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    Berlin am Tag der Mauerfall (Archivbild)

    Selbstverliebte Wessis und verklemmte Ossis? Nicht ganz …

    © AFP 2019 / Patrick Hertzog
    Gesellschaft
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    Nach der Wende klagte man im Westen über Jammer-Ossis und im Osten über Besserwisser-Wessis. Eine Studie der Berliner Charité zeigt nun, dass Westdeutsche tatsächlich narzisstischer sind. Überraschend ist jedoch, dass Ostdeutsche ein höheres Selbstwertgefühl haben. Ursachen dafür sehen die Forscher in der Gesellschaft und in der Erziehung.

    Die Ostdeutschen sind eher unsicher und schüchtern und die Westdeutschen eher selbstsicher und extrovertiert – so das gängige Klischee. Eine Studie der Charité Berlin bestärkt nun dieses Klischee nur zum Teil und widerlegt es zugleich. Untersucht wurde die Ausprägung von Narzissmus und Selbstwertgefühl in den alten und neuen Bundesländern. Tatsächlich ist nun zum ersten Mal belegt, dass Menschen, die in Westdeutschland aufgewachsen sind, eher zu Narzissmus neigen. Überraschend war dagegen für die Forscher, dass Ostdeutsche eher ein gut ausgeprägtes Selbstwertgefühl haben.

    Selbstüberschätzung oder gesundes Selbstbewusstsein?

    Oberarzt Stefan Röpke, Leiter der Studie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, erklärt Selbstwertgefühl und Narzissmus im Sputnik-Interview so:

    „Selbstwertgefühl ist die eigene Einschätzung der eigenen Person, unabhängig von dem Bild anderer. Narzissmus wiederum funktioniert nur, wenn es einen anderen Menschen gibt. Es geht dem Narzissten darum, den eigenen Selbstwert zu stärken. Ein Narzisst ist jemand, der extrem davon abhängt, wie er von anderen gesehen wird. Narzissten sind leicht kränkbar und reagieren stark auf Kritik. Im klinischen Bereich kann das bei Niederlagen zu Suizidgedanken, Depressionen und Suchtverhalten führen.“

    Das Team um Professor Röpke hat für die Studie Daten aus einer anonymen Internetumfrage genutzt. Befragt wurden knapp 350 Menschen, die noch in der ehemaligen DDR geboren wurden, und 680 aus der ehemaligen BRD. Zur Untersuchung wurden seit vielen Jahren medizinisch bewährte Methoden und Fragebögen zur Messung der Selbstwert-Skala und zur Ausprägung von Narzissmus verwendet. Als Beispiel für eine Frage bei der Untersuchung führt Röpke an: „Sind Sie jemand, der immer die Führung und Leitung übernehmen will, oder können Sie auch in zweiter Reihe gute Arbeit leisten?“

    Im Westen viel Show und wenig dahinter?

    Wenn man Röpkes Beschreibungen einer narzisstischen Persönlichkeit folgt, klingt dies durchaus nach einer guten Strategie, um es im Leben möglichst weit zu bringen:

    „Es ist ein narzisstisches Motiv, Eigenleistungen zu überhöhen und sich nur dort anzustrengen, wo es sichtbar ist und nichts zu machen, wenn keiner zuschaut. Es geht darum, mit minimalem Aufwand den größtmöglichen Effekt auf andere zu erzielen.“

    Was sind Ursachen für die übersteigerte Ich-Bezogenheit der Westdeutschen und die Ausgeglichenheit der Ostdeutschen? Röpke, der an der Charité Leiter des Bereichs Persönlichkeitsstörungen ist, führt dies auch auf den Kollektivgeist im Osten und die Ellenbogengesellschaft im Westen zurück:

    „Meine Hypothese ist, dass, wenn Sie in einer Gesellschaft leben, in der die Maxime ist: Mach das Maximum aus dir, sei der Erste, sei der Beste – ist dies an sich schon ein narzisstisches Motiv, und es gibt viel mehr Möglichkeiten zu scheitern, was wiederum den Selbstwert senken könnte. Im Osten dagegen gab es eine Gesellschaft, in der es mehr um den Beitrag für die Gesamtgruppe, für das Kollektiv ging.“

    Gibt es also tatsächlich noch eine Mauer in den Köpfen? Ja, aber nicht mehr bei den Jüngeren. Die Unterschiede sind laut der Charité-Studie nur noch bei Menschen nachweisbar, die vor dem Fall der Mauer geboren wurden. Bei der neuen Generation hat sich dies inzwischen angeglichen.

    Selbstverliebte Kinder

    Auch wenn dies nicht unmittelbarer Teil der Studie war, haben die Forscher der Charité zusammen mit anderen Kollegen nach Gründen für ihre Erkenntnisse gesucht. So sehen die Forscher eine weitere mögliche Erklärung für spätere Selbstverliebtheit im Erziehungsstil:

    „Loben schon für Kleinigkeiten führt bei Kindern eher zu Narzissmus. Das ist etwas, was im Westen lange Zeit unter dem Stichwort 'positiv verstärken' eher propagiert wurde. Man sollte nur loben, wenn es tatsächlich etwas zu loben gibt, und nicht schon für Selbstverständlichkeiten.“

    Auch neigen Einzelkinder eher zu Narzissmus. Während man in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren auf eine Geburtsrate von fast zwei Kindern kam, lag diese in Westdeutschland bei etwa 1,5 Kindern.

    Außerdem führen ein städtisches Umfeld und eine bessere ökonomische Situation laut Röpke zu mehr Narzissmus.

    Das Selbstwertgefühl der Kinder wird dagegen gestärkt durch die Wärme und Liebe der Eltern.

    Ausnahme Trump

    Wie bei den meisten menschlichen Eigenschaften ist auch die Ausprägung von Selbstwertgefühl und Narzissmus nicht nur vom sozialen Umfeld, sondern auch von den Genen bestimmt. Allerdings spielte das Röpke zufolge für diese Studie keine Rolle, da es zwischen Ost- und Westdeutschland nur eine temporäre künstliche Grenze und keine ausgeprägten genetischen Unterschiede gab. Dieser Faktor ist eher bei Vergleichen zwischen verschiedenen Kulturen, beispielsweise asiatischen und sehr westlichen Ländern wie den USA relevant.

    Auch die Zeit, in der wir leben, spielt nur eine untergeordnete Rolle für die Ausprägung von Narzissmus, wenngleich es durchaus zeitliche Trends gibt, wie die „hedonistischen Neunziger“. Eine aktuelle Studie zeigt in Deutschland in den letzten Jahren eine leichte Abnahme von Narzissmus. In den USA dagegen nimmt Narzissmus seit den 1960er Jahren bis heute konstant zu.

    Auf die Frage, welche Rolle das Lebensalter bei der Ausprägung von Narzissmus spielt, antwortet der Charité-Professor mit einem Augenzwinkern:

    „Die Regel ist: Selbstwert nimmt mit dem Alter zu, Narzissmus nimmt ab. Herr Trump ist da wahrscheinlich die große Ausnahme.“

    Das Interview mit Stefan Röpke zum Nachhören:

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