17:31 21 September 2018
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    Frauenemanzipation

    „BGH schweigt Frauen tot“ – Sprache als Spiegelbild der Gesellschaft?

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    Gesellschaft
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    Paul Linke
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    Frauen haben kein Recht auf eine weibliche Ansprache in Formularen. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden und damit die Revision der Sparkassen-Kundin Marlies Krämer zurückgewiesen. Die 80-Jährige denkt nicht daran, aufzugeben. Doch ist die Gesellschaft überhaupt bereit für eine solche Veränderung?

    „Kontoinhaber“, „Kreditnehmer“ oder einfach nur „Kunde“ – der Bundesgerichtshof (BGH) stellte am Dienstag in Karlsruhe klar, dass Frauen keinen Anspruch auf weibliche Formen in Formularen und Vordrucken haben.

    Die Klägerin in dem Prozess war „der Sparkassen-Kunde“ Marlies Krämer aus dem saarländischen Sulzbach. Doch ans Aufgeben denkt die 80-Jährige noch lange nicht. „Ich ziehe auf jeden Fall vor das Bundesverfassungsgericht“, sagte sie nach dem Urteil der Deutschen Presseagentur (DPA). Die weibliche Formular-Sprache will sie notfalls vor dem Europäischen Gerichtshof durchsetzen.

    Krämer zog vor Gericht, weil ihre Sparkasse die Forderung ignorierte, sie in Formularen als Frau anzusprechen. „Ich sehe das überhaupt nicht mehr ein, dass ich als Frau totgeschwiegen werde. Es ist mein Recht, als Frau in Sprache und Schrift erkennbar zu sein“, betonte Krämer gegenüber der DPA.

    Argumentation des BGH

    Der BGH argumentierte mit dem traditionellen Sprachverständnis. „Die Klägerin erfährt allein durch die Verwendung generisch maskuliner Personenbezeichnungen keine Benachteiligung im Sinne von § 3 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes.“ Maßgeblich für diese Beurteilung sei nicht die subjektive Sicht der betroffenen Person, sondern die objektive Sicht eines verständigen Dritten, so das BGH.

    Der Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, Stefan Marotzke, kann den Unmut der Sparkassenkundin zwar verstehen. Das generische Maskulinum diene jedoch in erster Linie dazu, komplizierte Texte verständlicher zu machen. Wenn sowohl die männliche als auch die weibliche Form in offiziellen Dokumenten verwendet werde, „ändert sich dadurch der Satzbau fundamental“, erklärt Marotzke und verweist auf ein weiteres Argument: „Eine Unterscheidung in männliche und weibliche Bezeichnung würde hier zu kurz greifen. Man müsste sich Gedanken machen, wie man auch dem dritten Geschlecht gerecht werden kann, was kürzlich vom Bundesverfassungsgericht anerkannt wurde.“

    Sprache als Spiegelbild der Gesellschaft?

    Einige der ersten Untersuchungen zum generischen Maskulinum stammen vom Sprachwissenschaftler Josef Klein. Laut seinen Untersuchungen sei die Benachteiligung der Frau und somit auch des dritten Geschlechts durch das generische Maskulinum „psycholinguistische Realität“. Doch diese These sei in der Sprachwissenschaft nach wie vor sehr umstritten, bemerkt der Sprachwissenschaftler von der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS), Dr. Volker Struckmeier. Die Generalfrage dabei sei, ob man in der Gesellschaft wirklich glaube, dass Frauen und Intersexuelle ausgeschlossen werden, erklärt Dr. Struckmeier.

    „Wenn die Sprache die bestehenden politischen Verhältnisse korrekt beschreibt, dann müssten wir die politischen Verhältnisse ändern. Die Sprache würde dann die neueren und hoffentlich besseren politischen Verhältnisse besser beschreiben“, bemerkt der DGfS-Sprecher im Sputnik-Interview.

    Sprachliche Revolution nicht zu erwarten

    Vor diesem Hintergrund schließt Struckmeier eine sprachliche Revolution aus.

    „Sprachen haben ein sehr, sehr großes Beharrungsvermögen. Die Versuche, bestimmte grammatische Phänomene, die als Wildwuchs betrachtet wurden, den Sprechern auszutreiben, sind in der Geschichte immer glorreich gescheitert.“

    Unterscheidungen einzuführen, die für die Sprecher nicht als natürlich gelten, werde schwierig, glaubt Struckmeier.

    Im Laufe ihres Lebens hat die „bekennende Feministin“ Marlies Krämer viele Kämpfe für sich entscheiden können. In den 90er Jahren verzichtete sie so lange auf einen Pass, bis sie als „Inhaberin“ unterschreiben konnte. Später sammelte sie erfolgreich Unterschriften für weibliche Wetter-Hochs. Zuvor wurden Frauennamen nur für Tiefs verwendet. Doch an einer kleinen Sprachrevolution ist sie bisher gescheitert: einstweilen wird die Sparkasse sie weiterhin als „ihren Kunden“ führen.

    Das Interview mit Dr. Volker Struckmeier zum Nachhören:

    Das Interview mit Stefan Marotzke zum Nachhören:

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    Tags:
    Feminismus, Geschlecht, Sprache, DGfS, Sparkasse, Bundesgerichtshof, Marlies Krämer, Deutschland