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20:59 19 Juli 2019
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    Logo der deutschen Einzelhandelskette Aldi Nord

    Zum Einkauf ins Erdgeschoss: Aldi baut Mietwohnungen auf seine Läden

    © AFP 2019 / JOHANNES EISELE
    Gesellschaft
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    Andreas Peter
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    Die deutsche Einzelhandelskette Aldi Nord will in Berlin ausgewählte Filialen mit Wohnungen überbauen. Bis zu 2000 Wohneinheiten sollen entstehen, davon mindestens 30 Prozent sogenannte Sozialwohnungen. Die ersten könnten schon 2019 bezugsfertig sein. Der rot-rot-grüne Senat hat das Vorhaben begrüßt.

    Aldi Nord ist ein rechtlich eigenständiges Firmenkonstrukt und hat nur den Namen und die gemeinsame Familiengeschichte der Gründergeneration der Albrecht-Brüder mit dem Gegenstück Aldi Süd gemein. 2016 war der Nord-Verbund vom Umsatz her Deutschlands viertgrößter Einzelhandels-Discounter. Unter dem Namen „Aniko“ betreibt das Unternehmen einen grundlegenden Imagewandel.

    Anfangs sollte das nur das Erscheinungsbild der Filialen und das Sortiment betreffen. Doch irgendein kluger Kopf im Management erinnerte sich daran, dass die Berliner Landespolitik unter dem Druck explodierender Mietpreise in der deutschen Hauptstadt die etwas zaghafte Idee gebar, auch die Dächer und Grundstücke von Supermärkten zu bebauen, um den eklatanten Mangel an Baugrundstücken wenigstens etwas auszugleichen.

    Sozialer Wohnungsbau über dem Supermarkt

    Die Essener Discounterprofis nahmen das wörtlich und präsentieren jetzt ein Bauprogramm, das in den kommenden fünf Jahren in Berlin bis zu 2000 neue Wohnungen entstehen ließe. Ein Drittel davon würde als Sozialwohnungen für einen Mietpreis von 6,50 Euro pro Quadratmeter gebaut. Die Kaltmiete für die restlichen Wohnungen soll maximal 10 Euro pro Quadratmeter betragen, wie der Chef der firmeninternen Immobilienverwaltung Jörg Michalek versicherte. Dabei sollen alte Märkte abgerissen werden und im Rahmen eines neuen Gebäudes mit Mischnutzung wiederentstehen.

    Kommunikationschef Florian Scholbeck erklärte Sputnik die Idee so: „Wir sehen vor allem einen Bedarf an Märkten mit 1400 Quadratmetern Verkaufsfläche mit größerem Sortiment und einem Fokus auf Frische, wie Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch. Dies ist vor allem an hochfrequentierten Standorten in Berlin für uns interessant. Deshalb glauben wir, dass die Kombination mit Aldi-Markt unten und angeschlossenem Wohnraum oben eine konsequente und zukunftsorientierte Lösung für alle Beteiligten ist.“

    Unterstützung der Berliner Landespolitik gilt als sicher

    Das sieht auch die zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen so. Denn im Prinzip stammt die Idee aus diesem Haus. Senatorin Katrin Lompscher hatte bei einem Expertenhearing im Rahmen eines Supermarktgipfels am 7. Juni 2017 angeregt, Supermarktgrundstücke effektiver zu nutzen. Lompschers Sprecherin Petra Rohland gibt im Gespräch mit Sputnik deshalb auch freimütig zu, dass es ein gutes Gefühl ist, wenn politisches Handeln zu solchen Ergebnissen führe. Da hier Wohnungen in genau dem Segment gebaut werden sollen, das Berlin dringend benötigt, wird die Stadt wohl einen Teufel tun, ohne Not bürokratische Steine in den Weg zu legen. Die Möglichkeiten dafür sind allerdings auch ziemlich begrenzt, erklärt Petra Rohland:

    „Der Senat kann Auflagen für private Investoren erteilen, wenn ein Bebauungsplanverfahren durchgeführt werden muss oder wenn städtebauliche Verträge abgeschlossen werden, wo solche Klauseln enthalten sind. Aber eben auch wirklich nur dann. Wenn Wohnungen in geringem Maße gebaut werden, ist dieses Modell der Auflagen innerhalb des kooperativen Modells der Baulandentwicklung auch nicht machbar. Ich meine damit, dass die Möglichkeiten, dort Bedingungen zu stellen, gering sind. Aldi hat von sich aus die gleichen Bedingungen, die wir mit unseren städtischen Wohnungsbaugesellschaften vereinbart haben, zur Anwendung gebracht. Das müssten sie nicht, und das Land kann nur bedingt diese Auflagen formulieren.“

    Wohnungsmangel in Berlin als Einnahmequelle für Discounter

    Der Lebensmitteldiscounter will schnell Nägel mit Köpfen machen, wie Florian Scholbeck erklärt: „Die erste Phase läuft. Zwei Leuchtturmprojekte werden bereits umgesetzt. 200 Wohnungen sollen hier entstehen in den Stadtteilen Neukölln und Lichtenberg. Weitere 15 Standorte in der Kombination Aldi-Markt und Wohnungsbau mit etwa 600 Wohnungen befinden sich bereits bei uns in Planung.“

    Das Projekt könnte sich als neue Einnahmequelle erweisen. Denn die Grundstücke gehören dem Konzern. Die alten Filialen sollten ohnehin vergrößert, also umgebaut werden. Die entstehenden Wohnungen verbleiben im Eigentum der Firma. Und von der Politik ist kaum mit Widerständen zu rechnen.

    Wie überzeugend das Konzept ist, zeigt die Tatsache, dass auch andere Lebensmitteldiscounter ähnliche Pläne für ihr Filialnetz verfolgen. Petra Rohland bestätigt Gespräche des Senats mit dem Aldi-Konkurrenten Lidl.

    Überhaupt rennt Berlin im Moment anscheinend eher offene Türen ein, als welche aufbrechen zu müssen: „Wir haben beim Expertenhearing gemerkt, dass der Einzelhandel durchaus ein Interesse an der Aufstockung ihrer eingeschossigen Gebäude hat. Und wir denken, dass das für beide Seiten eine ‚win-win-Situation‘ ist, zum einen, dass die Fläche gut genutzt wird durch die Unternehmen, zum anderen aber auch, dass Berlin Wohnungen bekommt. Und es städtebaulich der Stadt natürlich auch gut tut, wenn solche Eingeschosser in einer angenehmen Architektur überbaut werden.“

    Florian Scholbeck, Geschäftsführer Kommunikation der ALDI Einkauf GmbH & Co. oHG zu den Wohnungsbauplänen des Unternehmens

    Florian Scholbeck, Geschäftsführer Kommunikation der ALDI Einkauf GmbH & Co. oHG zum Planungsstand der Wohnungsprojekte

    Das komplette Interview mit Petra Rohland von der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen zum Nachhören:

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    Tags:
    Senat, Miete, Rente, Bau, Wohnung, Supermarkt, Aldi, Berlin, Deutschland