12:15 21 September 2018
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    Die Deutsch-Rapper „Kollegah“ und „Farid Bang“ bei der ECHO-Zeremonie

    „Echo“ am Ende: „Skandal“ ist verfehlte Bildungspolitik und nicht Antisemitismus

    © REUTERS / Axel Schmidt/Pool
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    Andreas Peter
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    Der Skandal wegen des „Echo“ für zwei umstrittene Rapper hat den wichtigsten deutschen Musikpreis irreparabel beschädigt: Er wird eingestellt. Ergebnis sind auch Kontroversen über angeblichen Antisemitismus im deutschen Rap. In Wahrheit geht es jedoch um verfehlte Bildungspolitik, meint der Präsident des Deutschen Kulturrates Christian Höppner.

    Um das Phänomen dieses „Skandals“ und die Aussagen von Professor Christian Höppner im Interview mit Sputnik, das wir vor dem Aus des „Echo“ geführt haben, besser zu verstehen und einordnen zu können, ist eine Vorgeschichte notwendig. Medienskandale beginnen oft relativ unspektakulär und werden meist erst durch mehr oder wenige unprofessionelle oder ungeschickte Kommunikation, Reaktionen und Gegenreaktionen zu jenem Schneeball, der dann fast immer größere Kollateralschäden anrichtet, als er den eigentlichen Auslöser des Skandals trifft. So auch in diesem Fall.

    Verleihung des Musikpreises ECHO am 12. April
    © AFP 2018 / Jörg Carstensen / DPA
    Die beiden Deutsch-Rapper „Kollegah“ und „Farid Bang“ veröffentlichten am 1. Dezember 2017 ihr mit einem „Echo“ ausgezeichnetes gemeinsames Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“, von den Fans kurz JBG3 genannt. Die beiden gleichnamigen Vorgängeralben (erschienen 2009 und 2013) wurden durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien aufgrund ihrer kontroversen Texte indiziert. Diverse öffentliche Äußerungen der beiden Künstler ließen über die Jahre kaum einen Zweifel daran, dass es sich hier um zwei Männer handelt, die es toll finden, wenn sich andere über ihre Texte und Äußerungen aufregen, insbesondere „40- bis 50-jährige Spasties“, wie „Kollegah“ sie gern bezeichnet.

    Battle-Rap lebt von rhetorischen Grenzverletzungen

    Dazu müssen Rap-Unkundige vielleicht wissen, dass sich sowohl „Kollegah“ als auch „Farid Bang“ als Battle-Rapper verstehen. Das Wort „battle“ stammt aus dem Englischen und bedeutet ins Deutsche übersetzt „Schlacht“, „Kampf“, „Gefecht“. Damit ist eigentlich ziemlich unmissverständlich klar, wie die beiden Künstler ihre Kunst einordnen. Es geht darum, mit möglichst provokanten, verletzenden Texten die Gegner, also andere Battle-Rapper herauszufordern. Die Musik oder eine besondere melodiöse Komposition ist dabei eher zweitrangig. Die allermeisten Rap-Songs sind denn auch weniger Musikstücke im herkömmlichen Sinne als vielmehr vertonte Texte. Doch nicht deshalb war und ist die Verleihung des wichtigsten deutschen Musikpreises an die beiden Rapper umstritten.

    Technisch gesehen ist nicht einmal das preisgekrönte Album selbst das Problem. Es enthält offiziell 17 Songs. Ursprung des Skandals ist ein Bonus-Track, also ein zusätzlicher Song, der zumeist bei Nach-, Neu- oder Sonderauflagen eines Albums oder von Single-Auskopplungen hinzugefügt wird, um Kaufanreize zu schaffen. In diesem Fall war der Bonus-Song „0815“ der Auslöser des Skandals. Er enthält eine Textzeile, die einen Vergleich eines aufgrund exzessiven Fitnesstrainings „definierten“ Körpers („Kollegah“ gilt als bekennender Bodybuilding-Fan) mit dem Körper eines Insassen des Nazi-Vernichtungslagers Auschwitz anstellt.

    Skandal begann mit Nominierung für „Echo“

    Der Beirat des „Echo“, der eine Vorauswahl der Nominierten traf, bekundete, dass dieser Song „ein absoluter Grenzfall“ sei und winkte das Album dennoch unter Berufung auf die Kunstfreiheit durch, denn es entsprach andererseits vor allem dem mit Abstand wichtigsten Kriterium dieses Preises der deutschen Musikindustrie: Es war kommerziell überaus erfolgreich. JBG3 wurde millionenfach verkauft, als herkömmliche CD bzw. Vinylplatte und noch häufiger als Stream im Internet. Beide Künstler haben eine riesige und loyale, vor allem junge Fangemeinde. An dieser Stelle beginnt der eigentliche Medien-Skandal.

    Déjà-vu zum „Echo“ 2013

    Denn es wiederholte sich, was 2013 schon einmal geschah und weswegen der bereits erwähnte Beirat überhaupt eingesetzt wurde, um den Vorrang des kommerziellen Erfolges für eine „Echo“-Nominierung abzumildern. Damals erhob sich Protest wegen der Nominierung der kommerziell unbestritten erfolgreichen Band „Freiwild“, die aber wie „Kollegah“ und „Farid Bang“ als politisch umstritten galt.

    Die Nominierung von „JBG3“ ließ 2018 abermals eine Welle von Protest und Gegenprotest anschwellen, die vor allem von Deutschlands größtem Boulevard-Blatt angetrieben wurde und vor allem „Kollegah“ zu heftigen Gegenreaktionen reizte, die er über seine Auftritte in den sozialen Medien verbreitete. Mit den entsprechenden Solidarisierungseffekten der vornehmlich jungen Fangemeinde, die immer mehr klangen, als würden wütende Jugendliche ihre musikalische Subkultur gegen die Spießer der Erwachsenenwelt und gegen Dinosaurier der Musikindustrie verteidigen.

    Die Verleihung des „Echo“ selbst war dann der vorläufige Höhepunkt der Auseinandersetzung mit trotzig-rotzigen Dankesbekundungen der Ausgezeichneten, eher hilflos klingenden Protestansagen eines vermeintlichen Alt-Punks und Buh-Rufen. Es hagelt seither Rückgaben von „Echos“ durch frühere Preisträger, Rücktritte, Entschuldigungen. Es folgen Ankündigungen für eine völlige Überarbeitung des „Echo“-Konzeptes und nun das totale Aus für den Preis, wie der Deutsche Bundesverband Musikindustrie jetzt mitteilte.

    „Echo“-Skandal wegen verfehlter Bildungspolitik

    Alle lecken Wunden. Es scheint sich auch um einen Generationenkonflikt zu handeln. Sputnik versuchte deshalb, einer anderen, grundsätzlichen Frage nachzugehen. Ist der Skandal um den „Echo“ 2018 nicht vielmehr ein Problem mangelhafter musischer und geschichtlicher Allgemeinbildung in unserer Gesellschaft?

    Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrates und zugleich Generalsekretär des Deutschen Musikrates sieht es exakt so. Er hatte sich aus dem „Echo“-Beirat zurückgezogen, weil er es rückblickend für einen Fehler hielt, „JBG3“ doch zum „Echo“ verholfen zu haben.

    Für Höppner zeigt die Causa „JBG3“ vor allem, dass die deutsche Gesellschaft zu lang dabei zugesehen und zugehört hat, wie schleichend immer mehr antisemitische Klischees Raum erobert haben und inzwischen ganz selbstverständlich scheinen:

    „Wenn ich daran denke, was allein in den Schulen an antisemitischen Vorfällen passiert. Wenn ich denke, wie sich jahrelang auch die Gewaltspirale, die Eskalation in der Sprache und auch in der Musik, aber auch in anderen Künsten fortentwickelt hat. Da sind wir alle zu wenig wachsam gewesen. Andererseits muss man eben auch feststellen und vor diesem Trugschluss warnen: Wenn 33 Millionen Menschen sich diesen Song runterladen, dann darf man die alle nicht in eine Ecke stellen. Das ist mitnichten so, sondern ich glaube, wir haben zu wenig Aufklärung. Wir haben zu wenig Wissen. Es muss geforscht werden zu dem Thema. Und wir müssen vor allen Dingen hinbekommen, einen neuen gesellschaftlichen Konsens zu erreichen, was in den Künsten geht und was nicht geht.“

    Deutschland braucht mehr historische und musische Bildung

    Das aber bedeute nicht neue Gesetze, sondern eine Bildungsoffensive. Denn die zum Teil haarsträubenden Debatten im Internet über den Streit wegen der beiden Rapper, wegen ihrer Alben, wegen des erwähnten Songs und seines umstrittenen Textes, sind nach Ansicht von Höppner der alarmierende Hinweis darauf, dass deutsche Bildungspolitik nun in fataler Weise auf die Gesellschaft zurückschlägt:

    „Wenn wir gerade Kindern und Jugendlichen in ihren prägenden Entwicklungsjahren wesentliche Elemente, wichtige Elemente, auch demokratiefördernde und —erhaltende Elemente in ihrer Menschenbildung vorenthalten – und da gehört die kulturelle Bildung, wirklich im weitesten Sinne auch der Geisteswissenschaften verstanden, dazu – wenn wir denen das vorenthalten, indem einfach der Unterricht nicht mehr so stattfindet oder indem er ausfällt und wir uns zu sehr auf die sogenannten wirtschaftlich verwertbaren Fächer konzentrieren, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn Geschichtsbewusstsein verlorengeht, wenn das erodiert.“

    Menschenbildung in Schulen vernachlässigt

    Hanukkah-Fest in Berlin (Archivbild)
    © AFP 2018 / DPA/ Gregor Fischer
    Der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert hat es vor wenigen Tagen bei der Verleihung des Kulturgroschens des Kulturrates auf die Kurzformel gebracht, die kulturelle Bildung in Deutschland befände sich, so wörtlich „in einem lausigen Zustand“. Christian Höppner will nicht so weit gehen und sagen, Deutschland ernte jetzt, was es leider durch schwere Versäumnisse gesät habe. Aber die Debatte um den diesjährigen „Echo“ bietet ihm zufolge die Chance, endlich umzusteuern:

    „Die wirklich wichtigen Elemente von Menschenbildung werden derzeit in der Schule vernachlässigt. Das ist nicht böser Wille. Das ist eine Sackgasse der Bildungspolitik. Insgesamt kann man sagen, die künstlerischen Schulfächer sind im Moment auf dem Abstellgleis. Das muss radikal geändert werden, und zwar nicht nur in den Sonntagsreden, was Politiker aller Parteien sagen, sondern die Diskrepanz zum Montagshandeln, die muss aufgelöst werden.“

    Das komplette Interview mit Prof. Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrates und Generalsekretär des Deutschen Musikrates, das wir am 18. April 2018 mit ihm geführt haben, zum Nachhören:

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    Tags:
    Rap, Bildung, Skandal, Antisemitismus, Musik, Deutschland