19:50 17 Juli 2018
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    Kindergarten in Deutschland (Archivbild)

    „Fassungslos“: Drama um Berliner Kita – Warum setzt Jugendamt Kinder vor die Tür?

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    Alexander Boos
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    Eine Kindertagesstätte (Kita) in Berlin-Mitte steht vor dem Aus. Dazu kommt: An gleicher Stelle will der Bezirk einen neuen Kindergarten errichten – mit mehr Plätzen. Die bisherige Kita müsse aber raus. "Wir sind fassungslos!“, sagt die Geschäftsführerin im Sputnik-Interview. Sie kritisiert die Stadt für fehlende Kooperationsbereitschaft.

    Das Bezirksamt Berlin-Mitte, genauer das dort ansässige Jugendamt, hat den Mietvertrag für den Standort der Berliner Kita „Alegría“ in der Schmidtstraße 4 gekündigt. „Wir sind natürlich alle bestürzt“, zeigte sich Kita-Geschäftsführerin Maria del Carmen Peral Ruiz gegenüber Sputnik schockiert.

    „Wir sind fassungslos und haben die Informationen zeitnah an die Eltern und das Team der betroffenen Einrichtung übergeben. Auch dort herrscht Fassungslosigkeit. Bei den Eltern große Aufregung, weil es keine Plätze zum 31. Januar 2019 geben wird. Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz – und selbstverständlich auch um den Platz ihres Kindes nach Ablauf des gekündigten Mietvertrages.“

    Flüchtlinge aus Afrika
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    In der Kita sind derzeit 72 Kinder untergebracht. Deren Eltern müssen sich nun ab Januar nächsten Jahres neue Plätze für die Kinder suchen. Denn die im Bezirksamt Mitte für „Jugend, Familie und Bürgerdienste“ zuständige Bezirksstadträtin Dr. Sandra Obermeyer kündigte den Vertrag mit dem Kita-Träger „Alegría“ ohne Begründung. Der Träger habe zwar noch drei weitere Standorte in Berlin. Die Kita-Chefin sagt: „Wir bleiben bestehen“ – aber die Angst um ihre Mitarbeiter am Standort Schmidtstraße bleibt auch.

    Warum der Rausschmiss?

    „Dieses Haus soll wieder zurückgegeben werden an den Bezirk Berlin-Mitte“, erklärte sie. „Die haben damit was anderes vor. Das soll wohl eine neue Kita werden mit Platzzahlerweiterung.“ Das habe ihr Träger „übrigens auch schon lange, lange“ vorgehabt. Doch: „Wir wurden nie berücksichtigt.“ Das Bezirksamt suche nun einen anderen Betreiber.

    Stadträtin Obermeyer nannte die Pläne, die der Bezirk nun vorhabe. „Der Ausbau ist nach den bisherigen Erfahrungen nur mit einem anderen Träger zu realisieren“, sagte sie gegenüber der Berliner Lokalpresse. Weitere Gründe gab sie nicht an. „Es ist daher geplant, den Standort weiterhin als Kindertagesstätte zu nutzen und die Platzkapazität im Interesse der Eltern im Bezirk deutlich um circa 60 Plätze zu erweitern“, heißt es in der Pressemitteilung dazu. In dieser Bezirksregion bestehe aufgrund „des umfassenden Wohnungsneubaus“ ein erheblicher Bedarf an Betreuungsplätzen für Kinder im Alter von zwölf Monaten oder weniger.

    Scharfe Kritik von Kita: „Wir haben zwei-sprachiges Bildungskonzept“

    „Das Bezirksamt ist der Meinung, mit uns kann man nicht zusammenarbeiten“, kommentierte Kita-Geschäftsführerin Peral Ruiz im Interview. „Wir hätten keine weiteren Plätze ermöglichen wollen. Was nicht stimmt. Wir haben seit 2008 immer wieder auch Aufforderungen vom Bezirksamt bekommen: ‚Möchtet ihr dort erweitern?‘ – Wir haben das stets mit Ja beantwortet. Das verlief aber dann alles immer wieder im Sande.“

    Der jetzige Vorwurf seitens des Bezirks gegenüber der Kita: „Weil wir nicht ausschließlich Kinder aus Mitte nehmen. Der Bezirk selber ist daran interessiert, Plätze zu schaffen nur für die Kinder aus Mitte. Das ist aber an dem Standort sehr schwierig.“ Denn der liegt in einem Dreieck: Friedrichshain, Kreuzberg, Mitte.

    Zudem widerspreche diese Forderung dem Kita-Gutschein. Also der freien Wahl der Eltern, in welche Kindertagesstätte sie ihre Kinder schicken. Ruiz vermutet, die betroffenen Eltern würden nun versuchen, andere Kindergartenplätze zu suchen. Solche, „die unserem Konzept ähnlich sind: Wir sind bi-lingual, also zweisprachig und erziehen auf Spanisch-Deutsch oder Englisch-Deutsch.“

    So reagieren Eltern

    Ein Elternteil äußerte sich laut der Kita-Chefin entsetzt: „Wie? Jetzt soll ich mein Kind woanders eingewöhnen? Sie war schon mal in einer anderen Kita. Ich bin so froh, dass sie jetzt hier ist. Sie hat jetzt Freunde gefunden hier in der Kita.“ Auf Facebook hat sich bereits die Initiative „Kita Alegría muß bleiben“ gegründet. Betroffene Eltern schildern dort ihre Sorgen. „Das ist die größte Sauerei!“, empört sich ein Vater einer vierjährigen Tochter, die von dieser Einrichtung betreut wird. „Die Kita ist so schön! Meine Tochter schwärmt: Sei es von der Kita-Fahrt, der Musik, Sporterziehung oder dem Yoga. Sie fängt mit ihren vier Jahren schon an, Spanisch zu sprechen und erklärt mir, was bestimmte Dinge auf Spanisch heißen. Ich finde es schlimm, dass die Zukunft einer solchen Einrichtung von einer Politikerin entschieden wird!“

    „Ich weiß es aus den Erzählungen unserer Tochter, denn sie ist eine der Erzieherinnen“, so die Mutter einer „Alegría“-Erzieherin im Internet. „Sie lieben die Kinder und sind mit ihrem Herzen voll und ganz bei ihrer Arbeit. Zu den Eltern besteht ein guter Kontakt, und es wäre schade, wenn das alles kaputt gemacht würde.“

    Am Donnerstag diskutierte die Bezirksverordnetenversammlung in Berlin-Mitte auch über die Kündigung des Mietvertrags. Die verantwortliche Bezirksstadträtin für Jugend, Familie und Bürgerdienste, Frau Dr. Obermeyer, stand für eine Stellungnahme gegenüber Sputnik bis Redaktionsschluss am Freitag nicht zur Verfügung.

    Das komplette Interview mit „Alegría“-Geschäftsführerin Maria del Carmen Peral Ruiz zum Nachhören:

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    Gentrifizierung, Erzieher, Bezirk, Kindererziehung, Erziehung, Kita, Kindertagesstätte, Jugend, Kindergarten, Bildung, Kinder, Jugendamt, Sandra Obermeyer, Maria del Carmen Peral Ruiz, Berlin-Mitte, Berlin, Deutschland
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