17:47 19 April 2018
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    Sitzung des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe wegen des Kopftuchtragens in den deutschen Schulen (Archivbild)

    Kopftuchstreit an deutschen Schulen: Geht es wirklich um Kinderschutz?

    © AFP 2018 / DPA/ Uli Deck
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    Ilona Pfeffer
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    Ein harmloses Stück Stoff, ein Modeaccessoire, ein religiöses Symbol oder gar ein politisches Statement? Mit dem Vorschlag, das Kopftuch für Schülerinnen unter 14 zu verbieten, erntet NRW-Integrationsminister Joachim Stamp viel Beifall, aber auch Kritik. In jedem Fall rückt die muslimische Kopfbedeckung wieder in den Fokus der Debatte.

    Mit der steigenden Zuwanderung aus muslimischen Ländern und der damit einhergehenden größeren Sichtbarkeit ihrer religiösen Symbole kommt es in Deutschland immer häufiger zu damit verbundenen Debatten. Vor allem das Kopftuch der muslimischen Frauen scheint Teilen der deutschen Öffentlichkeit ein Dorn im Auge zu sein.

    Vor ziemlich genau drei Jahren, als das Bundesverfassungsgericht zwei kopftuchtragenden Lehrerinnen, die gegen das Kopftuchverbot an ihrer Schule klagten, Recht gab, ereiferte sich schon Deutschlands bekannteste Feministin Alice Schwarzer:

    „Mädchen und Frauen unter fundamentalistisch-muslimischer Herrschaft – ob in Familien, Communities oder Ländern –, die sich nicht verschleiern, sind Freiwild und riskieren ihr Leben. Schon alleine wegen des Leids dieser Millionen unter den Schleier gezwungenen Frauen müsste eigentlich jede Frau in einem freien Land, die ‚freiwillig‘ den Schleier trägt, dieses blutbesudelte Stück Stoff ablegen. Aus Solidarität.“

    Das Kopftuch mache jede verhüllte Frau zum sexuellen Objekt und jede unverhüllte Frau zum Freiwild – und die Männer zu Tieren. Es sei ein Symbol der Geschlechter-Apartheid, so Schwarzer.

    Neues Feuer: Kinder und „Religionsmündigkeit“

    Dieser Tage hat das alte Thema neues Feuer bekommen: Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) wünscht sich nämlich, dass Mädchen unter 14 Jahren im Unterricht auf die Kopfbedeckung verzichten. Er argumentiert: In diesem Alter sind Kinder noch nicht religionsmündig, folglich könne von einem freiwilligen und bewussten Anlegen des Kopftuches keine Rede sein. Auf Zustimmung stieß der FDP-Mann nicht nur bei seinem eigenen Parteichef Christian Lindner, sondern auch bei NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und der stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Julia Klöckner.

    Kritik kommt hingegen von den Muslimen selbst. Der Vorsitzende des Islamrats, Burhan Kesici, wies die Vorstellung eines Kopftuchzwangs bei muslimischen Mädchen als überholt zurück und sagte, die Religionsfreiheit aufgrund einer solchen Annahme einzuschränken sei „unverhältnismäßig und verfassungswidrig“.

    Kopftuchverbot nur für Kindergärten und Grundschulen?

    Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, unterstützt das Kopftuchverbot, jedoch nicht in dem Umfang, wie es Integrationsminister Stamp vorgeschlagen hat:

    „Ich bin der Auffassung, dass das Kopftuchverbot in Deutschland für Kindergärten und Grundschulen gelten sollte. Ich würde nicht so weit gehen, es für Kinder bis 14 Jahren auszuweiten. Dafür gibt es gute Gründe. Zum einen sind Kinder in dem Alter rechtlich religionsunmündig. Außerdem fordert der Koran nur die Verhüllung ab dem Alter der Pubertät, also wenn das Mädchen zur Frau wird. Das ist mit Sicherheit vielfach früher als im Alter von 14, aber es ist sicher nicht gegeben in Kindergärten und Grundschulen.“

    Der Lehrerverband sei der Ansicht, dass sich Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter nicht freiwillig für das Kopftuch entscheiden. Sie würden damit vielmehr die Haltung der Eltern transportieren. Dadurch würden sie aber auch potentiell religiösem Mobbing ausgesetzt, das an deutschen Schulen verstärkt beobachtet werde.

    „Da geht es nicht nur um die Kinder, die vielleicht von den Familien her gezwungen werden, bereits in der Grundschule oder im Kindergarten ein Kopftuch zu tragen. Sondern es geht auch um die Wirkung auf andere Kinder, auf andere unmündige Kinder, die sich dann so eine Abgrenzung auch in der Kleidung nicht erklären können. Das ist glaube ich etwas, was gerade der Integration, der die Diversität dienen soll, zutiefst zuwiderläuft. Deswegen halte ich eine Altersgrenze – ich würde das zwischen den Schulorten ansiedeln, zwischen Kindergarten, Grundschule und weiterführenden Schulen – für das Tragen des Kopftuchs durchaus für eine richtige Messlatte“, so Meidinger.

    „Symbolpolitik und Symboldebatten“

    Für Fatih Zingal, den stellvertretenden Vorsitzenden der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), ist die jüngste Diskussion um ein Kopftuchverbot eine Scheindebatte.

    „Wie viele Fälle betrifft das denn? Ich persönlich kenne keinen einzigen Fall, wo ein kleines Mädchen im Vorschulalter mit dem Kopftuch in die Kindertagesstätte geschickt worden wäre. Das ist auch das Absurde an dieser Debatte. Mich erinnert das an die Burkaverbotsdebatte. Die Medienlandschaft war lange davon geprägt, aber wenn man die Frage gestellt hat, wie viele Personen das denn konkret betrifft, dann war es keine Handvoll. Vor diesem Hintergrund glaube ich, dass hier sehr viel Symbolpolitik und Symboldebatten stattfinden.“

    Ein Kopftuchverbot sei ebenso schlimm wie ein Kopftuchzwang und juristisch nicht mit der Religionsfreiheit gemäß Artikel 4 des Grundgesetzes vereinbar. Statt darüber zu debattieren, sollte man sich in Deutschland lieber den echten Problemen von Migration und Integration zuwenden. „Rassistische Diskriminierung ist beispielsweise immer noch das Hauptelement für Ausgrenzung. Und bei dem Thema Integration sollten wir diesen Aspekt ganz stark in den Fokus rücken“, so Zingal.

    „Mit den Betroffenen reden“

    Sollte das Kopftuchverbot kommen, würde Heinz-Peter Meidinger es nicht mit Gewalt umzusetzen versuchen.

    „Ich glaube, dass man nicht sofort mit drakonischen Strafen reagieren sollte, sondern pädagogisch sensibel. Man sollte in solchen Fällen auch auf die Einsicht der Eltern hoffen, mit ihnen reden, ihnen klarmachen, dass es kein Vorteil für ihr Kind und die Klasse insgesamt ist, wenn solche religiösen Bekundungen in die Klassen hineingetragen werden. Ich selbst habe in der Vergangenheit als Schulleiter immer gute Erfahrungen damit gemacht, Verbote nicht rigoros umzusetzen, sondern mit den Betroffenen zu reden und auf ihr Verständnis zu hoffen. Wenn man sich natürlich permanent weigert, sich an entsprechende Regeln zu handeln, muss man auch Sanktionen erwägen. Aber das kann nur der letzte Schritt sein.“

    Das komplette Interview mit Heinz-Peter Meidinger zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Fatih Zingal zum Nachhören:

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    Tags:
    Religionsfreiheit, Rassismus, Diskriminierung, Burka, Burkaverbot, Islamismus, Feminismus, Integration, Islam, Muslime, Verbot, Debatte, Kopftuch, Deutscher Lehrerverband, UETD, CDU, FDP, Christian Lindner, Joachim Stamp, Heinz-Peter Meidinger, Fatih Zingal, Armin Laschet, Alice Schwarzer, Deutschland, Nordrhein-Westfalen
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