02:55 19 Oktober 2018
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    Theaterstück „Mein Kampf“

    Mit Hakenkreuz freier Eintritt

    © Foto : Theater Konstanz/Ilja Mess
    Gesellschaft
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    Am 20. April, dem Geburtstag von Adolf Hitler, will das Theater Konstanz George Taboris Theaterstück „Mein Kampf“ aufführen. Regisseur Serdar Somuncu hat sich dafür etwas Besonderes einfallen lassen: Wer sich bereit erklärt, ein Hakenkreuz zu tragen, bekommt Freikarten. Zahlende bekommen einen Judenstern. Die Aktion sorgt für Aufregung.

    Das Theaterstück „Mein Kampf“ von George Tabori aus dem Jahr 1987 erzählt, in der Form einer Groteske, die Entwicklung des Menschen Adolf Hitler in das Monster Hitler. „A great love story – Hitler and his Jew“ (Eine große Liebesgeschichte – Hitler und sein Jude) nannte Tabori sein Stück. Der Ungar jüdischer Abstammung hat fast seine gesamte Familie in deutschen KZs verloren. Seine Theaterstücke setzen dem Grauen von Rassismus und Massenmord oft schwarzen Humor und absurde Komik entgegen.

    Poster des Theaterstücks „Mein Kampf“
    © AFP 2018 / Felix Kästle / dpa
    Poster des Theaterstücks „Mein Kampf“

    Man wolle zeigen, wie schnell man Menschen korrumpieren kann, erklärte Somuncu die Aktion: Wer bereit ist, während des Abends ein Hakenkreuzsymbol zu tragen, erhält kostenlosen Eintritt. Wer dagegen regulär eine Karte kauft, darf sich einen Davidstern anheften – als „Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.  Bis Mittwoch hatten sich bereits 50 Interessenten für eine Freikarte gemeldet. Somuncu sagt dazu im Deutschlandfunk Kultur (DLF Kultur):

    „Die Zuschauer können die Symbole tragen, sie müssen sie nicht tragen. Ein Hakenkreuz muss man nur dann tragen, wenn man eben keinen Eintritt zahlt, was an sich schon eine Frechheit ist – und obendrauf noch ein Hakenkreuz zu tragen, das muss ich nicht kommentieren.“

    Mit den Betroffenen, die sich bereiterklären, ein Hakenkreuz für freien Eintritt zu tragen, setzt sich das Theater in Kontakt und fragt nach deren Beweggründen. Der Intendant des Theater Konstanz, Christoph Nix, erklärt im Deutschlandfunk (DLF) zu dem Fall einer Studentin, die eine Freikarte haben wollte:

    „Das gibt uns die Chance, mit ihr zu reden. Wenn Menschen entweder so lethargisch sind oder so ignorant gegenüber diesen Symbolen schon in der Nachfolgegeneration, dann sind wir nicht diejenigen, die das wecken, sondern wir machen das sichtbar, und das ist was anderes.“

    Probe des Theaterstücks „Mein Kampf“
    © AFP 2018 / Felix Kästle / dpa
    Probe des Theaterstücks „Mein Kampf“

    Die Idee Somuncus, dass Leute, die sich eine Karte kaufen, als „Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ einen Davidstern tragen können, sieht Nix im DLF problematischer:

    „Ich sehe darin auch sehr schnell eine Bagatellisierung. Ich finde das, um Ihnen das ehrlich zu sagen, viel problematischer als die Hakenkreuz-Geschichte … Somuncu bezieht sich da auf Aktionen, an denen er beteiligt war im Konzentrationslager Buchenwald, wo die Personen, die mitgehen auf diesen Märschen, sich im Gedenken auch den Davidstern an das Revers heften als Ausdruck von Verbundenheit. Das hat nicht er erfunden, sondern er hat es im Grunde genommen aus einem eigenen Erlebnis hierhertransportiert.“

    Protest kam unter anderem von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bodensee und der Christlich-Jüdischen Gesellschaft. Strafbar würden sich die Hakenkreuzträger aber nicht machen. Grundsätzlich dürfen Hakenkreuze nicht getragen werden. Dieser Fall werde allerdings durch Kunstfreiheit abgedeckt, wie die Staatsanwaltschaft bestätigte.

    Regisseur Somuncu findet die Kritik an der Aktion „oberflächlich“: Das Stück sollte im Vordergrund stehen, betont er: „Die Aufregung darum, dass wir zwei Symbole einsetzen, um die Zuschauer dazu zu zwingen, auch eine klare Position einzunehmen, hat sich ein bisschen verselbständigt. Deswegen nervt es auch, weil natürlich das Stück im Vordergrund steht. Und ich bin sicher, wer das Stück gesehen hat, der wird am Ende wissen, dass das, was jetzt besprochen wird, nur eine Kleinigkeit war.“

    Die Stadt Konstanz distanzierte sich derweil vom Theater. Es werde ein „vorhersehbarer Kollateralschaden“ bewusst in Kauf genommen. „Dass man die Gefühle der Nachkommen eines fast ermordeten Volkes ganz grob verletzt – da ist für mich eine Grenze überschritten“, so Andreas Osner (SPD), Erster Bürgermeister der Stadt, gegenüber dem Südwestrundfunk (SWR).

    Mit dem Stück wolle man, im Gegenteil, gegen Rassismus, Rechtsradikalismus und den neuerdings wieder erstarkenden Antisemitismus ein Zeichen setzen, erklärt Nix gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Der Intendant war selbst mit George Tabori befreundet, und der habe ihm in Berlin selbst gesagt: „Wenn du ‚Mein Kampf‘ irgendwann inszenierst, mach es an Hitlers Geburtstag: Sie werden kotzen.“

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    Tags:
    Theater, Massenmord, Rassismus, Juden, Nazi-Deutschland, Adolf Hitler, Deutschland