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    Friedenstaube (Symbolbild)

    Uwe Steimle: Sächsischer Humor im Zeichen der Friedenstaube

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    Gesellschaft
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    Armin Siebert
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    Uwe Steimle war 16 Jahre Kommissar beim Polizeiruf 110 und hat eine TV-Show beim MDR. Der Erfinder des Begriffs „Ostalgie“ könnte sich auf seinem Ossi-Image ausruhen. Er eckt aber lieber mit seinen politischen Ansichten an. Den Umgang mit Russland hält der Kabarettist für unverschämt. Und zum deutschen Außenminister meint er: Das Maas ist voll.

    Mir san Mir

    Vielleicht liegt es am urigen Sächsisch: Uwe Steimle ist einfach sympathisch. Im einfachen T-Shirt betritt er die Redaktion und begrüßt die Kollegen mit einem „Dobrij Djen“ (russisch für Guten Tag). Wobei ihm das Wort T-Shirt nie über die Lippen kommen würde:

    „Das ist kein T-Shirt, das ist ein Nicki. Ein Nicki. Wir werden uns die letzten paar Jahre nun nicht noch mal umgewöhnen.“

    Es sind Ausdrücke wie dieser, die jedem Ostalgiker das Herz aufgehen lassen. Steimle, der im Oktober 2017 in einer Folge seiner MDR-Show Steimles Welt im „Putin-Versteher-Shirt“ auftrat, kommt zum Sputnik-Interview im selbst entworfenen Nicki mit Friedenstaube und dem Spruch Mir san Mir – ein Wortspiel aus dem bayrischen Ausspruch Wir sind Wir und dem russischen Wort „Mir“, das gleichzeitig Welt und Frieden bedeutet.

    „Die Bayern haben in ihrem Landesmotto zweimal das Wort ‚Mir‘, und deswegen sind auch die Bayern unbedingt in die bayrisch-russische Freundschaft mit einzuschließen.“

    Uwe Steimle in der Sputnik-Redaktion
    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Uwe Steimle in der Sputnik-Redaktion

    Das Maas ist voll

    Überhaupt: Russland. Das derzeitige Missverhältnis zum Riesen im Osten bringt Steimle richtig auf die Palme:

    „Es gibt im aktuellen Umgang mit Russland eine Unverschämtheit, wie man sich positioniert oder glaubt, im vorauseilenden Gehorsam positionieren zu müssen, allen voran unser deutscher Außenminister. Also da muss man schon sagen: Das Maas (sic) ist voll. Unfasslich, ich weiß nicht, wird der von der Atlantikbrücke geschickt? Woher bezieht der seine Gewissheiten? Oder wenn Herr Ischinger, der Chef von der Sicherheitskonferenz in München, bei Anne Will am Sonntag süffisant sagt: ‚Naja, also das Bruttoinlandsprodukt der Russen ist weniger als in Italien.‘ Das kann ja alles sein. Nur wenn diese Russen so klein aufgestellt sind, wie sind sie dann in der Lage, ganz Amerika zu hacken? Ich sage dann im Kabarett immer: ‚Wo die anderen Glyphosat verwenden, da hackt der Russe gern.‘“

    „Schwierig, unberechenbar und Querulant“

    Steimle wuchs in Dresden auf, wo er bis heute lebt. Er ist Sachse durch und durch. Die sächsische Mundart ist sein Wiedererkennungsmerkmal. Der Arbeitersohn begann nach der Lehre zum Industrieschmied ein Studium an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig. Schon damals galt er als „schwierig, unberechenbar und Querulant“, wie in seiner Kaderakte stand.

    1989 stieg er beim Dresdner Kabarett „Herkuleskeule“ ein. 1992 erfand er für das Programm, mit dem er damals tourte, das Wort „Ostalgie“. Bis heute spielt Steimle bei seinen Auftritten mit der Ostsozialisierung, mit den Erinnerungen und Marotten im sozialistischen Einheitsstaat. So findet er sein Publikum vor allem zwischen Rügen und Erzgebirge. Besonders beliebt ist seine Imitation von Erich Honecker. Aber regelmäßig tourt Steimle auch durch den Westen und bringt dem Wessi den Ossi nahe. Gerade kommt er von einem Gastspiel in Hamburg. Der sächselnde Steimle scheint als Proto-Ossi in West und Ost zu funktionieren.

    Sushi in Suhl und Berufsverbot beim NDR

    Im Kino war Steimle 2012 in der Hauptrolle des Films Sushi in Suhl zu sehen. Seit 2013 präsentiert er im Sender MDR, der für Ostalgie-Sendungen bekannt ist, die Show Steimles Welt, in der er mit einem Wartburg durch Mitteldeutschland fährt und sich mit den Menschen über ihre Geschichten vor und nach der Wende unterhält. Zum Ost-West-Verhältnis meint Steimle:

    „Wir waren in vielen Punkten schon mal weiter, was das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen untereinander betraf.“

    Überregional wurde Steimle durch die Fernsehserie Polizeiruf 110 bekannt, in der er 16 Jahre lang den Kommissar Jens Hinrichs verkörperte. Dafür gab es den Grimme-Preis. 2008 war allerdings Schluss. Steimle bekam ein Drehbuch vorgelegt mit der Story, dass die Russenmafia in Wismar ein Kind entführt hat. Als sich auf Steimles Nachfrage herausstellte, dass der Vorfall rein fiktiv war, weigerte er sich, das zu spielen. Daraufhin flog Steimle beim NDR raus.

    „Jens Hinrichs“ war mit 31 Folgen der zweitdienstälteste Polizeiruf-Kommissar. Steimle protestierte dagegen, sprach von „Dolchstoß“ und „Berufsverbot“ und sah sich als Opfer einer politischen Verschwörung. Er mutmaßte, dass der Rauswurf auch mit seinem beginnenden Engagement für die Partei Die Linke zusammenhing. Steimle verschärfte sein politisches Kabarett nach dem Ausstieg beim Polizeiruf und war nun auch regelmäßiger Gast in der Satiresendung Neues aus der Anstalt.

    „Mit Frieden spielt man nicht“

    Auch in unserem Interview kommen bei Steimle Positionen der Linken durch. Gerade zum Thema Russland:

    „Die ganzen Kampagnen, die hier laufen, dienen nur dazu, Deutschland und Russland nicht zu nahe zusammenkommen zu lassen, denn wirtschaftlich wären wir eine unglaublich starke Allianz. Und ich glaube, schon Bismarck hat gesagt: Niemals gegen Russland, immer nur mit Russland.“

    Steimle meint, „man weiß zurzeit nicht, wo das größere Theater stattfindet, im Kabarett oder in der Politik“. Der Kabarettist und Schauspieler nimmt’s mit Humor, wird aber ernst, wenn er auf den Frieden zu sprechen kommt. Und das tut er oft in diesem Interview. So findet er es „abenteuerlich“, dass aktuell in Syrien „die Vereinigten Staaten von Amerika federführend zündeln. Mit Frieden spielt man nicht. Und es geht letzten Endes, das ist meine Ansicht, in Syrien auch um Bodenschätze, es geht um Erdöl.“

    „Nicht links, nicht rechts: Ich bin vorn“

    Steimle verortet sich klar links, übernimmt aber auch Standpunkte, die gemeinhin als rechtspopulistisch gelten. Er sagt dazu scherzhaft: „Ich bin nicht links, ich bin nicht rechts, ich bin vorn“.

    Die Linken wähle er, weil diese sich als einzige Partei konsequent für den Frieden einsetzen. Steimle ist jedoch für Dialog – auch mit Rechten:

    „Ich glaube, Rechte und Linke müssten sich unbedingt mal unterhalten, und zwar an einem Tisch, und in die Mitte kommen Plaste-Biergläser, damit man sich nicht beschmeißen kann. Ich glaube, so weit sind die voneinander – ich kann mich irren – gar nicht entfernt.“

    Eine Million Flüchtlinge auf eine Million Millionäre

    Im Februar 2018 wurde der 54-jährige Steimle zum Schirmherrn der Ökumenischen Friedensdekade, einer christlichen Friedensbewegung ernannt. Doch bereits nach wenigen Tagen wurde er wieder abberufen, da seine Aussagen „keine eindeutige Distanzierung von rechtspopulistischen Positionen beziehungsweise von der Pegida-Bewegung erkennen“ lassen würden. Für seine Arbeit bei der Friedensdekade hatte Steimle spektakuläre Pläne:

    „Ich habe den Vorschlag einer Friedenssteuer gemacht. Also dass wir in diesem Lande Deutschland nur dann noch Steuern zahlen, wenn uns der Staat garantieren kann, dass mit unseren Mitteln keine Waffen gekauft werden, mit denen wir fremden Kulturen die Heimat wegbomben und die dann hierher fliehen müssen. Und ich habe noch einen Vorschlag gemacht. In unserem Heimatland leben eine Million geflüchtete Menschen und über eine Million Millionäre und 122 Milliardäre. Wenn die die Patenschaft übernehmen würden für die Flüchtlinge – das könnte man durch direkte Demokratie sofort beschließen – da wäre vielen geholfen, im wahrsten Sinne des Wortes.“

    Steimle hatte auch die Erklärung 2018 mitunterzeichnet, in der Prominente wie Thilo Sarrazin, Uwe Tellkamp, Vera Lengsfeld, Eva Herman, Henryk M. Broder oder Matthias Matussek vor den Folgen „illegaler Masseneinwanderung“ warnen. Später ist Steimle jedoch davon zurückgetreten: Mit einigen der Unterzeichner wollte er nicht in einem Atemzug genannt werden.

    „Gesinnungsschnüffelei von Sehrgutmenschen“

    Mit seinen Äußerungen eckt Steimle oft an. Der volksnahe Sachse ist quasi das Gegenteil von Politischer Korrektheit. Auch wenn man das eigentlich von einem Kabarettisten erwartet, begibt sich der Dresdner mit bestimmten Themen auf Glatteis. Erst wurde ihm Schönfärberei der DDR vorgeworfen und dann sein Engagement bei der Linkspartei. In letzter Zeit sind es auch einige seiner Äußerungen zur Flüchtlingskrise, mit denen er sich vollends zwischen alle Stühle setzte.

    Gerade wurde im MDR eine Diskussionsrunde zum Thema Politische Korrektheit mit Frauke Petry abgesagt. Steimle meint dazu:

    „Es gibt leider Gottes in unseren Medien selbsternannte Sehrgutmenschen, die über alles wachen, wer was gesagt hat. Es ist so eine Art Gesinnungsschnüffelei. Und ich finde, in einer Demokratie muss man über alles reden können. Ich habe manchmal den Eindruck, wir leben hier in einer inszenierten Mediendemokratie. Und ich plädiere dafür – vielleicht bin ich auch deshalb zu Ihnen zum Interview gekommen – solange es irgendwie noch an Demokratie erinnert, müssen wir miteinander reden, wenn es Probleme gibt, und nicht so sehr übereinander. Das ist das Allerschlimmste.“

    „Die haben vielleicht Schiss …“

    Steimle sieht auch Pegida nicht nur als rechtes Bündnis, sonders als eine Äußerung des Volkes. Steimle verteidigt „seine Sachsen“:

    „Der Sachse, und das finde ich großartig, hat sich nie vorschreiben lassen, wie er zu denken hat. Vielleicht könnte es ja sein, dass die Obrigkeit deshalb so sehr auf den Sachsen einschlägt und ihn an den Pranger stellt, weil sie wissen, dass wir 1989 die Revolution gemacht haben, das waren nämlich wir Sachsen. Und die haben vielleicht Schiss, dass wir nochmal loslaufen könnten.“

    Steimle hat den Kontakt zum „Volk“ nie verloren, wofür ihn seine Fans schätzen. Keine Sendung beim MDR bekommt so viel Fanpost wie Steimles Welt. Der Kabarettist sieht sich selbst eher als „Volkskundler“. Auf die Frage, wie er sich informiert, meint Steimle: „In erster Linie über Gespräche mit den Leuten“. Er liest die linke Zeitung Junge Welt, aber auch die eher rechts verortete Junge Freiheit. „Als Kabarettist muss und darf ich das“, meint Steimle.

    Steimle zitiert in seinen Shows gern Klassiker. Wenn der Kabarettist seinem Leben ein Motto geben müsste, dann wäre es wahrscheinlich das deutsche Volkslied „Die Gedanken sind frei“.

    Die nächste Folge von Steimles Welt läuft am 13. Mai um 20.15 Uhr im MDR-Fernsehen.

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