05:51 21 September 2018
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    Ein deutsches Bauernehepaar aus dem Wolgagebiet im Flüchtlingslager Schneidemühl

    „Alle sind hochkant auszusiedeln“ – Tragödie der Wolgadeutschen

    CC BY-SA 3.0 / Bundesarchiv / Bild 137-037542
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    Nikolaj Jolkin
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    Anlässlich der Gründung der Autonomen Republik der Wolgadeutschen vor fast 100 Jahren wurde in Moskau eine Fotoausstellung unter dem Titel „Unvollendete Fotochronik“ eröffnet. Sie enthält nicht nur Aufnahmen aus russischen Archiven, die den Besuchern erstmals präsentiert werden, sondern auch Zeugnisse des heutigen Lebens der Russlanddeutschen.

     

    Am interessantesten sind diejenigen Bilder, die von den Höhen und Tiefen der deutschen Autonomie an der Wolga handeln: von der Hungersnot der frühen 20er Jahre, den unabdingbaren Kennzeichen des deutschen Alltags und des Wehrdienstes der Deutschen in der Roten Armee, betitelt „,Verdächtige‘ Helden des großen Krieges“.

    Deutsche begannen sich in dieser Gegend noch unter Katharina der Großen niederzulassen, als diese sich vorgenommen hatte, die Steppen und schwach bevölkerten Randgebiete des Russischen Kaiserreichs nutzbar zu machen. Dahin zogen Menschen aus deutschen Fürstentümern, die vom Krieg verwüstet waren. Dabei wurden ihnen in Russland von der Zarin zahlreiche Privilegien und Vergünstigungen gewährt.

    Nach der Revolution wurde 1918 in der Wolgaregion, wo damals rund 500.000 Deutsche kompakt angesiedelt waren, ihre nationale autonome Republik gebildet. Aber nach dem Überfall von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion unterzeichnete Stalin am 28. August 1941 den Erlass, der den Wolgadeutschen Hochverrat vorwarf und ihre Abschiebung nach Sibirien und Kasachstan anordnete, während ihre Republik aufgehoben wurde.

    • Ausstellung 100 Jahre der Autonomen Republik der Wolgadeutschen
      Ausstellung "100 Jahre der Autonomen Republik der Wolgadeutschen"
      © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    • Ausstellung 100 Jahre der Autonomen Republik der Wolgadeutschen
      Ausstellung "100 Jahre der Autonomen Republik der Wolgadeutschen"
      © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    • B.Fabritius und O.Martens bei der Ausstellung 100 Jahre der Autonomen Republik der Wolgadeutschen
      B.Fabritius und O.Martens bei der Ausstellung "100 Jahre der Autonomen Republik der Wolgadeutschen"
      © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    • Dem Genossen Berija. Alle sind hochkant auszusiedeln! Ausstellung 100 Jahre der Autonomen Republik der Wolgadeutschen
      Dem Genossen Berija. Alle sind hochkant auszusiedeln! Ausstellung "100 Jahre der Autonomen Republik der Wolgadeutschen"
      © Sputnik / Nikola Jolkin
    • O.Martens im Gespräch mit Besuchern der Ausstellung 100 Jahre der Autonomen Republik der Wolgadeutschen
      O.Martens im Gespräch mit Besuchern der Ausstellung "100 Jahre der Autonomen Republik der Wolgadeutschen"
      © Sputnik / Nikolaj Jolkin
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    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Ausstellung "100 Jahre der Autonomen Republik der Wolgadeutschen"

    In der Ausstellung wird Stalins Autogramm demonstriert. Mit rotem Stift hat er geschrieben: „Dem Genossen Beria. Alle sind hochkant auszusiedeln!“ Dies gab dem beim Event anwesenden Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Bernd Fabritius den Grund zu sagen: „Die Wolgadeutschen mussten mit ihrem Schicksal und dem Verlust ihrer autonomen Republik für die Aggression des Dritten Reiches bezahlen, das viele von ihnen nie betreten oder vorher nur gesehen hatten. Die Auflösung der Wolgarepublik, und vor allem die Deportationen haben den Deutschen von Russland einen Schaden zugefügt, dessen Folgen bis heute zu spüren sind.“

    Es spreche viel auch für die These, so der Politiker weiter, „dass sich die Aussiedlung der Deutschen in ihre historische Heimat Deutschland während und vor allem nach dem Kalten Krieg in einem deutlich geringeren Ausmaß vollzogen hätte, wenn die Pläne zur Wiederherstellung der Wolgarepublik verwirklicht worden wären.

    „Die Ausstellung endet mit einem roten Punkt“, hob die Vize-Vorsitzende des Internationalen Verbands der deutschen Kultur Olga Martens hervor. „Der rote Punkt stellt die tragische Geschichte dar, die jede Familie erlebte, die zur deutschen Minderheit gehört, auch meine Familie. Deswegen ist das ein Datum, das niemals vergessen werden darf.“

    Bernd Fabritius hat die Anwesenden dazu ermutigt, „den konstruktiven Dialog zwischen unseren Staaten fortzusetzen und alle Fragen, die sich aus der historischen Verantwortung beider Länder in Bezug auf die Russlanddeutschen ergeben, offen und in einem von gegenseitigem Respekt und Freundschaft getragenen Geist, kontrovers und mit dem Ziel einer Verständigung zu diskutieren.“

    Der Politiker unterstrich, „dass man deutsche Minderheiten gerade in Krisenzeiten nie wieder instrumentalisieren darf, sodass sie dafür mit ihrem Schicksal bezahlen müssen. Gerade im Gegenteil, müssen sie als Brückenbauer und Vermittler zwischen unseren Ländern und Kulturen fungieren.“

    Die Zahl der Wolgadeutschen beträgt gegenwärtig etwa 400.000 Menschen. Es funktionieren katholische und lutherische Gemeinden und deutsche Kulturzentren. Deutsche Zeitungen und Magazine werden herausgegeben.

     

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    Tags:
    Wolgadeutsche, Russlanddeutsche, Josef Stalin, Wolga, Deutschland, Russland