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    Sorbische Frauen (Archivbild)

    „Ich fühle mich absolut als Sorbin, als Slawin“ – Sorbische Kultur in Deutschland

    © AP Photo / Jens Meyer
    Gesellschaft
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    Ilona Pfeffer
    199212

    Bautzen ist eines der Zentren des sorbischen Lebens. Jedes Jahr lockt das traditionelle Osterreiten scharenweise Besucher an. Doch besteht das Sorbentum nur noch aus Trachten und Traditionspflege? Oder hat es den Schritt in die Moderne geschafft?

    „Bautzen, das sind zwei Sprachen, acht Museen, 17 Türme, 20 Senfsorten, 80 Innenstadt-Kneipen, über 200 Saurier und eine über 1000-jährige Geschichte“ – so wirbt die Oberlausitzer Stadt auf ihrer Seite um interessierte Besucher aus aller Welt. Doch sind auf der Seite nicht nur freche Werbesprüche zu finden. Der geneigte Besucher wird auch bemerken, dass die Informationen auf der Seite nicht nur auf Deutsch und Englisch angeboten werden, sondern auch in einer slawischen Sprache – auf Sorbisch nämlich. „Witajće k nam!” heißt es zur Begrüßung: Herzlich willkommen!

    Von einem Sprecher der Stadt erfahren wir: Nicht nur die Navigation der Seite ist in der sorbischen Version abrufbar, auch viele andere Bereiche des öffentlichen Lebens legen großen Wert auf Zweisprachigkeit. Angefangen bei dem Ortsschild, auf dem „Bautzen“ und „Budyšin” gleich groß untereinander stehen, über den Kassenautomat im Post- und Meldewesen, der auf Sorbisch bedient werden kann, bis zum Deutsch-Sorbischen Volkstheater.

    In der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts sind die Vorfahren der heutigen Sorben aus ihren Siedlungsgebieten nördlich der Karpaten über Schlesien und Böhmen eingewandert und haben sich zwischen Neiße und Saale angesiedelt. Heute leben etwa zwei Drittel der 60.000 Sorben in der sächsischen Lausitz zwischen Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda.

    Wie lebendig sind Sprache und Kultur der Sorben?

    „Ein kleines Volk, das umgeben ist von anderen Kulturen und Sprachen, hat es immer schwer, die eigene Kultur zu erhalten. Es ist immer die Gefahr, dass einzelne Sprachbäume abbrechen, deswegen ist das Streben nach dem Erhalt der Sprache unwahrscheinlich schwierig. Aber wir erleben, dass es nach wie vor eine lebendige Sprache ist. Es ist natürlich eine bedrohte Sprache, auch nach dem Unesco-Katalog, besonders das Niedersorbische“, erklärt David Statnik, Vorsitzender des sorbischen Dachverbandes Domowina.

    Neben Sorben, die das Sorbische aktiv sprechen und ausleben und sich der slawischen Welt zugehörig fühlen, gibt es auch solche, die nicht als Sorben auffallen wollen – sei es, weil sie sich einfach nicht so fühlen oder weil sie aufgrund von Anfeindungen Minderwertigkeitskomplexe entwickelt haben.

    Es tue ihr im Herzen weh, wenn sie erlebe, dass in manchen Familien die sorbische Muttersprache nicht an die Kinder weitergegeben werde, sagt Madlenka Scholze, Dramaturgin am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen. Um auch diese Kinder und Jugendlichen zu erreichen und ihnen die sorbische Kultur und Sprache wieder nahe zu bringen, setzt Scholze in ihrer Arbeit auf ein möglichst breites sorbisches Programm mit deutscher Simultanübersetzung.

    „Man kann sich zum Sorbentum bekennen, auch wenn man die Sprache nicht kennt. Es gibt die sprechenden Sorben, für die wir Theater machen, und diejenigen, die wir dazu einladen, denn wir bieten alle Inszenierungen auch mit Simultanübersetzung ins Deutsche an. Das richtet sich an die deutsche Umgebung, aber auch an diejenigen, die der Sprache einfach nicht mehr so mächtig sind. Grundsätzlich haben wir in einer Spielzeit sechs Inszenierungen, für jede Interessengruppe eine. Im Durchschnitt haben wir pro Spielzeit etwa 6000 Zuschauer für diese sorbischsprachigen Inszenierungen.“

    Sorbisches Volkstheater wiederbelebt

    Für die nicht-muttersprachlichen Kinder biete das Theater, das in seiner Form deutschlandweit einzigartig ist, Inszenierungen an, die den sogenannten Witaj-Gedanken befördern, so die Dramaturgin. „Wir machen Inszenierungen, in denen wir Deutsch und Sorbisch sprechen, zum Beispiel, dass eine Figur Deutsch spricht und die andere Sorbisch.“

    Dass das sorbische Ensemble momentan über neun Schauspieler verfüge, sei ein Glücksfall und nicht selbstverständlich. Als sich das erste sorbische Volkstheater 1948 gründete, waren die Darsteller Laien und Quereinsteiger. Den Schauspielernachwuchs zog die Gruppe selbst heran.

    „Diese Idee ist in den 60er, 70er Jahren eingeschlafen, weil es genug sorbische Schauspieler gab. 1994 wurde dieses Studio wiederbelebt. Das ist ein Exklusivprogramm, was wir haben, und gibt uns die Möglichkeit, unseren eigenen Nachwuchs zu ziehen“, so Madlenka Scholze.

    Sorbische Kultur – Trachtenverein oder lebendige Moderne?

    Die größte Gruppe der Sorben, die aktiv Sprache und Kultur pflegen, seien die katholischen Sorben. Die Religion spiele für diese eher konservative Schicht eine große Rolle. Der Jahresablauf sei durch hohe religiöse Festtage bestimmt, zu denen sie ihre traditionellen Trachten anlegen, fährt Scholze fort. Eine solche Festtagstradition ist das Osterreiten. Das ist ein Festzug zu Pferd, der jedes Jahr auch Scharen von Touristen anlockt, wie der Sprecher der Stadt Bautzen bestätigt.

    Doch die sorbische Kultur besteht nicht nur aus Trachtenvereinen, Volksliedern und Sagen. Im Deutsch-Sorbischen Volkstheater werden auch die Herausforderungen unserer Zeit in sorbischsprachigen Stücken verarbeitet.

    „Das Thema der Flüchtlinge, das in den letzten Jahren verstärkt aufgekommen ist, macht natürlich auch nicht vor den Türen der Sorben halt. Wir haben aktuell das Stück ‚Insel der Phantasie‘ im Programm, bei dem es uns gelungen ist, zwei Flüchtlinge mit einzubeziehen. Das Publikum nimmt es sehr wohlwollend an, dass wir uns in der heutigen Zeit damit beschäftigen.“

    Außerdem erlebe das traditionelle sorbische Liedgut in letzter Zeit eine Renaissance bei der Jugend.

    „Wir haben z.B. eine Jugendgruppe, ‚Jank a Hanka‘. Diese Jugendlichen haben es geschafft, alte, traditionelle Lieder auf neue Pop-Melodien umzudichten. Sie bringen also das alte Liedgut im Text mit neuen Melodien zusammen. Für mich ist es immer entzückend festzustellen: Ok, die Jugend kennt vielleicht die Melodien der alten Volkslieder nicht gleich, dafür aber diese populären Lieder und deren Inhalt. So haben wir einzelne Bereiche in der Kunst, in der Bildung, in der Öffentlichkeit, die sich weiter entwickeln“, sagt David Statnik von der Domowina. Und auch Madlenka Scholze schwärmt: „Da geht einem das Herz auf! Da steigt so eine Party, das fetzt!“

    Mit dem „Snobjed“ in die neue Zeit

    Das Vokabular des ursprünglichen Sorbischen gehe auf die bäuerliche Gesellschaft zurück, in der die Lausitzer Slawen lebten. Daher habe es sich auf diese Lebenswelt beschränkt. Mit der Industrialisierung seien neue Begriffe im Deutschen aufgetaucht, die man versucht habe, ins Sorbische zu übertragen.

    „Das setzt sich bis heute fort, zum Beispiel auch, was die Digitalisierung betrifft. Wir haben auch juristische Begriffe, und man hat im sorbischen Gebiet die Möglichkeit, auch vor Gericht Sorbisch zu sprechen. Die neue Sprache hat es aber schwer, vom Volk angenommen zu werden. Der Alltag läuft für die meisten auf Deutsch ab. Da ist es schwer, dass Begriffe wie Lohnsteuerabrechnung angenommen werden“, räumt die Dramaturgin ein.

    An einer Wortneuschöpfung, die tatsächlich Eingang in den modernen Sprachgebrauch gefunden hat, war Madlenka Scholze selbst beteiligt:

    „Aus dem schönen englischen Wort ‚Brunch‘, einer Zusammensetzung aus ‚Breakfast‘ und ‚Lunch‘, haben wir ein eigenes Wort kreiert: „Snobjed“ – „snědań“ (Frühstück) und „wobjed“ (Mittagessen). Dieses Wort hat Eingang in die Alltagssprache gefunden und wurde auch von den Medien gestreut.“

    David Statnik geht das noch nicht weit genug. Damit eine Sprache wirklich gleichberechtigt sein kann, müsse sie nicht nur erhalten und weiterentwickelt werden, sondern auch im Zeitalter der Digitalisierung breite Anwendung finden.

    „Wenn ich in Zukunft mein Handy in sorbischer Sprache nutzen kann, dann sind wir an einem Punkt, wo die Sprache wirklich gleichwertig ist. Einen kleinen Trost habe ich schon jetzt: Es gibt bereits ein sorbisch-japanisches Wörterbuch.“

    Mit seinen drei Kindern spricht der Domowina-Vorsitzende Sorbisch. Das Leben seiner Familie sei auch vom katholischen Glauben geprägt. Auch Madlenka Šołćic, wie ihr Name auf Sorbisch heißt, bekennt sich klar zum Sorbischsein:

    „Ich fühle mich absolut als Sorbin, als Slawin. Ich war auf dem Balkan, und wenn ich zum Beispiel in Tschechien bin, dann fühle ich mich da sowas von wohl, weil ich mich da mit meiner Sprache bewegen kann. Dieses Gefühl versuche ich auch meinen Kindern zu vermitteln, dass die sorbische Sprache ein Schlüssel zu den anderen slawischen Sprachen ist.“

    Das komplette Interview mit Madlenka Scholze zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit David Statnik zum Nachhören:

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    Tags:
    Slawen, Sorbisch, Sorben, Minderheit, Theater, Kultur, Sobrisches Volkstheater, Madlenka Scholze, David Statnik, Domowina, Niederlausitz, Oberlausitz, Lausitz, Ostdeutschland, Görlitz, Cottbus, Bautzen, Brandenburg, Sachsen, Deutschland