19:29 12 Dezember 2018
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    Ökonomen prognostizieren demographische Katastrophe in Europa

    Gesellschaft
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    Bis 2050 wird Europa voraussichtlich etwa ein Drittel der so genannten wirtschaftlich aktiven Bevölkerung verlieren, warnen die französischen Ökonomen Michel Godet und Jean-Michel Boussemart in einem Beitrag für das Magazin „Atlantico“.

    Die Bevölkerung wird zunehmend älter, und damit sind künftige Wirtschaftsverluste Europas verbunden. Falls die Europäer keine unverzüglichen Maßnahmen zur Beschränkung des Flüchtlingsansturms ergreifen, könnte die Situation wirklich kritisch werden, so die Autoren.

    „Im Unterschied zu Nordamerika, dessen Bevölkerung bis 2050 um 75 Millionen Menschen zulegen wird, werden in Europa weiterhin 500 Millionen Menschen leben, wobei es 49 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 64 Jahre verlieren wird. Deutschlands Verluste werden bei elf Millionen Menschen liegen. Spanien und Italien werden ebenfalls sieben bis acht Millionen der potenziell wirtschaftlich aktiven Bevölkerung verlieren“, so die Expertenprognose.

    Die demographische „tektonische Verschiebung“ wird aber nicht nur die Europäische Union treffen. Auch China, Japan und Russland werden bis 2050 voraussichtlich jeweils 38, 20 und 15 Millionen Einwohner verlieren, wobei der größte Teil dieser Verluste wiederum auf die arbeitsfähige Bevölkerung entfallen wird.

    Russland muss sich auf den Verlust von 22 Millionen Menschen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren gefasst machen. In Japan wird diese Zahl bei 20 Millionen und in China bei 195 Millionen liegen. Indiens Bevölkerungszahl wird mittlerweile um fast 400 Millionen wachsen und die von China um 300 Millionen übertreffen. In Afrika wird die Bevölkerungszahl in dieser Zeit um 1,3 Milliarden wachsen, von denen nur 130 Millionen auf Nordafrika entfallen werden.

    „Es müssten Hände und Gehirne her, um diese Verluste auszugleichen“, so die Experten. Das bedeutet, dass der Migrationsdruck auf Europa unerhört groß sein wird.

    Zugleich verwiesen die Autoren darauf, dass man in Europa vom bevorstehenden „demographischen Schock“ lieber gar nicht redet geschweige sich darauf gefasst macht. Godet und Boussemart rufen die Leser auf, sich einmal vorzustellen, was passieren würde, wenn noch weitere Millionen und Millionen Flüchtlinge aus Asien, Afrika und dem Nahen Osten nach Europa kommen. Sollte in 35 Jahren nur ein Prozent der afrikanischen Einwohner nach Frankreich gezogen sein, würde das 13 Millionen neue Einwohner bedeuten.

    „Wenn wir davon reden, wie der Zufluss von ‚nur‘ einer Million Flüchtlinge die EU 2015 erschüttert und geschwächt hat (wobei Dreiviertel dieser Zuwanderer politische Flüchtlinge waren), dann sollten wir begreifen, dass sich Europa unverzüglich auf solche Perspektiven gefasst machen sollte“, so die Autoren.

    Ihnen zufolge sollte sich die Alte Welt am Beispiel Kanadas orientieren, wo es Arbeitsplatzquoten für Einwanderer gibt, die vom Bedarf des heimischen Arbeitsmarktes abhängen. Zudem sollte sich die EU um die Förderung von Geburten bemühen.

    „Wenn es zu viel Sand gibt, wird der Zement schlecht sein. Wenn man maximal möglich Sand hinzugibt, dann ist noch mehr Zement – also Kinder – nötig, die die Nationalsprache ihres Landes sprechen, egal welche Hautfarbe sie haben. Um also weltoffen zu bleiben, müsste Europa die eigene Nativität fördern“, zeigten sich die Ökonomen überzeugt. „Aber wie kann man eigentlich von Familienpolitik in Europa sprechen, wenn es dort Hotels und Kurorte nur für Erwachsene gibt, wo den Kindern der Zugang verboten ist – im Unterschied zu Haustieren?“

    Inzwischen hat die Sterblichkeit in Europa 2016 die Geburtenzahl übertroffen. Laut dem Artikel lässt sich dieser Trend in Deutschland schon seit 1971 beobachten, in Italien und Russland seit 1991, in Spanien seit 2016 und in Japan seit 2006. Etwa gegen 2028 droht dieses Szenario den Autoren zufolge auch China. Die USA und Frankreich müssten sich mit der demographischen Krise erst 2050 auseinandersetzen.

    Es gilt, dass das Wirtschaftswachstum in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Wiederaufbau seiner Infrastruktur sowie durch die allmähliche Überwindung des Rückstands auf die USA bedingt war. In Frankreich stimmten diese „erfolgreichen 30 Jahre“ zeitlich mit dem Aufschwung der Nativität überein. Aber kaum jemand erinnert sich daran, dass die Arbeitsproduktivität in den 1950er und 1960er Jahren dreimal so intensiv wie in den 1980er Jahren und später gewachsen war, wobei es damals noch keine Computer und andere High-Tech-Anlagen gab.

    Godet und Boussemart führen die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums auf das Älterwerden der Bevölkerung der Industrieländer zurück: der USA, Japans und der europäischen Länder. „Aber in der EU-Kommission und den meisten anderen internationalen Organisationen wird die Verbindung der Demographie und des Wirtschaftswachstums sehr selten hervorgehoben“, wobei im Mittelpunkt immer Themen wie High-Tech, Innovationen und Konkurrenz stehen, warnen die Autoren.

    „Menschen werden ausschließlich als humanes Kapital und aus der Sicht der Ausbildung betrachtet, die zu Recht als Investition und Faktor des nachhaltigen Wirtschaftswachstums gilt.“ Das Älterwerden der Bevölkerung wird vor allem aus der Sicht der damit verbundenen Probleme wahrgenommen: Stabilität des Rentensystems und des Gesundheitswesens.

    Dass Europas Wirtschaftswachstum seit den 1980er Jahren geringer als das in den USA ist, wird üblicherweise durch die technische Überlegenheit Amerikas begründet, wobei jedoch „vergessen“ wird, dass in den USA jede Frau in den letzten 30 Jahren im Durchschnitt 2,1 Kinder hat — gegenüber 1,5 Kindern in Europa. Diese Geburtenzahlen in Europa bedeuten aber, dass seine wirtschaftlich aktive Bevölkerung morgen um ein Drittel schrumpfen wird, so die Experten.

    „Der Rückgang der Geburtenzahl bedeutet für ein Land den Rückgang von Investitionen in Betriebe – dadurch können kurzfristig zusätzliche Mittel ‚freigegeben‘ werden – aber auf Kosten großer Probleme in der Zukunft“, erläuterten Godet und Boussemart. Ihnen ist offensichtlich, dass eine auf die Förderung der Nativität ausgerichtete Familienpolitik eine wichtige langfristige „Investition“ für die EU-Staaten wäre. Die Hoffnung, dass der negative Effekt vom Rückgang der Geburtenzahl und dem Anstieg der Lebenserwartung durch die Migrantenzuwanderung ausgeglichen werden könnte, ist nichts als Illusion. Beweise dafür sind der bevorstehende „Brexit“ und die politischen Reaktionen auf die Flüchtlingskrise in anderen EU-Ländern.

    „Um zu investieren und zu verbrauchen, müsste man an die Zukunft glauben und den Bedarf haben, sich darauf vorzubereiten: Das sind aber Qualitäten, die im Alter leider geringer werden. Die Quellen der Dynamik sind in der Wirtschaft und der Demographie gleich: Der Spaß am Leben äußert sich sowohl in den wirtschaftlichen Aktivitäten als auch in der Bereitschaft, Kinder zu zeugen“, stellten die Autoren fest.

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    Tags:
    Flüchtlinge, Migranten, Krise, Demographie, Wirtschaftswachstum, Bevölkerung, EU, China, Afrika, Europa, Russland