19:49 21 September 2018
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    Die rote Fahne auf dem Reichstag

    Wollte Stalin im Mai 1945 die sowjetische Fahne auf dem Reichstag sehen?

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    Alexander Boos
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    Die Fahne der Roten Armee auf dem Dach des Reichstagsgebäudes hat im Mai 1945 das Ende des deutschen Faschismus besiegelt. Doch welcher sowjetische Soldat hat die Flagge gehisst? Stimmen die Berichte über das Ereignis? Eine Experten-Runde hat am Dienstag im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst Antworten gesucht.

    Das berühmte Foto der beiden Rotarmisten, die als Zeichen des Sieges im Mai 1945 die sowjetische Fahne auf dem deutschen Reichstag hissten, soll nachgestellt sein, heißt es.

    Es sei am 2. Mai 1945 aufgenommen worden sein, während die rote Flagge mit Hammer und Sichel bereits am 30. April mitten den in den Kampfhandlungen auf dem Dach des Gebäudes aufgepflanzt worden sei. So schreiben es Historiker und ist es in Dokumentationen zu sehen und zu hören.

    Doch was hat es nun mit dem Sturm der Roten Armee auf den Reichstag im Frühjahr 1945 auf sich? Das fragte am Dienstag Jörg Morré.

    Der Direktor des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst eröffnete damit eine Podiumsdiskussion zum Thema im Saal des historischen Gebäudes.

    Nur ein symbolisches Ziel?

    Michael Cullen versuchte in der Runde, Antworten zu geben. Der Historiker und Publizist aus New York zählt zu den renommiertesten Reichstags-Experten der Welt. Er hat laut Eigenaussage jahrelang in Moskau geforscht und in Berlin gelebt. 1971 war er der Ideengeber für das Projekt des verhüllten Reichstags, das später der Künstler „Christo“ umsetzte.

    Historiker und Reichstags-Experte aus New York: Michael Cullen
    © Sputnik / Alexander Boos
    Historiker und Reichstags-Experte aus New York: Michael Cullen

    Cullen erinnerte daran, dass der Reichstag seit dem Brand 1933 leer stand. „Aus irgendeinem Grund sah Stalin den ausgebrannten und leerstehenden Reichstag als Endziel, als Siegespreis an. Quellen und Dokumente dazu gibt es nicht. Archive sind geschlossen oder schwer zugänglich. Die staatlichen Akten sind nicht frei. Man findet nichts. Man findet nur sich widersprechende Darstellungen zum Kriegsende.“

    Kannte niemand das Ziel?

    In der Diskussion behauptete der US-Historiker, Stalin habe schon zu Kriegszeiten den allgemeinen Befehl an alle sowjetischen Soldaten gegeben – „Erobert den Reichstag!“. Dagegen sagte der deutsch-russische Soziologe und Zeithistoriker Mischa Gabowitsch, es gebe keine wirklichen faktischen oder dokumentarischen Beweise für diese These. Das Reichstagsgebäude sei nicht von Anfang das vorrangige Kriegsziel der Roten Armee gewesen.

    „Die Fahne des Sieges muss über Berlin wehen!“, zitierte Gabowitsch eine alte Parole der Roten Armee aus dem Krieg. „Aber es wurde in dem Moment nicht gesagt, was das konkret bedeutet, an welchem Ort das geschehen soll.“ Er verwies auf ein Transkript der Kommunikation zwischen der Kommandozentrale und den sowjetischen Truppen, die im Frühjahr 1945 in Berlin standen. „Da wurde nach Moskau telegrafiert: ‚Ja, wo sollen wir denn jetzt hin? Wo sollen wir diese Siegesfahne hissen?‘“ Erst nach einer Weile sei die Antwort gekommen: „Auf dem Reichstag.“ Das zeige, dass das Gebäude in Berlins Mitte für Stalins Armee eben nicht das vorrangigste Ziel war.

    Wehten viele Fahnen auf dem Reichstag?

    Die angeblich „echte Rote Fahne“, die am 2. Mai auf dem Reichstag gehisst wurde, werde heute im Moskauer Streitkräfte-Museum „wie eine Reliquie“ aufgebahrt. „Die Fahne ist sogar gesetzlich geschützt, es gibt ein russisches Gesetz zur Fahne“, so Gabowitsch. US-Historiker Cullen entgegnete ihm:  „Es gibt aber auch die Theorie, dass es mehrere Fahnen gab. Das ist alles schwer zu prüfen, alles sehr ungewiss.“ Damals hätten „viele Soldaten auch einfach behauptet, die originale Fahne gehisst zu haben – um eine höhere Rente zu erwirken.“ Es sei damals einfach ein Kommunikationsproblem gewesen.

    Für den New Yorker Forscher ist es Tatsache, dass Stalin noch zu Kriegszeiten bei einer Lagebesprechung in Moskau die sowjetische Armeeführung, damit beauftrage, den Reichstag in Berlin einzunehmen. Die „Schlacht um Berlin“ sei vor allem aus diesem Zweck geführt worden. Für diese These fehle der dokumentierte Beweis, entgegnete Gabowitsch. Die Inszenierungen hätten bereits in den letzten Kriegstagen begonnen.

    Mehr zum Thema: Wie 1945 auf dem Reichstag: Rote Fahne über Rakka gehisst

    Nur ein nachgestelltes Foto?

    Darunter das berühmte Foto vom 2. Mai 1945. „Das Foto wurde relativ spät gemacht, da war Berlin schon erobert“, so Gabowitsch. „Dieses Bild gelangte dann in die sowjetische Presse.“ Es sei „in der Sowjetunion das Foto nicht sofort zu dem wichtigen Symbol des Kriegsendes geworden, als das wir es heute kennen.“ Erst ab dem Jahr 1965 habe das Bild seine enorme Symbolkraft entfaltet. Von da an nutzte es die sowjetische Führung mehr und mehr in der Öffentlichkeit.

    Ab dem Zeitpunkt sie der Reichstag erst zum Symbolgebäude geworden, so der deutsch-russische Historiker „Vor dem Krieg hatte dieser Ort keine besondere strategische Bedeutung.“ Nun wurde das Foto auf Briefmarken gedruckt und als Symbol eingesetzt.

    Was bedeutet die Fahne auf dem Reichstag heute?

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    „Es ist natürlich so, dass von den Quellen her vieles einfach nicht zu belegen ist“, sagte Museumsleiter Jörg Morré gegenüber Sputnik zum Ende der Diskussionsrunde. „Was aber für mich schon deutlich wird: Der Reichstag hat als Erinnerungsort eine unheimliche Bedeutung. Er hat sie allerdings erst in den späteren Jahrzehnten bekommen.“ Ein sehr schöner Gedanken, den er mitnehme, sei die Tatsache, dass „heute der Reichstag für alle russischen oder andere Touristen offen ist. Es gibt öffentliche Führungen.

    Jeder kann sich auf die Stufen des Reichstagsgebäudes setzen.“ Das sei das eigentlich gute Ende der Geschichte.

    Die Diskussionsrunde über die Flagge auf dem Reichstag gehörte zum Programm des Deutsch-Russischen Museums am Dienstag aus Anlass des Ende Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945. In dem Gebäude in Berlin-Karlshorst wurde in der Nacht zum 9. Mai die deutsche Kapitulation unterzeichnet. „Wir hier in Karlshorst markieren den Ort, wo der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen ist“, sagte der Museums-Direktor im Sputnik-Interview. „Wir bewahren als Museum diesen Ort auch für die Erinnerungskultur. Wir bieten Raum für solche Diskussionen. Deswegen muss es uns geben.“

    Das Interview mit Dr. Jörg Morré zum Nachhören:

     

    Die Radio-Reportage zum Nachhören:

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    Tags:
    Deutsch-Russisches Museum, Reichstag, Historiker, Fahne, Soldaten, 8. Mai 1945, Zweiter Weltkrieg, Rote Armee, Sowjetunion, Deutschland