00:25 10 Dezember 2018
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    KZ (Symbolbild)

    „Wunderbarer russischer Doktor“ rettete Hunderte Leben im KZ

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    Am Mittwoch wird der Internationale Tag der Befreiung der KZ-Häftlinge begangen. Einer von ihnen war der sowjetische Arzt Georgi Sinjakow, der selbst in der Gefangenschaft Hunderte Menschenleben retten konnte.

    „Ich habe dem wunderbaren russischen Doktor Georgi Fjodorowitsch Sinjakow viel zu verdanken. Er war es, der mich im KZ bei Küstrin vor dem Tod gerettet hatte“, erzählte die sowjetische Kampfpilotin Anna Timofejewa-Jegorowa im Jahr 1961.

    Nach Angaben der russischen Wochenzeitung „Argumenty i Fakty“ war Sinjakow, der lange vor dem Krieg gegen Nazi-Deutschland sein Diplom als Arzt an der Universität Woronesch erhalten hatte, bereits am zweiten Kriegstag an die Front gegangen. Während der Kämpfe um Kiew behandelte er bis zur letzten Minute verletzte Rotarmisten, bis die Deutschen ihn gefangen nahmen. Die ersten Stationen seiner Gefangenschaft waren zwei Lager bei Kiew, dann wurde es ins KZ bei Küstrin gebracht.

    In jenes KZ gelangten Kriegsgefangene aus verschiedenen europäischen Staaten, doch sowjetische Soldaten hatten es am schwersten – sie bekamen kaum medizinische Hilfe, starben an Erschöpfung, Erkältung und an ihren Wunden. Die Nachricht, dass nun ein gefangener Arzt kam, erfuhren auch die Deutschen. Sie beschlossen, ihn einer Prüfung zu unterziehen. Mehrere Stunden in Folge führte der barfüßige und hungrige Arzt dem Zeitungsbericht zufolge eine Magenresektion durch – und stellte sein Können sicher unter Beweis.

    Seitdem operierte er nahezu rund um die Uhr verletzte Gefangene. Auch außerhalb des Konzentrationslagers kursierte die Nachricht über einen genialen Arzt. Selbst Deutsche brachten ihre Verwandten zur Behandlung. Einmal operierte Sinjakow einen deutschen Jungen, der an einem Knochen nahezu erstickt wäre. Als das Kind dann wieder zu sich kam, küsste dessen Mutter dem Arzt die Hand und kniete vor ihm nieder. Nach diesem Fall bekam Sinjakow laut einer Verordnung regelmäßig zusätzliche Verpflegung, teilte sie aber sofort mit seinen Patienten.

    Mehr noch: Der Arzt half dabei, Fluchten aus dem Lager in die Wege zu leiten. Er erfand, so der Bericht weiter, Arzneimittel, die zwar gut wirkten, die Wunden aber weiterhin ungeheilt aussehen ließen. Auf diese Weise wurden die Wächter irregeführt. Eine solche Salbe verwendete er auch, als die verletzte sowjetische Pilotin Anna ins KZ gebracht wurde. Sie wurde gesund – und konnte mit Sinjakows Hilfe fliehen.

    Um Fluchten zu organisieren, griff der Arzt am häufigsten zu einer Täuschung, bei der kranke Gefangene für tot erklärt wurde. Die vermeintlichen Toten wurden zusammen mit den tatsächlichen Leichen aus dem Lager abtransportiert und in einen Graben geworfen, um dann „aufzuerstehen“ und den Weg zurück an die Front zu suchen.

    Seine letzte Heldentat im KZ beging der Arzt schon unmittelbar vor der Befreiung durch die Rote Armee. Die Nazis wollten nur einen Teil der Gefangenen woandershin transportieren und den Rest – rund 3.000 Menschen – an Ort und Stelle erschießen. Sinjakow, der zufällig davon erfuhr, bat die Deutschen über einen Dolmetscher, die Bleibenden zu verschonen. Es funktionierte – die Deutschen verließen das Gelände ohne Schüsse. Kurz darauf rückte eine sowjetische Panzereinheit dort ein, bei der Sinjakow nun weiter seine ärztliche Arbeit leistete und verletzte Panzersoldaten rettete. Nach Kriegsende hinterließ er seine Unterschrift an einer Wand des erstürmten Reichstagsgebäudes.

    Nach dem Krieg zog Georgi Sinjakow in die Ural-Stadt Tscheljabinsk um, leitete dort die Chirurgie-Abteilung einer medizinischen Einrichtung und unterrichtete später an der Hochschule für Medizin. Über den Krieg sprach er kaum – seine Studenten hatten keine Ahnung, dass er im KZ gewesen war. Sie schilderten ihn später als einen sehr guten, ruhigen und betont höflichen Mann.

    Als seine Geschichte dann doch weitbekannt wurde, und zwar dank jener einst geretteten Kampfpilotin (die man später übrigens als Heldin der Sowjetunion auszeichnete), bekam Georgi Sinjakow zahlreiche Briefe: Menschen, denen er im Krieg geholfen hatte, wussten nun, wo er lebte. Hunderte ehemalige KZ-Gefangene dankten ihm tief berührt. Der russische Arzt sagte aber ständig, er habe nur seine Pflicht erfüllt.

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