17:13 24 September 2018
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    Ein deutscher Polizist während Übung

    Realität oder Panikmache? Übernimmt tschetschenische Mafia die deutsche Unterwelt?

    © REUTERS / Kai Pfaffenbach
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    Deutsche Sicherheitsbehörden warnen vor einer Zeitenwende in der kriminellen Szene des Landes. Demnach schicke sich die tschetschenische Mafia an, vom Erfüllungsgehilfen zum eigenständigen Akteur zu mutieren, der besonders rücksichtslos und brutal agiere. Doch hält diese Warnung den Fakten, also Statistiken stand? Der Versuch einer Recherche.

    Einer der wesentlichen Vorwürfe in dieser Sache ist die Behauptung, in den zurückliegenden Jahren seien unter dem Schutz des Asylgesetzes massenhaft Angehörige hochkrimineller tschetschenischer Familien nach Deutschland eingereist und würden sich nun einnisten, um ein mafiöses Netzwerk zu errichten. Dazu sind leider zunächst ein paar trockene Zahlen nötig:

    Tschetschenische Zuwanderung in nackten Zahlen

    Nach Auskunft des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellten im Jahr 2017 insgesamt 4.648 Staatsbürger der Russischen Föderation in Deutschland einen Asylantrag. Damit nimmt Russland im vergangenen Jahr den zehnten Platz in der Antrags-Statistik des BAMF ein. In einer speziellen „Antrags-, Entscheidungs- und Bestandsstatistik“ für den „Bereich: Russische Föderation“ gibt das BAMF an, dass im Jahr 2017 Asylanträge von 4.166 „Personen“ mit der „Volkszugehörigkeit: Tschetschenen“ gestellt wurden, davon 3.140 so genannte Erstanträge. Das bedeutet, dass fast 90 Prozent aller Asylanträge, die 2017 von Staatsbürgern der Russischen Föderation gestellt wurden, aus der Autonomen Republik Tschetschenien stammen. Allerdings ist die Anerkennungsrate extrem gering. Von den 12.903 Asylanträgen tschetschenischer Bürger, die 2017 vom BAMF schließlich auch entschieden wurden, sind nur sage und schreibe 14 als „asylberechtigt“ anerkannt worden. Das sind gerade einmal 0,1 Prozent. 416 dieser Anträge erhielten den Flüchtlingsstatus, 309 so genannten subsidiären Schutz und 241 tschetschenischen Antragstellern wurde ein Abschiebeverbot gewährt. Das ergibt eine so genannte Gesamtschutzquote von 7,6 Prozent.

    Von Massenzuwanderung aus Tschetschenien kann also ganz grundsätzlich nicht gesprochen werden. Denn diese Anerkennungsrate hat sich seit dem Jahr 2000 was die Anerkennung als asylberechtigt angeht, nur wenig verändert. Die höchste Anerkennungsrate gab es 2008, als 3,6 Prozent der tschetschenischen Asylanträge der Status „asylberechtigt“ zuerkannt wurde, das waren damals übrigens ebenfalls 14 Fälle, weil 2008 deutlich weniger Asylanträge entschieden wurden als 2017. Statistik ist deshalb nur bedingt aussagefähig.

    Sind Tschetschenen krimineller und gewalttätiger? Erkenntnisse aus Deutschland und Österreich

    Den nüchternen Zahlen der Asylstatistik stehen nüchterne Erkenntnisse von Strafverfolgungsbehörden in Deutschland und Österreich gegenüber. Das deutsche Bundeskriminalamt teilt Sputnik auf Anfrage keine konkreten Zahlen mit, aber die unmissverständliche Ansage:

    „Tschetschenische kriminelle Gruppen agieren häufig stark abgeschottet…Zudem zeichnen sie sich durch eine hohe Gewaltbereitschaft aus.“

    Der Leiter des Büro für Organisierte Kriminalität im Bundeskriminalamt Österreichs, Dieter Csefan, erklärt im Gespräch mit Sputnik, dass die österreichische Kriminalstatistik für das Jahr 2012 insgesamt rund 2.600 Tatverdächtige mit russischer Staatsbürgerschaft ausgewiesen habe, nur zwei Jahre später schon 3.100. Die Statistik führe keine explizite tschetschenische Herkunft auf, so Csefan, aber die Erkenntnisse seines Büros, das seit 2012 explizit auf tschetschenische Bandenkriminalität angesetzt ist, sprechen dafür, dass man die Prognose wagen könne, dass zehn Prozent dieser Tatverdächtigen aus Tschetschenien stammen.

    Österreich ist hart gegen tschetschenische Jugendbanden vorgegangen

    Csefan kann in einem Punkt sehr viel konkreter werden. Denn Österreich hat vor ein paar Jahren unangenehme Erfahrungen mit Jugendbanden gemacht, deren aktivste Köpfe sich als junge Tschetschenen entpuppten. Das Österreichische BKA konnte 2015 die drei brutalsten dieser Jugendbanden, die so genannten Gruppen Goldenberg, VDK und Die Wölfe dingfest machen und ihre Rädelsführer hinter Gitter bringen. Dieter Csefan verweist im Gespräch mit Sputnik auf die offenkundig große abschreckende Wirkung dieses entschlossenen Vorgehens des österreichischen Staates unter tschetschenischen Jugendlichen. Csefan nennt es „generalpräventive“ Wirkung, denn seither ist eine derartige kriminelle Aktivität in Österreich nicht mehr in Erscheinung getreten.

    Auch das deutsche BKA setzt auf vorbeugende Abschreckung

    Auch das deutsche Bundeskriminalamt fährt deshalb offenbar eine Strategie der präventiven Abschreckung. In der Antwort des BKA auf die Anfrage von Sputnik heisst es: „Um zu verhindern, dass sich kriminelle Vereinigungen dauerhaft in Deutschland etablieren können, unternehmen die Sicherheitsbehörden große Anstrengungen Strukturen und Netzwerke tschetschenischer Straftäter frühzeitig aufzuklären.“

    Tschetschenien-Experte Osthold bestätigt, nur Härte des Staates beeindruckt Tschetschenen

    Dass diese Strategie erfolgversprechend ist, bestätigt indirekt auch der Historiker Christian Osthold, der sich einen Namen für seine Veröffentlichungen gerade zu Tschetschenien und tschetschenischer Bandenkriminalität gemacht hat. Osthold erklärte im Gespräch mit Sputnik:

    „Heute wird Deutschland von den Tschetschenen als im Kern schwacher Staat gesehen. Solange der Staat nicht wehrhaft ist und rigoros durchgreift, auch im Zweifelsfall härtere Strafen verhängt, muss man sich nicht wundern, dass man mit entsprechenden Folgen konfrontiert wird.“

    Osthold bestätigt auch andere Erkenntnisse der Strafverfolgungsbehörden in Deutschland und Österreich. Demnach schickt sich die tschetschenische Mafia an, nicht mehr nur Handlanger, sondern eigenständigen Akteur zu werden. Osthold dazu im Interview mit Sputnik: „Tschetschenische Gruppen sind im Moment noch darauf angewiesen, mit anderen Gruppen zu kooperieren. Das ist ja auch der Fall. Das gilt nicht nur für Berlin. Wenn sie sich Wien anschauen, dann haben sie dort öfter Kooperationen zwischen Tschetschenen und Jugoslawen.“

    Das deckt sich mit Erkenntnissen des österreichischen Bundeskriminalamtes, wie sie Dieter Csefan im Gespräch mit Sputnik erläutert hat und die vor allem die so genannte Türsteherszene in der österreichischen Hauptstadt betrifft.

    Kritik der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft an Darstellung von Tschetschenen

    Ganz und gar unzufrieden mit der Darstellung der Tschetschenen in Deutschland ist Ekkehard Maaß, Leiter der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft. Maaß, der in der DDR einige Bekanntheit mit seinen Interpretationen von Liedern Bulat Okudshawas erlangte und sich wegen seiner Solidarisierung mit Wolf Biermann Ärger mit der DDR-Staatsmacht einhandelte, findet die Darstellung von Tschetschenen als besonders kriminell und gewaltbereit stereotyp und findet keine Entsprechung in der tschetschenischen Szene, die er kennt und frequentiert. Im Gespräch mit Sputnik stellt Maaß fest: „Ich würde nicht sagen, dass es keine tschetschenischen Kriminellen gibt – die gibt es überall. Aber es gibt sie unter den Tschetschenen kein Prozent mehr als unter Deutschen, Ukrainern, Weißrussen, Kasachen oder wem auch immer. Ich glaube kaum an diese Zunahme von Kriminalität, merke es auch hier in Berlin nicht.“

    Auch Tschetschenien-Experte Osthold mahnt zu differenzierter Darstellung

    Auch Christian Osthold mahnt gegenüber Sputnik, Pauschalisierungen und Übertreibungen zu vermeiden:

    „Ich bin selbst lange in Tschetschenien gewesen, habe das Land und die Leute dort vor Ort kennengelernt. Ich kann eigentlich nur Gutes über dieses Volk sagen. Ich habe dieses Volk als sehr sittlich, sehr diszipliniert, sehr gastfreundlich kennengelernt. Und Kriminelle habe ich dort überhaupt nicht gesehen.“

    Und Osthold widerspricht der am Beginn dieses Artikels kolportierten These: „Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass die tschetschenische Mafia oder die tschetschenische Regierung Kriminelle nach Deutschland schickt, um hier aktiv zu werden.“

    Nicht alle Tschetschenen sind kriminell, aber kriminelle Tschetschenen sind auffallend gewaltbereiter

    Die Bundeskriminalämter von Deutschland und Österreich stellen klar, dass natürlich nicht davon gesprochen werden könne, dass Tschetschenen generell krimineller und gewaltbereiter sind als andere Menschen. Sie verweisen aber darauf, dass auf der Basis ihrer Erkenntnisse die Aussage zutreffend ist, dass die tschetschenische Mafia, die in Deutschland und Österreich aktiv ist, auffallend gewaltbereiter, brutaler und rücksichtsloser ist als Kriminelle anderer ethnischer Herkunft. Das bestätigt auch Christian Osthold. Und selbst Ekkehard Maaß räumt ein, „sie sind gewaltbereit, das ist ihre Schwäche“.

    Andreas Peter (in Zusammenarbeit mit Ilona Pfeffer und Alexander Boos)

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    Tags:
    Experte, Asylbewerber, Ermittlung, Kriminalität, Bundeskriminalamt (BKA), BAMF, Tschetschenien, Österreich, Deutschland, Russland