04:47 25 April 2018
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    Angela Merkel (i.d.Mitte) während Kanzleramt-Besuchs von Karnevalsvereinen (Archivbild)

    Psychoanalytiker Maaz über Russland: Feindbild lenkt von eigenen Fehlern ab

    © AFP 2018 / DPA/ Kay Nietfeld
    Gesellschaft
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    Armin Siebert
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    Zahlreiche Persönlichkeiten haben in einem Offenen Brief an die Bundeskanzlerin zu Besonnenheit im Umgang mit Russland in der Affäre um den vergifteten Ex-Spion Skripal aufgerufen. Unter den Unterzeichnern ist auch Dr. Hans-Joachim Maaz. Der bekannte Psychoanalytiker meint, dass das Feindbild Russland dazu dient, von eigenen Problemen abzulenken.

    Dr. Hans-Joachim Maaz war von 1980 bis zu seinem Ruhestand 2008 Chefarzt der Psychotherapeutischen und Psychosomatischen Klinik im Evangelischen Diakoniewerk Halle. 1990 erschien sein Buch „Der Gefühlsstau“, in dem er den Einfluss von staatlicher und familiärer Repression im DDR-System auf die psychische Befindlichkeit der Bevölkerung untersuchte. In seinen Folgewerken setzte er sich auch kritisch mit der Situation im wiedervereinigten Deutschland und den Folgen auf die Psyche auseinander.

    Herr Dr. Maaz, ich war überrascht, auch Ihre Unterschrift unter diesem Offenen Brief an die Bundeskanzlerin zu finden. Warum ist Ihnen dies ein Anliegen?

    Zum einen ist die Rechtslage überhaupt nicht klar. In einem Rechtsstaat gilt die Unschuldsvermutung. Dass von vornherein verurteilt wird und so getan wird, als gäbe es nur diese eine Möglichkeit, dass das von Russland kommt, macht mir ernste Sorgen. Außenminister Heiko Maas hat gesagt, sie können sich keine andere Variante vorstellen. Das ist für mich ein trauriges Zeichen. Es gibt sicher tausend Möglichkeiten, wer Interesse haben könnte, so etwas zu machen.

    Und ich bin ebenso besorgt, wie mit Russland im Allgemeinen umgegangen wird. Ich habe das Gefühl, als ob ein alter, neuer Feind gebraucht wird. Das halte ich für die politische und militärische Situation in dieser Welt für gefährlich. Man muss mit Russland gut auskommen. Man muss bemüht sein, auch die russische Position zu verstehen. Die Diplomatie darf nicht verlassen werden durch neue Feindbilder.

    Es scheint auch hier unterschiedliche Auffassungen zum richtigen Umgang mit Russland in Ost- und Westdeutschland zu geben.

    Da gibt es sicher einen Unterschied zwischen Ost und West. Das hat damit zu tun, dass die Sowjets ehemals hier im Osten stationiert waren und im Bewusstsein verankert ist, dass sie tatsächlich auch zu den Befreiern vom Nationalsozialismus zu zählen sind, auch wenn dann natürlich nicht alles gut war. Aber diese Position, dass den Russen mit Riesenopfern auch der Untergang des Nationalsozialismus zu danken ist, die ist im Osten tief verwurzelt.

    Sie sprachen an, dass ein neues Feindbild Russland aufgebaut werden soll. Was passiert da psychologisch? Was passiert da mit den Menschen?

    Feindbilder werden immer gebraucht, wenn jemand, auch in individuellen Beziehungen, ein Problem hat, das er nicht erkennen oder wahrhaben möchte. Dann sucht er Schuldige. Also wird projiziert. Es wird irgendetwas Böses, etwas Schlechtes, eine Schuld projiziert, um nicht die eigene Problematik erkennen zu müssen. Das ist ein weitverbreiteter psychologischer Mechanismus. In jeder Partnerschaft, in Nachbarschaften, in Freundschaften passiert das ständig. Und es passiert offensichtlich auch, wie wir wissen, in gesellschaftlichen Zusammenhängen. Wir kennen solche massenpsychologischen Wirkungen wie: Das ist der Klassenfeind oder das ist der Erzfeind. Oder im kalten Krieg auf der einen Seite der Imperialismus als Feind, auf der anderen Seite der Kommunismus der Feind. Das heißt, mit dem Feindbild, dem Blick auf den anderen, dem etwas Böses, etwas Schlechtes zugeschrieben wird, wird von den eigenen Schwierigkeiten und Fehlern und Schwächen abgelenkt.

    Es ist schwierig, beim Thema Russland einen klaren Kopf zu bewahren angesichts der vorwiegend negativen Berichterstattung über Russland in den Medien.

    Ja, das ist richtig. Das dient, denke ich, auch ein bisschen der Verwirrung. Im Zusammenhang mit dem projektiven Feindbild muss man immer daran denken: Je stärker Russland schlechtgeredet wird und Dinge gesucht werden, die man den Russen oder Putin vorwerfen kann, desto mehr muss man fürchten, gibt es im Westen, von Amerika angefangen bis Westeuropa, der EU, Riesenprobleme, von denen abgelenkt wird, indem jetzt ein neuer Bösewicht ausgemacht wird.

    Sie haben sich viel mit der Psyche der Ostdeutschen nach der Wende beschäftigt. Können Sie sich vorstellen, wie die russischen Menschen sich gerade fühlen angesichts dieser Feindschaft, die ihnen aus der westlichen Welt entgegenschlägt?

    Ich kann mir gut vorstellen, dass das sehr irritierend, verstörend, ärgerlich und frustrierend ist. Mein Bild von den russischen Menschen ist, dass sie ihre Heimat lieben, verbunden sind mit dem Land, dass sie auch einen stärkeren Führungswunsch haben, als das vielleicht in Westeuropa der Fall ist. Ich denke schon, dass sie sich sehr verletzt und beleidigt fühlen.

    Wie kommt es, dass sich bei diesem Thema auf der einen Seite Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft auch für Russland aussprechen, und auf der anderen Seite, dass dieses Thema so emotional diskutiert wird und auch spaltet?

    Der Kalte Krieg und die realen Gefahren, die bis 1990 zwischen Ost und West bestanden, die atomare Bedrohung – das ist immer noch Realität. Das ist, glaube ich, bei vielen Menschen vorhanden: das Wissen oder die Befürchtung, dass sich da wieder etwas entzündet und die Angst vor neuen, jetzt wirklich gewalttätigen bis kriegerischen Auseinandersetzungen. Deshalb ist es so wichtig, gerade mit dieser Großmacht Russland, in guter diplomatischer Beziehung zu sein. Man muss nicht einer Meinung sein, aber man muss sich respektieren und achten und verstehen und hören, wie andere denken und handeln – und nicht von vornherein verurteilen.

    Das Interview mit Dr. Hans-Joachim Maaz zum Nachhören:

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    Tags:
    Kriegsgefahr, Feindbild, Offener Brief, Brief, Kalter Krieg, Sergej Skripal, Wladimir Putin, Hans-Joachim Maaz, Angela Merkel, Westen, Osten, Deutschland, Russland