02:04 16 Dezember 2018
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    „Zeit ist das Statussymbol der jungen Generation“: Firma führt 30-Stunden-Woche ein

    „Zeit ist das Statussymbol der jungen Generation“: Firma führt 30-Stunden-Woche ein

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    Valentin Raskatov
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    Das österreichische Unternehmen eMagnetix hat im Jahr 2017 die 30-Stunden-Woche erprobt – und zwar bei einem 40-Stunden-Gehalt. Das Experiment war ein voller Erfolg. Dieses Jahr wird die 30-Stunden-Woche offiziell eingeführt. Sputnik hat mit eMagnetix über die Erfahrungen mit dem 6-Stunden-Tag gesprochen.

    Es war im Februar 2016, als das Unternehmen eMagnetix sich auf die Suche nach neuen Mitarbeitern begab und eine unangenehme Erfahrung machen musste. Als Onlinemarketing-Agentur, die mit kreativen Mitteln im Netz Strategien entwickelt, um Besucher auf die Webseiten ihrer Kunden zu bringen, wäre zu erwarten gewesen, dass Firmen wie eMagnetix anziehend auf die junge Generation wirken würde. All die hippen Digital Natives da draußen!

    Doch das Gegenteil war der Fall: Der erwartete Erfolg blieb ganz im Zeichen des Allerweltworts „Fachkräftemangel“ aus. Das Unternehmen habe „fast keine Bewerbungen bekommen“, berichtet Klaus Hochreiter, der Geschäftsführer der Online-Firma, gegenüber Sputnik.

    „30 sind genug“ – auch für den Umsatz

    Um ihre Strategie an den Zeitgeist anzupassen, habe die Firma Beispiele für Lösungen dieses Problems auf aller Welt angeschaut. Am Ende stand eine Strategie aus 20 verschiedenen Maßnahmen. Neben diversen Schritten zur Optimierung der Abläufe fiel dabei eine Maßnahme besonders auf: die Einführung der 30-Stunden-Woche. Anstatt Stellen zu kürzen, nachdem die Prozesse optimiert sind, beschloss das Unternehmen, den Mitarbeitern weiterhin ihre vollen 40 Stunden Lohn zu zahlen, sie aber nur noch 30 Stunden arbeiten zu lassen. Dabei nahm eMagnetix auch einen einstelligen Prozentsatz an Umsatzverlust in Kauf, ging dafür aber „auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer“ ein.

    Zeit wird wichtiger als Geld

    Denn wissenschaftlichen Studien zufolge haben sich diese Bedürfnisse gewandelt: „Die jüngeren Zielgruppen fordern ganz einfach eine Work-Life-Balance. Ihr Statussymbol ist nicht mehr Geld, sondern das Statussymbol der jungen Generation ist die Zeit. Und wenn ich mich nicht als Unternehmen auf diese Bedürfnisse einstelle, dann werde ich über kurz oder lang auch keine Mitarbeiter mehr finden“, erklärt Hochreiter.

    Die Digitalisierung biete genau diese Möglichkeit: Nicht nur effizienter werden und höhere Gewinne einfahren, sondern auch einen Teil des Gewinns „als zusätzliche Freizeit“ an die Mitarbeiter zurückzugeben.

    Die Vorteile der 30-Stunden-Woche für den Mitarbeiter auf einen Blick
    © Foto : eMagnetix
    Die Vorteile der 30-Stunden-Woche für den Mitarbeiter auf einen Blick

    Der Geschäftsführer nennt auch Beispiele: Ohne dass er von den Plänen des Unternehmens wusste, war ein Bewerber mit der Forderung aufgetreten, nur 30 Stunden arbeiten zu wollen. Er war Hobby-Musiker und wollte nicht, dass die Arbeit sein Hobby komplett verdrängt.

    Ein anderer Fall: Eine junge Frau und eine „top Fachkraft“ kam gerade wegen der geplanten 30-Stunden-Woche in die Firma. Ihr Grund: Sie wollte Beruf, Familie und eine Yogalehrerin-Ausbildung vereinen.

    Ist der Fachkräftemangel am Ende also vielleicht auch Ausdruck eines Unwillens, in einer schnelleren und effizienteren Welt nach veralteten Mustern zu arbeiten?

    Qualität entscheidet – nicht abgesessene Stunden

    Seit 40 Jahren ist in Österreich die 40-Stunden-Woche gesetzlich verankert und hat sich auch im Denken der Menschen festgesetzt. Für Hochreiter ist das ein Problem: „Wir brechen alles auf die Zeit runter, aber gar nicht auf die Qualität.“ Dabei würden Studien belegen, dass ein Mensch nur sechs Stunden am Tag produktiv sein kann.

    Aus solchen Gründen hatte eMagnetix bereits vor vier Jahren die Gleitzeit eingeführt. Wer ab 15 Uhr nichts mehr zu tun hatte, konnte gehen, denn da endete die Kernarbeitszeit.

    Doch diese Gleitzeit war nicht eben erfolgreich: „Es ist niemand gegangen.“ Der Grund ist aber aus Sicht des Geschäftsführers ein einfacher: Die Mitarbeiter haben sich schlichtweg nicht getraut, denn sie seien von der Denkweise beherrscht: Wer mehr arbeitet, ist mehr wert.

    Die Testphase war ein voller Erfolg

    Deswegen wurde im Mai 2017 angekündigt: Es wird die 30-Stunden-Arbeitswoche erprobt. Zusammen mit den Mitarbeitern wurden Ideen gesammelt, Prozesse optimiert und in den Monaten November und Dezember 2017 dann die 30-Stunden-Woche getestet.

    • Das sagen die Mitarbeiter zur 30-Stunden-Woche
      Das sagen die Mitarbeiter zur 30-Stunden-Woche
      © Sputnik / Public Domain
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    Das sagen die Mitarbeiter zur 30-Stunden-Woche

    „Am Anfang waren die Leute überfordert. Sie haben gar nicht gewusst, was sie mit der zusätzlichen Freizeit machen sollten“, sagt Hochreiter. Doch das habe sich mit der Zeit gelegt. Als die Testphase vorbei gewesen sei, habe sich sogar leichte Demotivation gezeigt, als die Mitarbeiter wieder zur 40-Stunden-Woche zurückkehren mussten. Im Oktober 2018 soll dann die 30-Stunden-Woche bei eMagnetix nicht mehr getestet, sondern offiziell eingeführt werden.

    Entwicklung der Arbeitszeit vom 19. ins 21. Jahrhundert
    © Foto : eMagnetix
    Entwicklung der Arbeitszeit vom 19. ins 21. Jahrhundert

    Auf die Frage, ob solche kürzeren Arbeitszeiten nur für den Internetbereich gelten, wo alle Prozesse hochautomatisiert sind, antwortet der Firmenchef: „Ich will zwar nicht für andere Unternehmen reden, aber es tut sich auch in anderen Branchen was.“ Er führte als Beispiel den 28-Stunden-Arbeitstag bei der IG Metall an. Bereits in den 70er Jahren sei aufgrund des technischen Fortschritts die 30-Stunden-Woche vorhergesagt worden, fügt Hochreiter hinzu. 2018 wäre es an der Zeit, diese auch umzusetzen.

    Das Interview mit Klaus Hochreiter in voller Länge:

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    40-Stunden-Woche, 30-Stunden-Woche, Tarif, Arbeitszeitverkürzung, Flexible Arbeitszeiten, Arbeitszeit, Lohn, Geld, Metallindustrie, Wirtschaft, eMagnetix, IG Metall, Österreich