12:04 17 Juli 2018
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    Offensive der Roten Armee in Polen 1945 (Archivbild)

    Wer befreite das KZ Sobibor? Nationales Gedenken und Geschichtsfälschung in Polen

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    Nikolaj Jolkin
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    Mit Bestürzung hat der wissenschaftliche Direktor der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft Michail Mjagkow darauf reagiert, dass Russland weiterhin von der Förderung und Modernisierung der KZ-Gedenkstätte Sobibor in Polen ausgeschlossen ist.

    Die polnische Entscheidung, Russland nicht bei der Pflege der KZ-Gedenkstätte Sobibor einzubeziehen, sei bitter und schmerzlich. Das sagte Michail Mjagkow während einer Online-Konferenz mit Nutzern der Webseite von „RIA Novosti“ anlässlich des 85. Jahrestages der Errichtung des ersten Nazi-Konzentrationslagers in Dachau bei München.

    Die Befreier Polens

    „Das Institut für nationales Gedenken, das jetzt faktisch die Vollmachten einer Staatsanwaltschaft besitzt, sprach sich gegen eine russische Beteiligung aus. Darin äußert sich Polens besondere Einstellung zu Russland, indem man die Befreiungsmission der Sowjetunion und der Roten Armee aus der Geschichte streichen will, obwohl sich der erfolgreiche Aufstand der Häftlinge im Vernichtungslager Sobibor mit anschließender Massenflucht gerade unter Führung des sowjetischen Offiziers und Rotarmisten Alexander Petschjorski ereignete.“

    Heute heiße es in Polen, so der Historiker, die Rote Armee sei keine Befreierin, sondern nur die Armia Krajowa. Gemäß der Stellungnahme des Instituts für nationales Gedenken habe die Armia Krajowa der Roten Armee gegenübergestanden, da Letztere zunehmend als neuer Besatzer gewertet wird – „obwohl 600.000 Soldaten der Roten Armee ihr Leben bei der Befreiung Polens vom Nazismus geopfert haben. Sie haben die Konzentrationslager befreit und dem polnischen Volk sein Staatswesen wiedergegeben. Ganz zu schweigen von der Unterstützung Polens noch während des Krieges und gleich danach mit Lebensmitteln, während es uns selbst daran mangelte, zu schweigen auch von den Minenräumungen, dem Wiederaufbau der Straßen und der übrigen Infrastruktur.“

    Russen und Polen kämpften gemeinsam

    Diese Geschichtsfälschung rüttele am kollektiven historischen Gedächtnis in Polen, fuhr Mjagkow fort.

    „Bekanntlich hat eine 200.000 Mann starke Armee der polnischen Streitkräfte, Wojsko Polskie, Seite an Seite mit der Roten Armee den Nazismus bekämpft. Sie befreite ihren Staat, und anschließend zogen Russen und Polen gemeinsam in Berlin ein. Auch dies beginnt man in Polen zu vergessen. Man reißt Denkmäler ab, damit diese niemanden an die Befreiungsmission der Roten Armee gemahnen. Man gibt sich Mühe, die polnischen Schüler nichts davon erfahren zu lassen. Es wird Russenhass und die Vorstellung von Russland als von einem feindlichen Staat verbreitet.“

    Michail Mjagkow erinnerte auch daran, dass die Nazis auf dem Territorium der besetzten Länder Europas ein Riesennetzwerk von Konzentrations- und Vernichtungslagern bildeten, die zu Standorten der planmäßigen Ermordung von Millionen Menschen wurden. Nach verschiedenen Angaben waren in den NS-Konzentrationslagern etwa 18 Millionen Menschen eingesperrt. Elf Millionen Menschen sind dort vernichtet worden. Fünf bis sechs Millionen dieser Menschen waren Sowjetbürger und jeder fünfte ein Kind.

    Historische Wahrheit

    Während der Online-Konferenz wurde die Frage aufgeworfen, wie die Glaubwürdigkeit dessen einzuschätzen ist, was in jenen Jahren geschah. Mjagkow sagte dazu:

    „Es gibt Tausende Zeugnisse der Naziopfer, ehemaliger KZ-Häftlinge, die befreit worden sind. Sie haben ausgesagt, wie grausam die Häftlinge von den Nazis behandelt wurden. Es gibt auch Protokolle von Gerichtsverfahren gegen die Nazis. Diese Aussagen sind glaubwürdig. Schon in den Kriegsjahren hat auch das sogenannte ‚sowjetische Nürnberg‚ stattgefunden, also Prozesse gegen Naziverbrecher in Krasnodar, Kiew und Nowgorod. Alle Protokolle sind erhalten geblieben, sie sind auch einsehbar. Viele Unterlagen gibt es im Internet.“

    Auf die Frage, wer von der Verfälschung der Geschichte profitiert, antwortete der Historiker wie folgt: „Heutzutage meinen gewisse neonazistische oder rechtsradikale Parteien in Europa und in der Ukraine, das Ganze sei womöglich gar nicht vorgekommen oder gar nicht so geschehen. Sie versuchen, das Naziregime zu rechtfertigen. All das bereitet den Boden für das Gedeihen der Keime des Nationalsozialismus vor.“

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    Tags:
    Gedenkstätte, Streit, Befreiung, Genozid, Ermordung, Juden, Nazis, KZ, Holocaust, Rote Armee, Iwan Rybakow, Deutschland, Sobibor, Dachau, Drittes Reich, Israel, UdSSR, Sowjetunion, Polen, Russland
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