16:29 17 Oktober 2018
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    „Sexistisches Gedicht“ an Hochschulwand? Akademiepräsidentin warnt vor Gender-Krieg

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    Andreas Peter
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    Die Präsidentin der Akademie der Künste in Berlin, Jeanine Meerapfel, hat Künstler und Medien dazu aufgerufen, den Streit um das Gomringer-Gedicht „avenidas“ nicht in einen Gender-Krieg ausarten zu lassen. Im Gespräch mit Sputnik erläuterte Meerapfel die Motive für eine Solidaritätsaktion an der Fassade des Akademiegebäudes am Pariser Platz.

    An Aufmerksamkeit wird es nicht fehlen. Der Pariser Platz in Berlins Mitte gilt als sogenannte „Gute Stube“ der deutschen Hauptstadt. Dort steht das Brandenburger Tor, einer der Touristenmagneten Berlins. Und in Sichtweite dazu, direkt neben dem mondänen Hotel Adlon, befindet sich der Sitz der altehrwürdigen Akademie der Künste. Seit Mittwoch können die Besucher des Platzes auf der Glasfassade des Akademie-Gebäudes die kleingeschriebenen Wörter „schweigen“ und „silencio“ lesen. Jeweils 14 mal.

    Akademie der Künste in Berlin
    © Sputnik / Andreas Peter
    Akademie der Künste in Berlin

    Es handelt sich um das Gedicht „schweigen“ von Eugen Gomringer. Der Poet bolivianisch-schweizerischer Abstammung hat es 1953 zum ersten Mal in seiner Gedichtsammlung „33 Konstellationen“ veröffentlicht. Im selben Jahr wurde auch Gomringers Gedicht „ciudad (avenidas)“ in der Schweizer Zeitschrift „Spirale“ zum ersten Mal dem deutschsprachigen Publikum bekannt gemacht.

    Umstrittene Gedichte

    Weder das eine noch das andere ist Zufall. Eugen Gomringer ist Mitglied der Akademie der Künste. Sein Gedicht „avenidas“, das derzeit noch auf der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin zu sehen ist, soll spätestens im Herbst 2018 übermalt werden. Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Hochschule hat in einem hochschulinternen demokratischen Entscheidungsfindungsprozess erfolgreich die Entfernung des Gedichtes erwirkt. Mit der Begründung, es sei sexistisch.

    Das findet die Akademie der Künste falsch und solidarisiert sich mit ihrem Mitglied Gomringer durch die Installation seines Gedichtes „schweigen“. Akademiepräsidentin Jeanine Meerapfel erläutert Sputnik die Beweggründe:

    „Wir haben das aufgehängt, weil es ein sehr schönes Gedicht ist, das auch eine Architekturform hat, in der Mitte nämlich ist ein leerer Teil, der auch vielleicht dieses Schweigen thematisiert, in architektonischer Form. Und dieses Gedicht kann jeder jetzt lesen und sich mit Gomringer und seiner Kunst auseinandersetzen. Auch in dieser Zeit ist vielleicht das Schweigen ein Zeichen von Klugheit.“

    Demokratische Entscheidung mit problematischer Argumentation

    Jeanine Meerapfel hat kein Problem mit einer demokratischen Entscheidung der Alice-Salomon-Hochschule. Diese habe jedes Recht, souverän darüber zu entscheiden, was auf ihrer Fassade zu sehen ist und was nicht.

    Meerapfel hält jedoch die Argumente, die gegen Gomringers Gedicht vorgebracht werden, für falsch. Doch auch Debattenstil und Tonfall findet sie bedenklich, insbesondere, wenn es dazu führt, dass zum Beispiel Männer es vorziehen, zu schweigen, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, ebenfalls sexistische Positionen zu vertreten:

    „Ich finde, man sollte als Mensch Mut haben, Mann oder Frau. Und ich glaube nicht, dass man sich von so einer Diskussion entmutigen lassen sollte. Denn diese Diskussion steht auf tönernen Füßen. Diese Diskussion ist keine echte Diskussion. Hier geht es darum, dass manche Leute sich empfindlich gestört gefühlt haben und sich dafür entschieden haben, ein Gedicht dann wegzutun. Wir finden das falsch. Und wir finden, dass diese Überempfindlichkeit gegenüber Sprache nichts zu tun hat mit diesem Gedicht.“

    Gender-Krieg „führt zu nichts“

    Akademiepräsidentin Meerapfel plädiert für eine rhetorische Abrüstung aller Beteiligten in der Diskussion:

    „Ich denke, dass wir alle, die Medien, die Künstler dazu beitragen sollten, dass es nicht in einen Gender-Krieg ausartet. Dass man nicht mit falschen Argumenten immer lauter sich gegenseitig ankreidet, dass man nicht demokratisch sei. Ich glaube, das führt zu nichts.“

    Wie lange die Solidaritätsaktion an der Akademiefassade dauern soll, ist offen. Die Alice-Salomon-Hochschule will Gomringers Gedicht im Herbst durch ein Gedicht der Alice-Salomon-Poetikpreisträgerin des Jahres 2017, Barbara Köhler, ersetzen.

    Das komplette Interview mit Jeanine Meerapfel zum Nachhören:

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    Gleichheit, Freiheit, Meinung, Gedichte, Sexismus, Deutschland