01:46 26 September 2018
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    Verrückt: Genügend Psychotherapeuten in Deutschland – aber zu wenig Zulassungen

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    Andreas Peter
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    Vor einem Jahr wurde in Deutschland die Psychotherapie-Richtlinie geändert. Sie sollte die Terminvergabe für Menschen verbessern, die eine Psychotherapie benötigen. Doch die Bundespsychotherapeutenkammer zieht eine gemischte Bilanz. Demnach besteht kein Mangel an ausgebildeten Therapeuten. Sie dürfen nur oft keine Praxis eröffnen.

    Deutschland wird kein Land der Psychotiker oder psychisch auffälligen Menschen. Aber die Zahl der Menschen mit psychischen Auffälligkeiten oder Störungen, die eine professionelle therapeutische Behandlung erfordern, ist unverändert hoch. Manche Betroffene warten monatelange verzweifelt auf einen Termin bei einem Psychotherapeuten.

    Suizid und Amoklauf ließen sich verhindern

    Das ist nicht nur für die Patienten quälend. Es kann auch lebensgefährlich sein. Studien zeigen, dass die Gefahr von Selbstmorden gerade in den Phasen am höchsten ist, wenn ein Patient Hilfe ersehnt, aber nicht erhält. Im schlimmsten Fall kann aus einem solchen Suizid auch ein Amoklauf werden. Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, bestätigt: Viele Selbstmorde ließen sich durch professionelle psychotherapeutische Hilfe verhindern.

    „Mehrere Monate Wartezeit auf Behandlung“

    Doch nicht deshalb, sondern aus ganz grundsätzlichen Erwägungen fordert die Bundespsychotherapeutenkammer endlich entschiedenes Handeln. Eigentlich sollte bereits zum 1. Januar 2017 eine verbesserte Bedarfsplanung die Wartezeiten verringern. Um das zu erleichtern und zu beschleunigen, wurden verpflichtende „Psychotherapeutische Sprechstunden“ eingeführt. Ihren Sinn und Zweck erläutert Munz so:

    „Der Sinn und auch Zweck der Sprechstunde war von Anfang an, dass Patienten möglichst rasch erfahren, ob sie psychisch krank sind und welche psychische Erkrankung sie haben und was in ihrer Situation jetzt das Richtige wäre, ob sie in eine Beratungsstelle gehen oder ob sie eine Behandlung beim niedergelassenen Kollegen brauchen oder ob sie in ein Krankenhaus sollen. Dieser Zweck wurde erreicht, und die Patienten erhalten auch relativ kurzfristig einen Termin in der Sprechstunde und wissen dann, was mit ihnen los ist. Das Problem beginnt danach. Und das wurde nicht gelöst, dass die Wartezeit auf eine Behandlung immer noch mehrere Monate beträgt.“

    Problemfall ländlicher Raum

    Ein Zustand, der besonders in ländlichen Räumen dramatische Dimensionen hat. Patienten in Großstädten müssen immerhin im Durchschnitt 20 Wochen warten, bis sie endlich mit einem Therapeuten ausführlich über ihre spezielle Diagnose sprechen können. Dagegen dauert eine solche Terminvergabe in ländlichen Regionen auch schon mal bis zu neun Monate. Der Grund ist ebenso simpel, wie er Betroffene sicherlich wütend macht. Dietrich Munz stellt gegenüber Sputnik klar:

    „Wir haben in Deutschland ausreichend viele Psychotherapeuten. Das heißt, wir haben nicht, wie bei den Ärzten, einen Mangel an Nachwuchs. Sondern wir haben ausreichend viel Nachwuchs. Aber über die Bedarfsplanung können sich diese Kolleginnen und Kollegen nicht in einer kassenfinanzierten Praxis niederlassen.“

    Denn die Krankenkassen, die auch im sogenannten Gemeinsamen Bundesausschuss sitzen, der über die Neuzulassung von Therapiepraxen entscheidet, blockieren mehr Zulassungen von psychotherapeutischen Praxen massiv, wie Munz es bezeichnet. Demnach würden die Kassen deutlich blicken lassen, dass sie eine Ausweitung von psychotherapeutischen Praxen um die von der Bundeskammer geforderten mindestens 7000 weder finanzieren können noch wollen.

    „Mehr Praxissitze in ländlichen Bereichen ausschreiben“

    Es sind vor allem finanzielle Beweggründe der Krankenkassen und nicht etwa Eitelkeiten der Psychotherapeuten, die verhindern, dass sich mehr von ihnen in einer kassenfinanzierten Praxis niederlassen können. Das zeigt nach Meinung von Dietrich Munz ein Beispiel von vor vier Jahren. Demnach wären seinerzeit rund 1000 neue Psychotherapeutenpraxen in ländlichen Regionen ausgeschrieben worden. Munz berichtet, diese tausend neuen Praxen seien innerhalb kürzester Zeit allesamt vergeben gewesen. Deshalb ist Munz sicher:

    „Wenn in der Bedarfsplanung festgelegt wird, dass in ländlichen Bereichen mehr Praxissitze zur Verfügung gestellt werden, dann werden sich dort auch mehr Kolleginnen und Kollegen niederlassen.“

    Das Interview mit Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, zum Nachhören:

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    Tags:
    Selbstmord, Suizid, Amoklauf, Psychologie, Deutschland