01:09 23 Oktober 2018
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    „Wer feiert, tötet nicht“: Gepflegte Exzesse und Orgien lindern Gewalttätigkeit

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    Gesellschaft
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    Valentin Raskatov
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    Wir alle haben ein dunkles Begehren ins uns, findet der Philosoph Franz Josef Wetz aus Gießen. Dieses Begehren äußert sich oft in Gewalt, kann aber auch verpulvert werden in exzessivem Feiern. Über den Zusammenhang zwischen Gewalt und Exzess klärt Wetz in seinem neusten Buch auf. Sputnik hat mit dem Autor exklusiv gesprochen.

    Was haben wilder Sex, Technoclubs, Gewaltverbrechen und Kriege gemeinsam? Sie alle haben ihre Wurzel in einem „dunklen Begehren“ des Menschen. Das findet der Philosoph Franz Josef Wetz, der an der Pädagogischen Hochschule Gießen lehrt. Zu dem Thema hat er jüngst das Buch „Exzesse. Wer tanzt, tötet nicht“ veröffentlicht.

    Gewaltbereitschaft ist tief in uns verwurzelt

    Um zu zeigen, dass Gewalt nicht einfach nur eine Reaktion auf ein Ereignis ist, nicht immer von einem Motiv begleitet wird, nicht immer aus dem sozialen Milieu, aus den Umständen erklärt werden kann, führt der Autor des Buchs im Sputnik-Interview das Phänomen der motivlosen Gewalt an. „Es gibt in der Gesellschaft eine Reihe von Verbrechen, die der Justiz und Psychiatrie großes Kopfzerbrechen bereiten“, stellt er fest.

    Früher seien solche Fällen oftmals religiös erklärt worden, indem man sagte: Die Menschen sind vom Teufel besessen oder von der Erbsünde belastet. Diese Erklärungen stünden den Heutigen nicht zur Verfügung. Von der Justiz sei zur Erklärung solcher Fälle die Umschreibung der „niedrigen Beweggründe“ als Motiv eingeführt worden. Diese Formulierung gebe einen Wink in die richtige Richtung, denn heutzutage erklärten die Menschen alles am liebsten aus dem Umfeld, aus den sozialen Verhältnissen. Das sei aber nicht immer die Ursache für Gewalt.

    Diese stecke tiefer in uns: „Es gibt in uns Menschen so etwas wie ein dunkles Begehren, das in den Fällen des Verbrechens ohne Motiv geradezu kristallin hervortritt“, erklärt der Philosoph. Die Gewaltbereitschaft gehöre zum biologischen Erbe der Menschheit, darüber herrsche in der Wissenschaft seit längerem Konsens. Ursprünglich als ein „Motor für das Überleben“ gedacht, haben sich die Triebkräfte nicht einfach im Prozess der Zivilisation in Luft aufgelöst, sondern sind immer noch da und fordern ihren Tribut.

    Und oftmals werde dieser Umstand schamlos ausgenutzt: „Demokratien sind nicht davor gefeit, zu kippen“, merkt Wetz an. „Wir müssen auf der Hut sein, weil wir mit dem Vulkan, der in den Menschen steckt, rechnen sollen. Die Ordnung, der Anstand, die Zivilisation ruhen immer auf einem Untergrund, der gewissermaßen gefährlich ist. Das macht die Bürger dann besonders anfällig für geschickte Demagogen, die sie immer wieder zu Gewalt überreden könnten.“

    Weil in allen Menschen die Anlage ist, könnte diese sich in kurzer Zeit über eine Gesellschaft ausbreiten wie eine Infektion. Ein Beispiel für solche Umlenkungen sei Wetz zufolge die Erklärung der Altparteien zu Sündenböcken für alle Probleme durch die AfD.

    Ein anderes Beispiel sei die Strategie des sogenannten Islamischen Staates. „Die großen Religionen und hier auch der Islam sind feierunfreundlich, sie verbieten alles ausschweifende Leben, sie fanatisieren die Menschen mit Regeln, die gerade das sinnliche Ausleben verhindern, um dann, auf der anderen Seite, dieses dunkle Begehren zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen zu instrumentalisieren“, erklärt der Philosoph.

    Demgegenüber macht Wetz sich dafür stark, dass dieses dunkle Begehren in einer fröhlichen Form ausgelebt werde. Er bringt das auf die Formel: „Wer tanzt, tötet nicht. Wer feiert, feuert nicht. Wer fröhlich in dieser Welt zu existieren vermag, der ist sehr gut geschützt gegen Fanatismus und kriegerische Gewaltbereitschaft.“

    „Wir brauchen für das dunkle Begehren sozial verträgliche Formen“

    Auch in der besten aller Gesellschaften wird es aus der Sicht des Philosophen einen Bedarf an Extremem geben. „Dieses dunkle Begehren lässt sich nicht allein durch Strafandrohung oder durch Humanisierung zähmen“, sagt Wetz. Deswegen brauche die Gesellschaft „sozial verträgliche Formen“, in denen das Begehren ausgelebt werden könne. Sonst würde es sich in anderen Bereichen Bahn brechen und in Gewalt gipfeln.

    Aber keine Sorge, das Gutachten des Autors – zumindest für die europäischen Großstädte – fällt positiv aus: „Wir sind auf einem sehr guten Weg. Wir haben sehr viele Möglichkeiten, die Dinge auszuleben“, sagt er. Zu diesen Möglichkeiten zählen unter anderem: Hardcore-Konzerte, Sportveranstaltungen, Fußballstadien, der Karneval, der Christopher Street Day, Techno-Clubs und experimenteller Sex. Für den Autor ist die Feststellung wichtig, dass diese Ausschweifungen nicht etwa nur gesellschaftlicher Luxus oder gar Dekadenzphänomene sind, sondern unserem Grenzerfahrungsbedarf bedienen. Deshalb wäre es ein Fehler, sie zu tabuisieren.

    Nicht das Tabu, sondern die Grenzen sind hier für Wetz wichtig. Jegliche Form von Exzess müsse bestimmte Kriterien erfüllen: Das Ausschweifen soll zum Beispiel unter Absprache erfolgen und gewaltfrei, fröhlich und lustig verlaufen. Und dem Exzess sollte nicht alles andere geopfert werden: „Es sollte den normalen geordneten Alltag nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.“

    Das komplette Interview mit Franz Josef Wetz zum Nachhören:

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