22:57 15 Oktober 2018
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    Lücke in Berliner Mauer (Archiv)

    Unbekannter DDR-Fluchttunnel mitten in Berlin entdeckt

    © AP Photo / Markus Schreiber
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    Armin Siebert
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    Im Prenzlauer Berg in Berlin wurde fast dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer bei Bauarbeiten ein 80 Meter langer Fluchttunnel aus den 1960er Jahren entdeckt. Historiker sprechen von einer Sensation. Der leitende Archäologe hofft auf den ersten Fluchttunnel, der für die Nachwelt erhalten bleibt.

    Der Mauerpark ist einer der beliebtesten Treffpunkte in Berlin. Es gibt eine Graffitiwand zum Selbstbesprühen, Basketballplätze, Grillmöglichkeiten, Karaoke, Straßenmusiker und einen Flohmarkt, der in jedem Touristenführer steht. Vor dreißig Jahren war der Mauerpark dagegen innerdeutsche Todeszone. Mitten durch den Park verlief die Berliner Mauer. Und unter der Mauer wurden von West nach Ost Fluchttunnel gegraben.

    Im Hintergrund Fahrzeugsperre von 1961/62; vorn: Teil der Höckersperre in der Hand
    © Foto : Andreas Klug
    Im Hintergrund Fahrzeugsperre von 1961/62; vorn: Teil der Höckersperre in der Hand

     

    Nun wurde durch Zufall bei Bauarbeiten der Berliner Wasserwerke ein neuer Fluchttunnel entdeckt. Die Wasserwerke kontaktierten den Archäologen Torsten Dressler, der sich mit seinem Archäologenteam seit Jahren den Berliner Fluchttunneln widmet. Dressler schreibt auch seine Dissertation zu diesem noch immer nicht abgeschlossenen Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte. Aus Stasi-Akten und —Skizzen wusste er, dass es auch in der Gegend um den Mauerpark Fluchttunnel gab. Er erkannte sofort die Tragweite dieses neuen Fundes:

    „Dies ist der erste Tunnel, den wir im innerstädtischen Bereich freigelegt haben, nämlich an der Bernauer Straße. Seit über 10 Jahren begleite ich die Arbeiten an der Gedenkstätte Berliner Mauer. Einen Fluchttunnel konnten wir bislang noch nicht entdecken und freilegen. Das hier ist der erste freigelegte Tunnel mitten in der Stadt.“

    Ideale Bedingungen für Tunnelbauer

    Insgesamt entstanden in Berlin mehr als siebzig Fluchttunnel, vor allem Anfang der 60er Jahre. Die meisten wurden vom DDR-Geheimdienst, der Staatssicherheit, entdeckt. Über insgesamt 19 Tunnel gelang jedoch mehr als 300 Menschen die Flucht. Die meisten Tunnel wurden von West nach Ost gebaut, da die Westseite weniger bewacht war und man von dort aus ruhiger graben konnte. Noch 1984 wurde ein Tunnel gebaut, der jedoch, wie so viele andere, entdeckt oder verraten wurde.

    In den Berliner Stadtteilen Mitte und Prenzlauer Berg ragten die Wohnviertel bis dicht an die Mauer. In den ersten Tagen des Mauerbaus kam es hier zu spektakulären Fluchten durch Sprünge direkt aus Wohnhäusern auf aufgespannte Laken auf der Westseite. Und hier wurden besonders viele Fluchttunnel gebaut, da die Entfernung zwischen den Häusern in Ost und West so gering war.

    „Aufgrund der Kartierung wissen wir von diesem Gelände, dass im Mauerpark früher der Güterbahnhof war. Das ist die besondere Situation an dem Mauerpark: Die Gebäude vom Güterbahnhof standen ganz dicht, unmittelbar an der Berliner Mauer, an der Grenze. Das waren ideale Bedingungen für Tunnelbauer, für Fluchttunnelbauer, sich unmittelbar von der Grenzlinie rüber in den Osten zu graben“, erklärt Dressler.

    Der Weinstein-Tunnel

    Benannt werden die entdeckten Tunnel meist nach den Initiatoren. Beim Mauerpark-Tunnel war dies Karl Weinstein.

    „Karl Weinstein war mit seiner Frau am Tag des Mauerbaus in Westberlin gewesen“, erzählt der Archäologe Dressler, „aber die gemeinsame Tochter war bei den Schwiegereltern in Ostberlin geblieben. Und sie kamen nicht mehr an ihr Kind heran. Deswegen hatte er die Idee, diesen Tunnel zu bauen. Er hat das Material, die Unterkunft, die Leute rangeholt, die Versorgung und Verpflegung.“

    Der nur 1,40 Meter breite Tunnel führte in fünf Metern Tiefe etwa 80 Meter von einer damaligen Lagerhalle des Nordbahnhofs bis zum ersten Wohnhaus in der Oderberger Straße im Osten. Laut Dressler wurde er 1963 von vier Fluchthelfern angelegt. Einen von ihnen, Carl-Wolfgang Holzapfel, konnte der Archäologe ausfindig machen und ihm den Tunnelfund zeigen:

    „Der Tunnel wurde von März bis Juni 1963 vier Monate gegraben, von Westberlin nach Ostberlin. Die vier jungen Leute, von denen einer der Herr Holzapfel war, hatten sich schon circa 80 Meter vorgegraben. Das ist eine enorme Leistung: doppelte Lebensgefahr, die hätten einstürzen können, die hätten ersticken können. Oben, wenn die Grenzer das mitbekommen hätten, hätten sie erschossen werden können. Und dann flog der Tunnel kurz vor der Fertigstellung auf, wurde verraten. Das muss besonders hart gewesen sein. Wenn man diese ganzen Geschichten dazu hört, berührt das selbst mich als Archäologen und Historiker sehr.“

    Verrat durch Techtelmechtel

    Anscheinend mussten die Tunnelgräber nur wenige Meter vor dem Kellerdurchbruch aufgeben. Ein Informant, der den Familien in der DDR die bevorstehende Fluchtmöglichkeit ankündigen wollte, flog auf. Die Geschichte des Verrats des Tunnels erfuhr Dressler vom Zeitzeugen Holzapfel, dem Fluchthelfer, der mit ihm die Fundstelle besuchte:

    „Einer von diesen vier jungen Männern, die den Tunnel gegraben haben, wurde als Kurier rübergeschickt von West- nach Ostberlin, um den Kontakt zu den potentiellen Flüchtlingen herzustellen. Die mussten sich Uhrzeit, Treffpunkt, alles ausmachen, Codewörter ausdenken. Dieser junge Mann – den Namen möchte ich jetzt mal nicht nennen – hatte leider ein Techtelmechtel mit einer verheirateten Frau, die ihrem gehörnten Ehemann davon berichtete. Und der war dummerweise Grenzoffizier. Beim letzten Kuriergang dieses Tunnelgräbers wurde er am Grenzübergang geschnappt.“

    Dressler vermutet aufgrund seiner Recherche in Stasiunterlagen drei weitere Fluchttunnel unter dem Mauerpark. 

    Ein archäologisches Fenster

    Jetzt geht es erst einmal darum, diesen Fluchttunnel zu erhalten. Die Stadt Berlin und auch die Wasserwerke, auf deren Baustelle sich der Tunneleingang befindet, haben bereits ihre Bereitschaft signalisiert:

    „Im Moment ist die Baumaßname von den Wasserbetrieben. Das läuft noch circa 2 Jahre. Wenn die abgeschlossen sein wird, wird der Mauerpark neu umgestaltet. Das heißt, ein Teil, diese Fahrzeugsperre-Teile von dieser Grenzanlage, die wir freigelegt haben, sollen in einer Open-Air-Ausstellung ‚Archäologisches Fenster‘ eingebunden werden. Ob der Fluchttunnel jetzt noch ausgegraben wird oder visuell wie auch immer dargestellt wird, darüber beraten die Stiftung Berliner Mauer und das Landesdenkmalamt. Momentan wird der Tunnel abgedeckt, zugedeckt, dass niemand rankommt, dass der geschützt ist“, versichert Dressler.

    Zu Füßen verfüllter Tunneleinstieg „Weinstein-Fluchttunnel“ vom Frühjahr 1963
    © Foto : Andreas Klug
    Zu Füßen verfüllter Tunneleinstieg „Weinstein-Fluchttunnel“ vom Frühjahr 1963

     

    So könnte der Fluchttunnel am Mauerpark zu einem weiteren Denkmal der deutschen-deutschen Teilung am Mauerpark werden. Dort gibt es bereits mehrere bedeutende Dokumentationszentren: die Open-Air-Gedenkstätte Berliner Mauer und zwei Gedenkstätten mit Museen auf der Bernauer Straße, einen Landschaftspark in alten Grenzanlagen und die Berliner Unterwelten beim Bahnhof Gesundbrunnen, wo neben Bunkeranlagen auch Nachbauten von Fluchttunneln ausgestellt sind. In naher Zukunft könnte nun in Berlin erstmals ein echter Fluchttunnel zu besichtigen sein.

    Das komplette Interview mit Torsten Dressler zum Nachhören:

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    Tags:
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