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    Kein Mensch sucht sich aus, pädophil zu sein: Präventionsprojekt „Kein Täter werden“

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    Gesellschaft
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    Andreas Peter
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    Seit 2005 läuft an der Charité in Berlin ein Projekt, das inzwischen mit zwölf Standorten in Deutschland unter dem Namen „Kein Täter werden“ weltweit Bekanntheit erlangte. Menschen mit pädophiler Neigung erhalten hier therapeutische Hilfe. Nun legten die Forscher Resultate einer Nachuntersuchung bei 56 früheren Patienten vor – und neue Pläne.

    Kaum ein anderes Thema ist in der öffentlichen Debatte nachvollziehbarerweise derart hochemotional besetzt wie sexueller Kindesmissbrauch. Das weiß auch Prof. Dr. Dr. Klaus Beier. Er leitet das traditionsreiche Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité Berlin.

    Mit Hassmails und Vorwürfen, er würde mit seinen Kolleginnen und Kollegen „Kinderschänder“ schützen oder gar unterstützen, hat er gelernt umzugehen. Denn sein Motto „Pädophilie ist Schicksal, nicht Wahl“ provoziert immer noch. Immer noch halten sich in der Gesellschaft hartnäckige Klischees darüber, wie sich sexuelle Präferenzen herausbilden, oder dass sie sich an- oder abgewöhnen ließen. Beier umschreibt seine Position gern mit Sätzen wie: „Der Garten Gottes ist groß“ oder „Heterosexualität ist keine Leistung“.

    Der Unterschied: Fantasien und Verhalten

    Denn nach Überzeugung des Professors kann man sich seine sexuellen Vorlieben genauso wenig aussuchen wie seine Augen- oder Haarfarbe. Warum der eine Frauen mag und der andere Männer, warum einer es erregend findet, wenn sein Partner oder seine Partnerin sich in Lack und Leder kleiden, oder aber, warum es Menschen gibt, die Kinder sexuell attraktiv oder erregend finden – das herauszufinden sei Aufgabe der Wissenschaft.

    Doch Beier sagt auch: Wer glaubt, dass Menschen, die sich von Kindern sexuell angezogen fühlen, unter diesem Gefühl nicht auch leiden können und tatsächlich leiden, der irrt gewaltig. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen sexuellen Fantasien und sexuellem Verhalten. Und Tatsache ist, dass nicht jeder, der sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlt, diesen Gefühlen auch tatsächlich nachgibt.

    Genau hier setzt das Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ an. Denn Menschen mit sexueller Präferenz für das kindliche Körperschema, wie die Fachleute diese Variante menschlicher Sexualität nennen, sollen befähigt werden, ihre Fantasien nicht auszuleben, sondern zu kontrollieren. Auch wenn viele das nicht verstehen wollen oder können: Beier und sein Team sehen sich als Teil eines aus vielen Institutionen, Organisationen und Initiativen bestehenden Netzes im Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch und gegen die Nutzung von Missbrauchsabbildungen im Internet. Und nach Überzeugung von Experten, die sich im Kinderschutz engagieren, können Prof. Beier und sein Team Erfolge vorweisen.

    Umstrittener Therapieansatz

    Es war 2005 ein ziemlich umstrittener Ansatz, Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, aber nicht übergriffig werden wollen, mit einer Verhaltenstherapie zu unterstützen. Umstritten, weil die Wissenschaftler an der Charité davon ausgingen, dass sich die betreffenden Menschen ihre sexuelle Präferenz für Kinder nicht aussuchen und dass es möglich ist, durch eine Verhaltenstherapie viele dieser Menschen zu befähigen, ihre sexuelle Präferenz nicht auszuleben, also keine Übergriffe zu begehen.

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    Umstritten war der Therapieansatz aber vor allem, weil er sich an Personen im sogenannten Dunkelfeld richtete, also an Menschen, die den Strafverfolgungsbehörden nicht bekannt sind. Sie sollten sich unter dem Schutz der medizinisch-therapeutischen Schweigepflicht an Therapeuten wenden können. Die Politik betrachtete das Phänomen und Problem des sexuellen Kindesmissbrauchs seinerzeit als primär juristisches Problem und nicht auch als Aufgabe des Gesundheitssystems.

    Startphase überzeugte die Politik

    Zwei Stiftungen fanden das Konzept vom „Präventionsprojekt Dunkelfeld – PPD“ dennoch schlüssig und vielversprechend. Die Hemmschwelle für Menschen mit pädophiler Neigung, sich zu offenbaren und Hilfe zu suchen, soll gesenkt werden. So finanzierten die Volkswagenstiftung und die Kinderschutz-Stiftung „Hänsel+Gretel“ die Pilotstudie und Startphase.

    Deren Ergebnisse waren so überzeugend, dass sich 2008 auch das Bundesjustizministerium dazu entschloss, das Projekt zu unterstützen – inzwischen seit zehn Jahren. Denn die Einsicht wuchs, dass es sich bei diesem Präventionsprojekt nicht um Teufelszeug, sondern um einen sinnvollen Beitrag zum Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch handelt. Nach und nach kamen Standorte in anderen Bundesländern hinzu, die von den dortigen Landesregierungen finanziert wurden und werden. Ein Netzwerk entstand, das heute unter dem Namen „Kein Täter werden“ weltweite Beachtung findet.

    Präventionsprojekte und Hirnforschung

    Die Therapeutinnen und Therapeuten stellten schnell fest, dass fast alle Männer berichteten, sich ihrer sexuellen Neigung sehr früh bewusst gewesen und auch schon übergriffig geworden zu sein. Die Männer berichteten, dass sie sich sehnlichst gewünscht hatten, mit einem Menschen wenigstens darüber reden zu können. An therapeutische Hilfe war früher überhaupt nicht zu denken.

    Am Institut von Klaus Beier reifte die Erkenntnis, dass mit Therapieansätzen viel früher begonnen werden sollte. Denn das „Präventionsprojekt Dunkelfeld – PPD“ richtet sich an Personen ab 18 Jahre. Daher entstand 2014 das zusätzliche Projekt „Primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche – PPJ“.

    Die Reputation des Erwachsenenprojektes erleichterte dabei die Suche nach einem Geldgeber. Das Bundesfamilienministerium finanzierte das PPJ von 2014 bis 2017. Es folgten ähnlich bemerkenswerte Ergebnisse und Erkenntnisse wie beim PPD. Zusätzlich kooperiert ein vom Bundesforschungsministerium finanzierter Forschungsverbund namens NeMUP mit den Wissenschaftlern des Netzwerkes „Kein Täter werden“. NeMUP Teilnehmer des PPD hinsichtlich ihrer Hirnaktivitäten untersucht.

    Eine kleine Revolution

    Die Erkenntnisse und Erfahrungen der Wissenschaftler des Netzwerkes „Kein Täter werden“ in Berlin, Bamberg, Düsseldorf, Gießen, Hamburg, Hannover, Kiel, Leipzig, Mainz, Regensburg, Stralsund und Ulm sowie des NeMUP-Verbundes in Berlin Duisburg-Essen, Hannover, Kiel und Magdeburg haben auch eine gesetzliche Wirkung entfaltet. 2016 hat die Politik eine Änderung des Fünften Sozialgesetzbuches (SGB V) beschlossen, die das Attribut „wegweisend“ verdient. Im Paragraphen 64b wurden „Modellvorhaben“ etabliert, die Menschen unter Wahrung ihrer Anonymität therapeutische Hilfe ermöglichen, die auch aus Mitteln der Gesetzlichen Krankenkassen finanziell unterstützt werden kann.

    Genau das war jahrelang der wesentliche Streitpunkt gewesen. Die Krankenkassen wollten die Zusicherung der Anonymität der Patienten nicht akzeptieren. Obwohl gerade die Zusicherung der Schweigepflicht überhaupt erst den Erfolg von „Kein Täter werden“ ermöglichte. Aber die Kassen waren lange Zeit auch der Ansicht, dass es sich hier um eine Aufgabe für das Justizsystem und nicht das Gesundheitssystem handelt.

    Finanzierung durch Krankenkassen seit 2018

    Seit Anfang 2018 ist Deutschland nun im Hinblick auf die therapeutische Behandlung von Menschen mit einer auf Kinder gerichteten sexuellen Präferenzbesonderheit weltweit Vorreiter. Sowohl das PPD als auch das PPJ werden jetzt fünf Jahre lang aus einem Sonderfonds finanziert, den der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen GKV mit fünf Millionen Euro ausgestattet hat. Nach wie vor gilt die ärztlich-therapeutische Schweigepflicht. Ein Umstand, um den viele Wissenschaftler weltweit die Forscher in Deutschland beneiden. Denn in anderen Staaten, in denen Ärzte und Therapeuten verpflichtet sind, ihre Klienten im Ernstfall anzuzeigen, ist es undenkbar, dass Menschen, die nach Hilfe suchen, um ihre sexuelle Präferenz für Kinder nicht auszuleben, sich offenbaren.

    Beeindruckende Resonanz

    Bis heute konnte das Netzwerk „Kein Täter werden“ mehr als 9500 Menschen dazu bewegen, sich den Therapeutinnen und Therapeuten an den zwölf Standorten in Deutschland anzuvertrauen. Dass es fast nur Männer sind, die sich beim Netzwerk melden, ist eine Tatsache, die auch die erfahrensten Sexualwissenschaftler unverändert vor ein Rätsel stellt.

    Fakt ist jedoch auch, dass von den mehr als 9500 Personen, die sich im Netzwerk meldeten, keineswegs alle pädophil veranlagt sind. Oft stellte sich bereits nach der ersten Kontaktaufnahme, die in der Regel telefonisch erfolgt, heraus, dass ihnen die Angst, pädophil zu sein, genommen und anderweitig geholfen werden kann.

    Über 2800 Personen stellten sich schließlich an den Standorten des Netzwerkes zur Diagnose und Beratung vor. Von ihnen erhielten mehr als 1500 ein Therapieangebot. Das wiederum haben 925 Personen angenommen. 345 von ihnen befinden sich derzeit an einem der zwölf Standorte in therapeutischer Behandlung, etwa 90 nehmen an einer sogenannten Nachsorge teil.

    Insgesamt haben bislang 360 Männer die Therapie erfolgreich abgeschlossen. Die drängendste Frage für alle: Ist die Therapie erfolgreich? Wird jemand rückfällig?

    Nachsorgestudie: Vertrauen in Therapeuten

    Um das beantworten zu können, wurden in Berlin, am Ursprungsort des Projektes, Teilnehmer, deren Therapieabschluss länger als sechs Jahre zurückliegt, gebeten, sich einer Nachuntersuchung am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin zur Verfügung zu stellen. 56 Personen meldeten sich zurück. Allein diesen Umstand werteten die Sexualtherapeuten um Professor Beier als bemerkenswertes Zeichen des Vertrauens ihrer Klienten, wie er im Gespräch mit Sputnik herausstellt:

    „Ich glaube, der entscheidende Punkt ist, dass die Betroffenen, also Menschen mit pädophiler Neigung, merken, dass wir sie nicht verurteilen. Dass wir wirklich interessiert sind, sie in die Gesellschaft zu intergieren. Sie also nicht für schlechtere Menschen halten. Dass sie ihre psychischen Gesundheitsprobleme mit im Blick haben, aber eben auch Verhaltensprobleme. Sie wollen keine Straftaten begehen. Und so entsteht dann ein Arbeitsbündnis, das trägt und sicher auch der Hintergrund dafür ist, dass die meisten, die wir kontaktiert haben nach dieser langen Zeit – wir reden hier über sechs Jahre durchschnittliche Nachuntersuchungszeiträume –, an der Studie teilgenommen haben.“

    Vielleicht ist es gerade dieses Vertrauensverhältnis, das die Klienten öffnet für das Grundanliegen der Therapie. Zu lernen, Risikosituationen zu erkennen, Impulse zu kontrollieren und Handlungsoptionen zu verinnerlichen, die aus der Risikosituation herausführen. Viel wichtiger ist bei Beginn der Therapie aber, zu lernen, sich so zu akzeptieren, wie man ist, als Mensch, den eine Laune der Natur mit einer sexuellen Vorliebe ausgestattet hat, die gesellschaftlich geächtet ist.

    Viele der Projektteilnehmer bezeichnen sich in den ersten Gesprächen selbst als „Monster“, als „schlechter Mensch“ usw. Viele Männer haben Selbstmordgedanken, Suchterfahrungen, um den quälenden Fantasien zu entfliehen. Manche müssen deshalb zunächst wegen ganz anderer psychischer oder gesundheitlicher Probleme behandelt werden, bevor überhaupt mit der eigentlichen Therapie begonnen werden kann. In Gruppengesprächen erleben viele Männer die Erfahrung, dass sie nicht allein sind, dass es Menschen gibt, die genauso wie sie leiden, die aber willens sind, etwas dagegen zu tun, um nicht Kindern Leid zuzufügen.

    Positive Ergebnisse

    Vor diesem Hintergrund ist es geradezu erstaunlich, was Klaus Beier über die Ergebnisse der Nachsorgeuntersuchung der 56 Therapieteilnehmer der ersten Stunde berichten kann:

    „Die Nachuntersuchungen von ehemals in unseren Therapieprogrammen behandelten Menschen mit pädophiler Neigung besagen, dass wir fast 100 Prozent dahingehend erreichen, dass sie keine sexuellen Übergriffe mehr begehen. Dazu muss man zwei Dinge wissen. Zum einen, dass etwa die Hälfte Übergriffe begangen hat, und wir aus anderen Untersuchungen wissen, dass eine Gruppe von Menschen mit pädophiler Neigung, die nicht behandelt wurde, bis zu 80 Prozent Rückfälligkeit aufwies. Sodass wir jetzt mit einem einzigen Patienten von 56, das entspricht etwa 2 Prozent, eine Rückfallquote aufweisen, die unerreicht ist. Sie besagt, dass die Behandlung, bezogen auf diese Gruppe, äußerst effektiv ist und für mich klar bedeutet, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind.“

    Beier kann den Einwand nachvollziehen, dass die befragten Männer im Zweifel einfach nur das gesagt haben, was die Therapeuten hören wollten. Einer solchen Kritik ist faktisch nur schwer zu begegnen. Der Projektleiter gibt aber zu bedenken, dass eine ebenso simple Logik auch gegen eine solche Vermutung spricht:

    „Wir wissen aus der Behandlung, wie offen uns die Betroffenen berichtet haben, zum Beispiel, wenn sie Missbrauchsabbildungen genutzt haben. Wir haben keinen Anlass, davon auszugehen, dass sie Sorge haben müssten, durch die uns gegebenen Informationen jetzt der Justiz überstellt zu werden. Das heißt, die vertrauen uns wirklich.“

    Auch das nicht nachlassende Interesse an den speziellen Therapieangeboten der Sexualtherapeuten des Netzwerkes „Kein Täter werden“ spricht für die Effektivität der Behandlung. Die Therapeuten wissen, dass sich die Teilnehmer ihres Projektes nicht nur in den Gesprächsgruppen während der Therapie gegenseitig kontrollieren, bestärken, kritisieren, sondern dass die Arbeit des Netzwerkes sich herumspricht. Andere Menschen werden ermutigt, an dem Projekt teilzunehmen.

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    Die Therapeuten verfolgen auch die Kommunikation in Selbsthilfeforen und haben daraus die Erkenntnis gewonnen, dass auch das niedrigschwellige Angebot des Netzwerkes „Kein Täter werden“ immer noch potenzielle Therapiewillige abschreckt. Sie sehen sich nicht als Täter – weder als ehemalige noch als zukünftige. Sie empfinden den Titel des Projektes deshalb als diskriminierend und haben Angst, dass die Therapie ihnen nicht gerecht wird. Mancher ist so eingeschüchtert und verängstigt, dass der Titel des Projektes ihn abschreckt oder er noch nicht so weit ist, sich auch tatsächlich auf den Weg zu einem der zwölf Projektstandorte zu machen.

    Teilprojekt „troubled-desire“ ist online

    Deshalb haben die Therapeuten um Klaus Beier an einem neuen Online-Programm gearbeitet. Es soll die Hemmschwelle noch weiter senken, sich zu öffnen, sich Hilfe zu suchen, Hilfe anzunehmen, eine erste Hilfestellung zu erhalten. Entstanden ist das Angebot „troubled-desire.com“ eigentlich aufgrund der Tatsache, dass sich enorm viele Anfragen aus aller Welt häuften, wo Therapeuten kein Angebot unterbreiten konnten, weil sie nicht in Deutschland leben. Das Online-Portal, das seit Oktober 2017 abrufbar ist, kann ebenfalls als voller Erfolg gewertet werden, ist sich Beier sicher:

    „Wir haben in den wenigen Monaten seit Veröffentlichung 700 Kontaktaufnahmen, 200 komplette diagnostische Durchläufe. Das ist ziemlich aufwendig. Man muss sehr viele Fragen beantworten und kriegt dann eine Rückmeldung, welche Ausrichtung aus unserer Sicht besteht und was die nächsten Schritte wären, die der Betreffende jetzt planen sollte.“

    Das Programm ist ab sofort auch in deutscher Sprache online. Und im Gegensatz zu ausländischen Nutzern kann deutschen Staatsbürgern tatsächlich therapeutische Hilfe an einem der zwölf Standorte des Netzwerkes „Kein Täter werden“ angeboten werden.

    Für die Zukunft erhofft sich Klaus Beier dies auch für die Interessenten aus aller Welt. Dazu aber bedarf es aus seiner Sicht einer Änderung der dortigen Rechtslagen, analog zur Lösung in Deutschland. Denn mit dem Strafrecht allein wird man in dieser Sache wohl nicht weiterkommen, meint Beier. Der Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die beides im Blick haben muss: die strafrechtliche Ahndung von Missbrauch, aber auch die Prävention. Und da ziehen nach Beiers Ansicht sowohl er, sein Team und seine Kolleginnen und Kollegen im Netzwerk am gleichen Strang wie Organisationen und Initiativen, die ihren Fokus auf die Arbeit mit Opfern sexualisierter Gewalt legen. Beide Ansätze haben das Kindeswohl als oberste Priorität.

    Ermutigung zu Hilfe durch neue Spots

    Die Präventionsprojekte im Rahmen des Netzwerkes „Kein Täter werden“ und am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité entwickelt und angeboten werden, hatten nie den Anspruch, alle potenziell in Frage kommenden Personen mit einer sexuellen Präferenz für Kinder erreichen zu können. Denn selbst konservativste Schätzungen gehen laut Beier davon aus, dass allein in Deutschland möglicherweise bis zu 250.000 Menschen eine pädophile Neigung haben.

    Aber jeder sexuelle Übergriff auf Kinder, jede Missbrauchsabbildung im Internet, die mit einem solchen Therapieangebot verhindert werden kann, ist alle Mühen wert, finden die im Projekt tätigen Therapeutinnen und Therapeuten. Deshalb haben sie zwei neue TV-Spots entwickelt und produziert. Diese sollen ebenfalls noch mehr Menschen ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Vor allem aber sollen sie einem anderen gravierenden Problem zu Leibe rücken: der Nutzung von Missbrauchsabbildungen im Internet:

    „Wir wollen mit den Spots jüngere Menschen erreichen, von denen wir wissen, dass sie in unserer Gesellschaft sind, dass sie Bildmaterialien nutzen, dass sie sich verlieben in Kinder, dass sie nach Kontakten mit Kindern suchen, zunächst nach sozialen Kontakten, mit der Gefahr, dass sich das dann ausweitet. Wir gehen davon aus, dass wir hier noch wesentlich mehr tun können, zumal uns beunruhigt, in welchem Umfang Missbrauchsabbildungen genutzt werden.“

    Trügerische Missbrauchsabbildungen

    Das Perfide an den im Netz kursierenden Missbrauchsabbildungen ist, dass sie in einer Weise produziert werden, die suggeriert, die abgebildeten Kinder würden aus freiem Willen sexuellen Kontakt mit erwachsenen Menschen suchen. Genau das bestärkt fatalerweise die Wahrnehmungsverzerrungen bei Menschen, die sich sexuell von Kindern angezogen fühlen.

    Genau deshalb ist es so wichtig, sie so früh wie möglich zu erreichen, um klarzustellen: Kein Kind wünscht sexuellen Kontakt mit einem Erwachsenen. Sexueller Missbrauch von Kindern traumatisiert sie oft für ihr gesamtes Leben. Professor Beier betont jedoch auch, was den Therapieteilnehmern gesagt wird: „Ihr seid nicht verantwortlich für eure Fantasien, aber ihr seid verantwortlich für euer Handeln. Danach beurteilen wir euch.“

    Menschen, die von sich glauben, eine sexuelle Präferenz für Kinder zu haben, erhalten hier kostenlose und anonyme Beratung und Hilfe: www.kein-taeter-werden.de, www.du-traeumst-von-ihnen.de, www.troubled-desire.com und www.help2help.de

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Dr. Klaus M. Beier zum Nachhören:

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    Taten, Menschen, Projekt, Hilfe, Sexualität, Pädophile, Kinder, Deutschland