13:03 18 Oktober 2018
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    Parodien des US-Präsidenten Donald Trump (R) und Chefs von Nordkorea Kim Jong Un

    Trump und Kim könnten „beste Freunde“ werden – Wiener Psychologe zu geplantem Gipfel

    © REUTERS / Yonhap
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    Nikolaj Jolkin
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    Ein positives Zeichen sieht Daniel Witzeling, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna, im angekündigten historischen Treffen zwischen Donald Trump und Kim Jong-un, weil zuletzt die Angst vor einem Atomkrieg so präsent war wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr.

    Vom sozialpsychologischen Aspekt könne man die Diagnose ableiten, so Witzeling im Interview mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin, dass „weder Trump noch Kim Jong-un so negativ sind, wie sie die Medien beschreiben, sondern dass durchaus ihre Option ist zu lernen und sie vielleicht vom Persönlichkeitstypus sogar beste Freunde werden könnten. Dadurch kann es zu einer Annäherung zwischen Nord- und Südkorea kommen, die dann Lösungen für die Menschen und Wirtschaft Nordkoreas bringt. Aus dieser Spannung, die am Anfang war, kann ein positives Resultat für die Region und für die gesamte Welt entstehen.“

    Japans Angst

    Zu Japans Befürchtungen, die USA können nur sich selbst vor nordkoreanischen Atomraketen schützen, meinte der Psychologe, Angst sei nie ein guter Ratgeber. „Man sollte eher Vertrauen haben, weil Angst zu den Feindbildern und falschen Reaktionen führt. Bei allen negativen Facetten, die ein jeder Mensch hat, hat auch Kim Jong-un eine gewisse Logik im Kopf, die nicht zu solchen negativen Schritten führt, dass es zum Krieg kommt.“

    Diese ganzen Atomtests seien nur Machtdemonstrationen, fuhr der Sozialforscher fort, „wie bei kleinen Kindern, die zeigen wollen, ich habe jetzt dieses Zeug oder das. Trump hat das gut beschrieben, dass sein roter Knopf größer sei und besser funktioniere als der von Kim Jong-un. Dies ist eigentlich ein infantiles, kindliches Verhalten.“

    Zusammen mit seinem Bruder Fabio hat Daniel Witzeling das Buch „Wenn der Wind sich dreht: Zeitfenster in eine neue politische Ära“ geschrieben, in dem sie versuchen, beim klassischen Schema von Diagnose und Therapie beim Individuum und seinem Entwicklungspotential anzusetzen, um den Menschen in krisenhaften Zeiten Hoffnungen zu geben und sie in den eigenen Fähigkeiten zu bestärken, damit sie sich auf die eigene Identität verlassen.

    In ihrer sozialpsychologischen Analyse sprechen sich die Autoren gegen Feindbilder aus, „ob das politisch links gegen rechts, Ost gegen West, Putin gegen Trump ist, sowie gegen veröffentlichte Meinungen der klassischen Medien. Man soll sich einmal selber Gedanken machen, nie gegen einen Menschen sein, sondern die andere Seite verstehen. Das Buch soll auch als Verstärkung der eigenen Motivation dienen, auf sich selbst zu vertrauen. Das Selbstvertrauen ist zentrales Thema des Buches.“

    Gespaltene Gesellschaft

    Wenn man sich die Wahlen in Österreich, Deutschland und Frankreich anschaue, so Witzeling, „merkt man, dass sich zwei Pole gebildet haben, die politisch eher linke und rechte Seite, die sich gegenseitig als Gegner sehen“. Das sei aus seiner Sicht falsch, um eine positive Identität für Europa zu entwickeln. Auch die gesellschaftliche Spaltung – das kulturell christlich geprägte Abendland und die muslimische Einwanderungswelle – sei „eine Riesenherausforderung, die wir im Sinne einer positiven Gesellschaft bewältigen müssen“.

    Nur die Intelligenz der einzelnen Menschen halte die Gesellschaft zusammen, ist sich der Sozialforscher sicher. „Die Menschen sind nicht so dumm, wie die Politik das oft glaubt, sondern sie sind zumeist wesentlich schlauer als die Politiker, bilden sich selbst ihre Meinung und lassen sich nicht von negativen Inhalten steuern. Man muss sie nur verstärken, dass sie sich getrauen, selber nachzudenken, sich selber zu entwickeln und sich selbst ein Bild der Realität zu machen. Dann stellen sich die soziale Intelligenz und die Empathie ein, und Menschen helfen sich gegenseitig.“

    Wohin dreht sich der Wind?

    Der alte Windsurfer kennt die Antwort: „Der Wind ist beim Segeln etwas Positives. Er treibt dich zu neuen Ufern voran. Der gesamtgesellschaftliche Wind Europa, Russland, USA und Asien dreht sich so, dass jetzt eine neue Ära heranbricht, eine Ära, die nicht nur mit Feindbildern zu tun hat, so paradox das klingen mag, sondern wo die Menschen wieder auf ihre Nationalität schauen, auf ihre eigene Identität, um so verstärkt besser mit dem Gegenüber kommunizieren zu können. Einzelne Menschen tun das so oder so weltweit durch die neuen Techniken. Nur die Politik hat es noch nicht begriffen, wie weit die Menschen schon sind.“

    Die Auseinandersetzungen zwischen links und rechts bezeichnet Witzeling als Scheingefecht, obwohl er auch anerkennt, dass alle politischen Parteien, sei es die SPÖ in Österreich oder die SPD in Deutschland oder die eher rechte CDU/CSU bzw. die ÖVP in Österreich, einander als Gegner sehen, im Wettkampf der besten Ideen. Sein Buch soll aber der Gefahr entgegenwirken, das Gegenüber, ob links oder rechts, nicht mehr als Menschen mit einem gewissen Stil und einer Kultur wahrzunehmen. „Ich muss jedem Menschen, egal ob ich seine Meinung teile oder nicht, mit Respekt entgegentreten.“

    Die Zeit der sozialen Intelligenz kommt, prognostiziert der Wissenschaftler. „Das heißt, weg von vorgekauten religiösen Meinungen oder politischen Wertbildern, hin zur Eigenverantwortung und Selbstreflexion, dass man nachdenkt: Ist das, was man tut, was man will, was man kauft, noch gut? Was zählt für mich: ein dickes Auto, oder sind es meine Freunde, meine Familie, die Gesellschaft und der Frieden? Da fangen viele Menschen jetzt gerade in der Konsumgesellschaft in Europa sehr stark an nachzudenken.“

    Das komplette Interview mit Daniel Witzeling zum Nachhören:

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    Tags:
    Psychologie, Konflikt, Kalter Krieg, ÖVP, SPD, Kim Jong-un, Donald Trump, Osten, Westen, Österreich, Nordkorea, Deutschland, USA