06:29 19 November 2018
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    Beschneidung (Symbol)

    Streit um Beschneidungsverbot: Juden und Muslime werden aus Europa vertrieben

    © AP Photo / Binsar Bakkara
    Gesellschaft
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    Anton Skripunow
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    Die Rechte der europäischen Gläubigen sind wieder gefährdet. Islands Parlament will ein Verbot für das Beschneiden von Jungen erörtern. Wer dagegen verstößt, erwartet sechs Jahre Haft. Über das Verbot dieses Rituals wird seit langem diskutiert. Sputnik versucht zu klären, wohin ein weiterer Angriff auf Juden und Muslime in ganz Europa führen würde.

    Kinder über Gott

    Isländische Abgeordnete erklären ihre Initiative mit dem Schutz der Kinderrechte. Diese Rechte sollen höher als alle religiösen Regeln stehen. In einer auf der Webseite des isländischen Parlaments veröffentlichen Begründung steht geschrieben: „Es sind mehrere Fälle der Beschneidung außerhalb von Chirurgie-Zentren bekannt, z.B. zu Hause, wo es keine sterilen Bedingungen gibt. Dabei werden solche Operationen nicht von Ärzten, sondern von religiösen Anführern vollzogen. Unter diesen Bedingungen ist das Risiko einer Infektion hoch, die zum Tod führen kann.“

    Die Beschneidung verstoße laut den Verfassern des Gesetzesentwurfs gegen Punkt 12 der UN-Kinderrechtskonvention, wobei Kinder berechtigt sind, ihre Ansichten, die nach Alter und Reife entsprechend berücksichtigt werden, frei zu äußern.

    Der Vorschlag der Parlamentarier empörte Juden und Muslime sowohl in Island als auch außerhalb des Landes. Bei den Juden gehört die Beschneidung zu den wichtigsten religiösen Vorschriften überhaupt.

    In Island leben nur 250 Juden (sie haben keinen eigenen Rabbiner) und rund 1500 Muslime. Doch die islamische Gemeinde in dem Inselstaat mit 336.000 Einwohnern wächst ständig. Laut dem Imam des Islamischen Kulturzentrums in Reykjavik, Ahmad Siddik, ist die Beschneidung ein unabdingbarer Teil der muslimischen Religion. Man wolle das außer Gesetz stellen, was seit Jahrhunderten gemacht wird.

    Juden und Muslime werden selbst vom Vatikan unterstützt. Der Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE), Kardinal Reinhard Marx, hob hervor, dass das Recht auf Glaubensfreiheit nicht den Kinderrechten widerspreche, weshalb die Befürchtungen der isländischen Politiker unangebracht seien. „Die Kriminalisierung der Beschneidung ist eine sehr schwerwiegende Maßnahme, die tiefe Besorgnis hervorruft“, heißt es auf der Webseite der COMECE.

    Gegen die Ethik

    Einerseits muss sich das Nicht-EU-Mitglied Island nach seinem Status gar nicht an das gesamteuropäische Prinzip der „totalen Toleranz“ halten. Andererseits muss der winzige Inselstaat auch die Meinung des kontinentalen Europas berücksichtigen. Zudem gibt es weitere Vorfälle. Im vergangenen Jahr wurde bereits in Norwegen versucht, die Beschneidung für Kinder unter 16 Jahre zu verbieten.

    Die Gesetzesinitiative zum Beschneidungs-Verbot wurde von der Fortschrittspartei aus der Regierungskoalition vorgelegt – es handelt sich um die drittstärkste politische Kraft im Lande. Die Parlamentarier unterstützten diese Initiative. Doch der norwegische Premier sowie viele angesehene EU-Politiker kritisierten diese Idee aufs Schärfste. Im Ergebnis wurde die Behandlung des Gesetzentwurfs im letzten Moment verschoben. Die Vorsitzende der Fortschrittspartei, Siv Jensen, musste sich öffentlich rechtfertigen.

    „Ich will, dass alle verstehen – solange ich die Partei leite, wird es das nicht geben. Hier in Norwegen respektieren wir die Religionsfreiheit. Wir sind gegen Antisemitismus“, sagte Jensen.

    Allerdings endeten nicht die Diskussionen über die Schäden der Beschneidung. Vor kurzem äußerten sich viele Stimmen in Dänemark dagegen. Der dänische Ärzte-Verband rief die Behörden zu dringenden Maßnahmen zum Beschneidungs-Verbot auf, weil die Beschneidung „eine informierte Zustimmung der Person“ erfordert.

    „Wenn ein Junge 18 Jahre wird, wird er selbst entscheiden, ob er eine solche Operation machen will”, so die dänischen Ärzte.

    Laut skandinavischen Ärzten ist die Beschneidung „eine unnötige medizinische Manipulation“, die zur Blutinfektion führen kann. Bereits seit mehreren Jahren streiten auf Konferenzen skandinavische und amerikanische Ärzte über dieses Thema – in den USA werden solche Operationen von verschiedenen Kinderarzt- und urologischen Verbänden hingegen empfohlen.

    Am stärksten sind natürlich die jüdischen Gemeinden betroffen. Vor dem Hintergrund des Aufkommens von Rechtsradikalen in ganz Europa sind Befürchtungen zu erkennen, dass das Thema Beschneidung ein Anlass für Pogrome sein würde.

    Laut Dänemarks Oberrabbiner Yair Melchior widerspricht das Beschneidungsverbot dem Verfassungsrecht Dänemarks und der EU im Ganzen. „Wir sind sehr über ein wahrscheinliches Verbot der Beschneidung besorgt. Diese Frage wird in Dänemark bereits seit mehr als 15 Jahren erörtert, die Mehrheit der Bevölkerung ist für das Verbot, weshalb die Gefahr einer populistischen Lösung ziemlich real ist“, sagte er.

    Finnlands Oberrabbiner Simon Livson zufolge werden die Juden im Falle des Beschneidungsverbots in einzelnen Ländern einfach ins Ausland reisen, um diese Operation vorzunehmen. Obwohl das jedenfalls „bestimmte Risiken“ für die Gemeinde in sich trage.

    Zugleich hofft er, dass das gemeinsame Problem die europäischen Juden mit den Muslimen endlich versöhnen wird. „Das ist eine Vereinigung aus einem respektvollen Grund, wenn religiöse Rechte in diesem Fall nicht nur uns, sondern auch der Gesellschaft im Ganzen Nutzen bringen“, sagte der Rabbiner.

    „Wir werden gebeten, zu gehen“

    Neben einem möglichen Beschneidungsverbot sind Juden und Muslime über das Verbot von rituellen Schlachten besorgt, das jetzt in Dänemark, Polen, Lettland, den Niederlanden und Schweden in Kraft ist. Gläubige bringen aus anderen Ländern koscheres und Halal-Fleisch mit. In vielen europäischen Ländern werden Kompromissvarianten geübt – beispielsweise werden Tiere in der Slowakei, Österreich und Estland mit einem Schnitt in die Kehle betäubt, wie das die Vorschriften erfordern. In Finnland müssen Betäubung und der Schnitt in der Kehle gleichzeitig erfolgen.

    Das Schächtverbot in den belgischen Gebieten Flandern und Wallonien führte zu einer wahren Konfrontation der Gläubigen mit den Behörden. Juden und Muslime gehen auf die Straße und fordern die Einhaltung ihrer Rechte. Nun befürchten sie das Beschneidungs-Verbot, so der belgische Oberrabbiner Albert Gigi.

    „Die Beschneidung nimmt einen zentralen Platz im Judentum ein, weshalb das Verbot dieses Rituals nicht nur eine Einschränkung, sondern ein Verbot für die Tätigkeit der Gemeinde im Lande im Ganzen, eine Verletzung der religiösen Rechte und Freiheit bedeutet“, sagte er.

    Nach dem Angriff auf eine Synagoge 2015 in Frankreich stellten die Oberhäupter der jüdischen Gemeinden ernsthaft die Frage nach der Bedrohung für Gläubige in ganz Europa. Nach drei Jahren geht die Gefahr nun nicht nur von Terroristen, sondern auch von europäischen Politikern aus.

    „Ich würde den Anhängern des Beschneidungsverbots Folgendes sagen. Heute ist es nicht politisch korrekt zu sagen – ich will nicht, dass Juden in meinem Land leben. Doch in der Tat sagen sie mit dem Beschneidungsverbot gerade das“, sagte der Rabbiner Pinchas Goldschmitt.

    Der jüdische Philosoph Maimonides schrieb, dass Juden im Falle von Verboten einfach weggehen sollten. Island könnte nicht nur das erste Land mit einem Beschneidungsverbot werden, sondern auch einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen, der zur Abwanderung von 1,6 Millionen Gläubigen aus ganz Europa führen könnte.

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    Tags:
    Kinder, Gläubiger, Gott, Religion, Muslime, Juden, Streit, Verbot, Beschneidung, Europa, Island