18:31 19 November 2018
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    Beamte der Spezialeinheit GSG9 bei der Rotlicht-Razzia

    Rotlicht-Razzia: Volltreffer gegen Menschenhandel oder „Inszenierung“ von Seehofer?

    © REUTERS / Kai Pfaffenbach
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    Valentin Raskatov
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    1500 Beamte führten am Mittwoch eine bundesweite Razzia im Rotlichtmilieu durch. Eine Inszenierung Horst Seehofers vermutet der Prostituiertenverein Dona Carmen dahinter und nennt den Aufwand unverhältnismäßig. Anders sieht es das Netzwerk für Menschenrechte, das auf die Arbeit der Polizei vertraut und sicher ist: Es gab einen begründeten Verdacht.

    Die Bundespolizei führte am Mittwoch eine großangelegte Razzia im Rotlichtmilieu durch. Im Einsatz waren 1500 Beamte – darunter auch die Spezialeinheit GSG9. Durchsucht wurden 62 Bordelle beziehungsweise Wohnungen. Hintergrund der Razzien bildete eine Gruppierung, die im Verdacht steht, thailändische Frauen und Transsexuelle mit erschlichenen Visa ins Bundesgebiet eingeschleust zu haben.

    Im Rahmen der Razzia kam es zu sieben Verhaftungen. Die Bundespolizei spricht in diesem Zusammenhang auch von den „personell größten Exekutivmaßnahmen seit Bestehen der Bundespolizei“. Und Polizeisprecher Jens Flören erklärt gegenüber der Berliner Zeitung, die Spezialeinheit sei eingesetzt worden, „weil bei diesem szenetypischen Milieu immer auch mit Waffen und Gegenwehr gerechnet werden muss“.

    „Martialische Großrazzia Seehofers“ – Prostituiertenverein

    Von einer „Seehofer-Razzia“ spricht Juanita Henning, Mitbegründerin des Vereins für soziale und politische Rechte von Prostituierten, Dona Carmen. Aus Sicht des Vereins inszeniere hier Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) gemeinsam mit der Bundespolizei „eine martialische Großrazzia gegen die Prostitution“. Hintergrund: Die Landtagswahl in Bayern im Herbst 2018. „Die Polizei wird hier mal wieder politisch instrumentalisiert für andere Zwecke als die Kriminalitätsbekämpfung“, so Henning. Seehofer, so ihre Interpretation, wolle sich vor der Öffentlichkeit als „Law-in-Order-Mann“ präsentieren – „auf Kosten ausländischer Prostituierter“.

    Für ihre Sicht führt die Mitgründerin des Prostituiertenvereins ein paar Zahlen an: Im Jahr 2016 habe es lediglich 27 mutmaßliche Opfer der „Ausbeutung von Prostitution“ gegeben, drei Täter seien verurteilt worden. In der Zuhälterei seien 229 Opfer und 14 Täter gewesen. Und in Sachen „Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“: 552 mutmaßliche Opfer und 72 verurteilte Täter. Auf die 200.000 in Deutschland tätigen Sexarbeiterinnen übertragen sind 552 Opfer nur 0,3 Prozent im Gewerbe. Außerdem sei das Opfer-Täter-Verhältnis eins zu eins. Deswegen gilt für Henning: „Organisierte Kriminalität – Fehlanzeige“.

    „Rechte statt Razzien: Prostituiertenschutzgesetz muss weg“

    „Sie müssen doch keine 1500 Beamten losschicken für 17 seit langem namentlich bekannte Verdächtige“, ruft Hennig empört. „Das steht in keinem Verhältnis.“ Und eine Spezialeinheit bräuchte es dabei schon gar nicht, bemerkt sie und stellt mit Blick auf Polizeisprecher Flören die Frage: „Was raucht denn der Typ? Der Mann hat überhaupt keine Ahnung davon, was er da sagt, beziehungsweise vom Milieu.“

    Dann holt Hennings gegen das 2017 in Kraft getretene Prostituiertenschutzgesetz aus. Es enthalte so viele Auflagen für Sexarbeiterinnen, dass es letztendlich viele Frauen in die Illegalität abdränge. „Man macht hier Gesetze, wo man die Frauen systematisch in die Illegalität zwingt, und dann macht man hinterher Razzien und präsentiert sich als Law-in-Order“, so die Mitgründer von Dona Carmen. Sie fordert, dass auch bei Prostitution das Gewerberecht gelte und nicht das Strafrecht. Die Losung: „Rechte statt Razzien.“

    „Volles Vertrauen in Polizei“ – Netzwerk gegen Menschenhandel

    Wesentlich positiver steht dagegen Andrea Kern, Referentin für die Öffentlichkeitsarbeit beim Netzwerk gegen Menschenhandel, der Razzia gegenüber: „Wir freuen uns grundsätzlich immer, wenn wir solche Nachrichten in den Medien sehen, weil das heißt, dass die Polizei mal wirklich durchgreifen konnte“, sagt sie gegenüber Sputnik. Sie hofft, dass auf diese Weise viele Täter überführt und zur Verantwortung gezogen werden und den Opfern geholfen wird.

    An eine politische Inszenierung glaubt sie nicht: „Grundsätzlich habe ich viel Vertrauen in unsere Polizei, dass wenn sie so viel Personal mobilisieren, dass sie einen begründeten Verdacht haben und auch entsprechend darauf reagieren und nicht irgendwelche Ressourcen diesbezüglich verschwenden“, so die Referentin.

    Bei den Razzien seien vor allem thailändische Opfer identifiziert worden. Die vom Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung Betroffenen in Deutschland stammten laut Kern jedoch überwiegend nicht aus Thailand, sondern aus den neuen EU-Staaten Rumänien, Bulgarien und Ungarn. Im internationalen Maßstab sei ferner Nigeria noch vor Thailand als Staat zu nennen, von dem aus Menschenhandel praktiziert werde.

    Interviewpartnerin Andrea Kern
    © Foto : Andrea Kern
    Interviewpartnerin Andrea Kern

    Das komplette Interview mit Andrea Kern zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Juanita Henning zum Nachhören:

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    Tags:
    Sexarbeit, Prostituierte, Razzia, Menschenhandel, Gesetz, Kriminalität, GSG 9 der Bundespolizei, Polizei, CSU, EU, Horst Seehofer, Deutschland