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00:37 23 September 2019
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    KZ Auschwitz (Arhciv)

    Fremdenfeindlichkeit in Deutschland: Zwangsbesuche in KZ-Gedenkstätten kaum hilfreich

    © AFP 2019 / JANEK SKARZYNSKI
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    Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, Prof. Günter Morsch, hält obligatorische Besuche an Erinnerungsorten wie seinen für wenig hilfreich. Dennoch sieht er dringenden Verbesserungsbedarf in der zeitgeschichtlichen Bildung und Wissensvermittlung an deutschen Schulen.

    Die Idee von Berlins Integrations-Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) zu verpflichtenden Besuchen in KZ-Gedenkstätten sei vom Gedankenansatz her absolut zu begrüßen, meint Prof. Günter Morsch. Er dankt ihr für das Anstoßen des Themas. Aber praktisch halte er so etwas wie obligatorische Besuche in KZ-Gedenkstätten für wenig hilfreich. Vor allem, weil es einen hohen personellen Aufwand erfordere, diesen enorm wichtigen Aspekt der jüngeren deutschen Geschichte pädagogisch ansprechend zu vermitteln.

    Ansturm freiwilliger Besucher kaum zu bewältigen

    Das erklärt wohl auch die ziemlich geschlossene Ablehnung, mindestens aber erhebliche Skepsis seiner Kolleginnen und Kollegen in ähnlichen Einrichtungen. Denn Frau Chebli habe leider ein kleines, aber wichtiges Detail außer Acht gelassen, sagt Morsch. Schon jetzt könnten die Mitarbeiter etwa seiner KZ-Gedenkstätte in Sachsenhausen den Ansturm von Besucheranfragen nicht angemessen bewältigen. Dabei handele es sich immerhin um Nachfragen, die man guten Gewissens als freiwillig charakterisieren kann.

    „Was würde passieren“, fragt Morsch, „wenn wir jetzt noch einen riesigen Zusatzansturm bekommen mit Schülern? Da muss dann auch die Politik mal darüber nachdenken, ob sie die Strukturen, Unterstützung, Personal und so weiter ändern will. Dann kann man immer noch mal darüber diskutieren. Aber beim gegenwärtigen Stand haben wir genug damit zu tun, diejenigen zu betreuen, die von sich aus zu uns kommen. Das halten wir auch didaktisch nach wie vor für das bessere Konzept.“

    Wissensstand deutscher Schüler in Zeitgeschichte bedenklich schlecht

    Morsch will aber auch klargestellt wissen, dass er wie Chebli dringenden Handlungsbedarf bei der Wissensvermittlung von Zeitgeschichte an deutschen Schulen sieht. Man habe den Eindruck, so Morsch, dass ein bestimmtes Allgemeinwissen der Geschichte, das noch vor gar nicht allzu langer Zeit bei deutschen Schülern weit verbreitet war, nicht mehr vorhanden ist.

    Besonders bedenklich finde er die Tatsache, dass der Wissensstand über Zeitgeschichte von Bundesland zu Bundesland gravierend variiert. Überhaupt stellen Morsch und seine Kollegen bei Schülerbesuchen immer häufiger fest, „dass wir immer mehr Dinge sagen müssen, die eigentlich nicht unser Job sind, sondern der von Elternhaus und Schule“. Dass damit keine Kenntnisse der deutschen Geschichte gemeint sind, liegt auf der Hand.

    Die unbestreitbare Verlotterung und Verrohung im zwischenmenschlichen Umgang beschäftigt derzeit auch die brandenburgische Stadt Cottbus, wo nach einem Zwischenfall vor einem Asylbewerberheim und einer Messerstecherei in der Innenstadt, in die syrische Flüchtlinge verwickelt waren, eine extrem aufgeheizte Stimmung herrscht. Brandenburgs Innenminister Schröter wies daraufhin an, Cottbus vorerst keine Flüchtlinge mehr aus der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes zuzuweisen.

    Cottbusser Bürgergesellschaft zeigt sich zu wenig

    Prof. Morsch erinnert daran, dass Cottbus wie der ganze Süden Brandenburgs schon eine Weile das Sorgenkind des Landes in Sachen rechtsextreme Aktivitäten und Überzeugungen darstelle. Doch das müsse nicht so bleiben, denn auch die seinerzeitigen Problemgegenden wie Oranienburg und der angrenzende Norden Brandenburgs konnten mit gemeinsamem Handeln von Politik, Staat und Bürgern über mehr als ein Jahrzehnt „gut angegangen werden“, wie Günter Morsch es formuliert.

    Das müsse auch im Fall Cottbus wieder geschehen, fordert er, bezweifelt aber, dass die Entscheidung von Innenminister Schröter eine gute Idee war: „Ob der schnelle Beschluss, keine Flüchtlinge mehr dorthin zu schicken, das richtige Signal war oder ob dieses Signal nicht eher sogar diejenigen bestärkt hat, die aus ganz anderen Motiven Geflüchtete zum Anlass nehmen und die Vorfälle zum Anlass nehmen, um ihren grundsätzlichen Rassismus auszudrücken, da bin ich mir nicht so sicher. Das weiß ich nicht.“

    Morsch plädiert für die umgehende Wiederauflage der Strategie der 90er Jahre, „also eine ganz klare und strenge und wirklich konsequente Verfolgung von Rechtsextremismus auf der einen Seite durch den Staat und die Polizei. Und das andere ist tatsächlich eine Mobilisierung von Bürgergesellschaft. Die gibt es in Cottbus nämlich auch, und die muss sich auch wieder zeigen.“

    Zum Nachhören:

    Prof. Günter Morsch zum Vorschlag von Berlins Integrations-Staatssekretärin Sawsan Chebli, Besuche in KZ-Gedenkstätten verpflichtend zu machen.

    Prof. Günter Morsch zu mangelnden Geschichtskenntnissen deutscher Schüler.

    Prof. Günter Morsch zur Situation in Cottbus nach Zwischenfällen mit syrischen Flüchtlingen.

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    Tags:
    Bildung, Integration, Schule, Nazis, Gedenken, KZ, SPD, Cottbus, Deutschland