21:54 16 August 2018
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    Gedenkaktion für die Opfer der Wolhynien-Massaker in Polen (Archivbild)

    Wolhynien-Massaker: „Vernichtung der Polen begann vom ersten Tag an“

    © Sputnik / Alexej Witwizkij
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    Vor 75 Jahren begann das Massaker von Wolhynien. Warum die Ukrainer einen Massenmord an den Polen begingen und wie die Historiker diese Ereignisse betrachten, darüber berichtet das Portal „Gazeta. Ru“ am Freitag.

    Im 10. Jahrhundert gehörte Wolhynien zur Kiewer Rus. Später ging das Gebiet an das Großfürstentum Litauen, anschließend an Polen und das Russische Reich. 1921 ging sein östlicher Teil an die Ukrainische Sowjetrepublik und der westliche Teil an Polen. 1939 wurde auch der westliche Teil an die Ukrainische Sowjetrepublik angeschlossen. Während des Großen Vaterländischen Kriegs war Wolhynien von den deutschen Truppen besetzt.

    Die Ukrainische Aufständische Armee, Flügel der Organisation ukrainischer Nationalisten (Bandera-Bewegung), wurde 1942 gebildet. Ein Antrieb dafür war der Sieg der sowjetischen Truppen in der Schlacht um Stalingrad. Die Rote Armee näherte sich allmählich dem Reichskommissariat „Ukraine“, das 1941 von den deutschen Besatzern in der Ukrainischen Sowjetrepublik gebildet wurde. Bei der Konferenz der Organisation ukrainischer Nationalisten wurde beschlossen, einen bewaffneten Kampf aufzunehmen.

    „Die Vernichtung der Polen begann schon in den ersten Tagen der Existenz der Ukrainischen Aufständischen Armee. Der erste auffallende Genozid-Fall war wohl die Vernichtung von rund 100 Einwohnern des Dorfes Paroslja durch die Einheit Dowbeschki-Korobki. Die Einheit zog nach einem Gefecht in der Stadt Wlodimirez weiter ins Dorf Paroslja. Die Kämpfer gaben sich als sowjetische Partisanen aus und forderten von den einheimischen Polen Hilfe. Nach dem Essen bei Bauernfamilien versammelten sie die Polen an einem Ort und gingen mit Äxten auf die 149 Menschen los“, erzählt der Historiker Alexander Djukow.

    „Sie nannten sich sowjetische Partisanen, sagten, sie würden gegen die Deutschen kämpfen“, erinnert sich der Einwohner von Paroslja, Vitold Kolodinski, der damals zwölf Jahre alt war. „Doch niemand glaubte ihnen, es war sofort klar, dass es Ukrainer waren.“

    „Einer von ihnen fragte bei der Mutter nach einer Axt. Er nahm die Axt, ging in ein anderes Zimmer. Andere brachten Mann für Mann Russen dorthin. Jedes Mal hörte man nur einen dumpfen Schlag und dann Stille. Sie erschlugen die Menschen. Die Leichname lagen aufeinander“, erinnert sich Vitold.

    Danach wurde der Familie Kolodinski befohlen, sich auf den Boden zu legen – sie wollten sie angeblich fesseln, damit die Deutschen sie wegen der Hilfe für die Partisanen nicht bestrafen. Die Eltern, Großeltern, der Bruder und zwei Schwester folgten dem Befehl. Es wurde erneut mit der Axt zugeschlagen. Nur Vitold und seine Schwester Lilja überlebten, weil sie wegen eines Schlags an den Kopf das Bewusstsein verloren hatten. Die Kämpfer gingen davon aus, sie seien tot. So begann das Massaker von Wolhynien.

    Der Höhepunkt der Ereignisse war am 11. Juli 1943, als die Kämpfer gleichzeitig mehr als 150 Ortschaften angriffen. Allein in einer Kirche wurden 90 Menschen beim Gottesdienst getötet. Die Polen griffen als Antwort die Stützpunkte der Ukrainischen Aufständischen Armee an. Zum Auffüllen der Vorräte griffen die Kämpfer dieser Armee ukrainische Dörfer an. In ihrer Rachsucht griffen sie nicht nur Feinde an, sondern vernichteten auch die friedliche Bevölkerung, legten Dörfer in Schutt und Asche. Unter den Polen kamen nach verschiedenen Angaben 50.000 bis 100.000 Menschen ums Leben, unter den Ukrainern einige Tausend.

    „Die ukrainischen Extremisten haben die Technologie der Massenvernichtung bei den Deutschen gelernt. Deswegen waren ethnische Säuberungen der Ukrainischen Aufständischen Armee so effektiv und die Wolhynien-Polen 1943 so hilflos, wie es die Wolhynien-Juden 1942 waren“, meint der US-Historiker Timothy Snyder. „Doch warum haben die ukrainischen Nationalisten beschlossen, die Polen in der Ukraine zu vernichten? 1942 wurde der ukrainischen Polizei von Deutschen befohlen, Juden zu töten. Von wem haben die Partisanen der Ukrainischen Aufständischen Armee 1943 den Befehl erteilt bekommen, die Polen zu töten?“, fragt sich der Historiker.

    Ukrainische und polnische Historiker heben mehrere Gründe hervor, die zum Konflikt führten – bis hin zu Bauernrebellionen im 16.-18. Jahrhundert, bei deren Unterdrückung viel Blut vergossen wurde, wodurch im Bewusstsein der künftigen Generationen gegenseitige Beleidigungen und das Gefühl der sozialen Ungerechtigkeit blieben.

    Zudem werden die Ergebnisse des Kriegs 1918-1919 genannt, den die Ukraine gegen Polen verlor und infolgedessen dieses Land als Hindernis auf dem Wege zur Schaffung einer unabhängigen Ukraine betrachtete. Ebenso werden die allgemein ungeregelten politischen Bedingungen nach dem Ersten Weltkrieg sowie die auf Nationalismus gestützte Politik Polen-Litauens und anschließend Polens als Ursache erwähnt.

    Seitens der Ukraine gab es Terror- und Sabotage-Aktivitäten der Ukrainischen Aufständischen Armee in Polen in der Zeit zwischen den Kriegen, eine antipolnische Tätigkeit dieser Armee während des Zweiten Weltkriegs. Historikern zufolge übte auch der Krieg eine demoralisierende Wirkung auf die Menschen aus und bewegte sie zum Abweichen von Normen des sozialen Verhaltens, was einen blutigen und verbrecherischen Charakter des Konflikts verursachte.

    Das polnische Parlament erklärte im Juli 2016 den 11. Juli als Nationalen Gedenktag an die Opfer des Genozids durch ukrainische Nationalisten 1943-1945. Im Februar 2018 beschloss der polnische Senat, eine strafrechtliche Verantwortung für Propaganda der Ideologie der ukrainischen Nationalisten, für Verneinung des Massakers von Wolhynien und für die Behauptung, dass die Polen während des Zweiten Weltkriegs mit den Nazis kollaboriert hätten, einzuführen.

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    Tags:
    Nationalisten, Massaker, Mord, Zivilisten, Genozid, Der Zweite Weltkrieg, Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA), Stepan Bandera, Wolhynien, Polen, Ukraine
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