03:02 22 Juli 2018
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    Schild am Eingangstor des Vernichtungslagers Sobibor

    Der Rotarmist aus Sobibor und seine erkämpfte Freiheit

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    Bei der Massenflucht aus dem deutschen Vernichtungslager Sobibor im Jahr 1943 zählte auch Rotarmist Alexej Waizen zu den Überlebenden. Später berichtete er, wie die Freiheit damals erkämpft werden musste.

    Wladimir Putin und Benjamin Netanjahu haben in der laufenden Woche eine Ausstellung in Moskau besucht, die dem Aufstand im einstigen deutschen Vernichtungslager Sobibor gewidmet ist. Das in Polen gelegene Lager hatte während des Zweiten Weltkrieges zur planmäßigen Ermordung von Juden gedient. Im Oktober wird sich jener Aufstand zum 75. Mal jähren.

    Die zentrale Figur der aktuellen Ausstellung ist der sowjetische Offizier Alexander Petschorski, Organisator einer Massenflucht aus dem Lager. Mit jenen Ereignissen hängen aber auch viele weitere menschliche Schicksale zusammen – darunter auch das von Alexej Waizen.

    Sackgasse der Eisenbahnroute nach Vernichtungslager Sobibor heute
    © Sputnik / Anton Denisow
    Sackgasse der Eisenbahnroute nach Vernichtungslager Sobibor heute

    Waizen war, so der TV-Sender Swesda, noch vor dem Krieg in die Armee einberufen worden. Nach dem Hitler-Überfall auf die Sowjetunion wurde er in einem Kampf verletzt und von den Deutschen gefangengenommen. Zwar konnte er zunächst flüchten, doch kurz darauf landete er erneut in der Gefangenschaft. Als die Nazis erfuhren, dass Waizen Jude ist, schickten sie ihn nach Sobibor.

    Im September 1943 wurde eine große Gruppe sowjetischer Kriegsgefangener in das Vernichtungslager gebracht. Das waren erfahrene Soldaten, die außerdem wussten, dass in der Nähe Partisanen-Einheiten agierten, denen man sich bei einer erfolgreichen Flucht anschließen konnte.

    Luftbildfoto des Vernichtungslagers Sobibor (i.d. Mitte) aus dem Jahr 1941
    Luftbildfoto des Vernichtungslagers Sobibor (i.d. Mitte) aus dem Jahr 1941

    Rund 400 Menschen nahmen an der Flucht teil. Unter Kugelhagel, so der Bericht, liefen sie über ein Minenfeld zum benachbarten Wald. Rund 100 Menschen kamen dabei ums Leben. Die Deutschen durchkämmten die Gegend. Rund 150 flüchtige Gefangene wurden im Laufe einer Woche gefunden und getötet. 150 bis 170 Menschen konnten sich jedoch retten.

    Der Sender zitiert Waizens Enkel Alexander mit den Worten: „Großvater erzählte mir, dass er bei der Flucht eine Gruppe leitete, die sich einen Kampf mit den Wächtern des Lagers lieferte, damit unbewaffnete Menschen unterdessen den Wald erreichen konnten. Unter den Aufständischen gab es Scharfschützen, die Waffen erbeuteten und die Wachtürme unter Beschuss nahmen.“

    „Die Menschen liefen mit Spaten an den Stacheldraht, um ihn zu überwinden. Erbeutete Waffen gab es wenig, doch jeder kämpfte, womit er konnte. Man schleuderte Steine auf die Wächter, warf ihnen Sand in die Augen, erwürgte sie mit bloßen Händen. So gelangte man hinter den Zaun, lief dann übers Minenfeld. Wer vorne lief, stieß auf Minen, doch diese Tode ermöglichten den anderen das Überleben“, so der Enkel von Waizen.

    Alexej Waizen überlebte und schloss sich nach der Flucht den Partisanen an. Als die sowjetischen Truppen später bei ihrer Offensive in Polen einmarschierten, wurde er wieder in die reguläre Armee aufgenommen – als Soldat einer Aufklärungseinheit. Er erhielt mehrere bedeutsame militärische Auszeichnungen, darunter den Orden des Roten Sterns und die Medaille „Für Tapferkeit“.

    Denkmal für die Opfer des Vernichtungslagers Sobibor
    © Sputnik / Anton Denisow
    Denkmal für die Opfer des Vernichtungslagers Sobibor

    Nach dem Krieg setzte er seinen Armeedienst fort – nun bei den Luftlandetruppen, zunächst in Pskow, dann in Rjasan. Am Ende des langjährigen Dienstes war sein Dienstgrad zwar nicht hoch und entsprach einem Oberfeldwebel, dafür wurde Waizen, betont der TV-Sender, sowohl von seinen Kommandeuren als auch von den Untergeordneten respektiert. Übrigens brachte er insgesamt knapp 1.000 Fallschirmsprünge hinter sich.

    In dem Bericht heißt es: „Als Deutschland begann, die NS-Opfer zu entschädigen, lehnte er das Geld ab und sagte voller Verachtung: ‚Ich brauchte ihre Almosen nicht!“ Die einzige Bitte, die der Veteran an die russischen Behörden richtete, bestand darin, seinen baufälligen Balkon zu reparieren.“

    Alexander Petschorski, Organisator des Sobibor-Aufstandes, in den 1980ern
    © Sputnik / Boris Prikhodko
    Alexander Petschorski, Organisator des Sobibor-Aufstandes, in den 1980ern

    Auf diesem Balkon saß der alte Veteran oft, nachdem seine Beine versagt hatten und er nicht mehr spazieren gehen konnte. Von dort aus beobachtete er bei feierlichen Anlässen gern Militärparaden, die in der Nähe seines Wohnhauses stattfanden. Alexej Waizen starb am 14. Januar 2015 in Rjasan im Alter von 92 Jahren.

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    Tags:
    Juden, Aufstand, Partisanenarmee, Genozid, Lager, Vernichtung, KZ, Holocaust, Der Zweite Weltkrieg, Rote Armee, Benjamin Netanjahu, Wladimir Putin, Sobibor, Drittes Reich, UdSSR, Sowjetunion, Deutschland, Israel, Russland, Polen
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