05:12 21 November 2018
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    Schule in Syrien (Archiv)

    Vertretungslehrer aus Syrien und Irak – Pilotprojekt bringt Flüchtlinge in Schulen

    © AFP 2018 / AMER ALMOHIBANY
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    Ilona Pfeffer
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    „Lehrkräfte Plus“ will Lehrern aus Krisengebieten, die in Deutschland eine günstige Bleibeperspektive haben, eine berufliche Zukunft bieten. In einem einjährigen Zertifizierungsprogramm werden die Geflüchteten für den deutschen Schulalltag fit gemacht. Wird das Pilotprojekt aus NRW bald bundesweit Schule machen?

    Im Zuge der Fluchtbewegungen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak kommen nach Deutschland auch gut ausgebildete Fachkräfte, deren Potential aber oft nicht genutzt wird. Ein Vorreiterprojekt aus Nordrhein-Westfalen soll nun dabei helfen, das zu ändern.

    Das Pilotprojekt „Lehrkräfte Plus“ will gleich mehrere Fliegen mit einer Klatsche schlagen: Geflüchteten Lehrern eine berufliche Perspektive in Deutschland eröffnen,  den Lehrermangel an den Schulen ausgleichen und Kindern, die selbst einen Fluchthintergrund haben, Ansprechpartner an die Hand geben, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben.

    Das einjährige Zertifizierungsprogramm an der Ruhr-Universität Bochum hat es jedoch in sich – um am Ende die Zertifizierung zu bestehen und als Vertretungslehrer an deutsche Schulen zu kommen, müssen die Kandidaten einige Hürden nehmen, erklärt Marie Vanderbeke, Projektleiterin von „Lehrkräfte Plus“ in Bochum.

    „Eine zentrale Herausforderung ist die Sprache. Um in Deutschland sinnvoll unterrichten zu können, muss man ein gutes Deutschniveau haben – mindestens C1. Das ist sehr schwierig zu erreichen, denn das ist das Niveau direkt unter dem muttersprachlichen. Das zweite sind die Lehrmethoden. Es sind sehr unterschiedliche Hintergründe, mit denen die Lehrpersonen kommen. Bei Bewerbern aus Syrien oder dem Irak liegen selten Diplome vor. Wir versuchen, ihnen neue Lehrmethoden beizubringen, die in Deutschland wichtig sind. Kooperatives Lernen, Gruppenarbeit, selbstregulierte Lernphasen. Es gibt aber auch allgemeinere Dinge: Das dreigliedrige deutsche Schulsystem ist relativ schwer zu verstehen. Das vermitteln wir auch.“

    Ein weiteres Problem sei, dass in den meisten Herkunftsländern der Bewerber für den Lehrberuf nur ein Fach studiert werde, wohingegen in Deutschland mindestens zwei Fächer verlangt werden, um als sogenannter „Voll-Erfüller“ arbeiten zu können.

    Dennoch sei vonseiten der Schulen das Interesse an den neuen Lehrkräften sehr groß. „Viele Schulen, die schon Vertretungslehrer mit Fluchthintergrund hatten, sprechen mich an und fragen: Könnte dieser Lehrer nicht an der Weiterqualifizierung teilnehmen damit wir ihn längerfristig einstellen können?“, so Vanderbeke.

    Auch an Bewerbern mangelt es nicht: In Bielefeld haben sich 270 Interessenten auf die 25 angebotenen Plätze beworben, in Bochum, wo die Bewerbungsfrist noch bis Ende Januar läuft, sind es schon 90 Lehrer auf ebenfalls 25 Plätze.

    Kritik kommt vor allem aus dem Internet

    „Lehrkräfte Plus“ sei von Presse und Öffentlichkeit weitgehend positiv aufgenommen worden, erzählt Marie Vanderbeke. Jedoch gebe es auch negatives Feedback:

    „Wenn man die Kommentarspalten zu unseren Artikeln anguckt, sind da auch Kommentare zu lesen, die das eher kritisch sehen. Dass man z.B. erst deutsche Lehrer einstellen sollte. Bei unserem Schwesterprojekt in Bielefeld gab es auch schon ein paar Anfeindungen per Email oder im Internet, wo rechte Ressentiments deutlich kundgetan wurden.“

    Auch die Kopftuchdebatte spiele natürlich mit rein. In NRW gebe es keine einheitliche Regelung, ob muslimische Lehrerinnen im Unterricht Kopftuch tragen dürfen – Probleme kann es damit trotzdem geben.

    „Darüber informieren wir unsere Teilnehmer bevor sie bei uns anfangen. Wir sagen, dass sie an unserem Programm mit Kopftuch teilnehmen dürfen, dass es aber teilweise Probleme bei Einstellungen an Schulen geben kann. Letztlich müssen die Teilnehmer selbst entscheiden, ob sie das persönliche Risiko eingehen wollen indem sie das Kopftuch weiterhin tragen.“

    Marie Vanderbeke hofft trotz der Schwierigkeiten in manchen Punkten, dass sich ihr Programm bald bundesweit durchsetzen wird.

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    Kritik, Vorschlag, Lehrer, Flüchtlinge, Projekt, Bochum, Irak, Syrien, Deutschland