ich auch Respekt, dass die es so durchziehen“, bemerkt der Student. Es gebe aber auch solche, die den ganzen Tag herumsäßen.

    „Manchmal macht das schon einen schlechten Eindruck, wenn man so durch die Stadt geht und einige von früh bis spät auf den Bänken einfach nur rumsitzen und quatschen. Da frage ich mich schon, ob die nichts zu tun haben oder ähnliches“, sagt der Student dazu. „Ich finde, gegen diese Gruppe sollte schon was unternommen werden. Es sollte nicht sein, dass so viele einfach den ganzen Tag im Einkaufscenter rumsitzen.“

    Auch zur Berichterstattung steuert der Student ein Wort bei: „Was viele sehr stört, mich unter anderem auch, ist, wie negativ die Berichterstattung und wie teilweise einseitig sie über Cottbus stattgefunden hat. Als ob hier kein normales Leben möglich wäre. Das war wirklich vollkommen übertrieben. Und das ist die Meinung vieler.“

    Valentin Raskatov

    Das komplette Interview mit Alexander Knappe zum Nachhören:

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    Tags:
    Asyl, Nazis, Medien, Integration, Flüchtlingskrise, Migranten, Cottbus, Deutschland