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    Mitarbeiter der DAX-Börse (Symbolbild)

    „Elitenreport“ – Alles nur Aufsteiger von ganz unten?

    © AFP 2018 / DANIEL ROLAND
    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Wer sich anstrengt und für die Karriere alles macht und aufgibt, schafft den Aufstieg. Diese kapitalistische Legende pflegt ein neues Buch über die Eliten. Danach hat auch Aufstiegschancen, wer von unten kommt. Die Autoren haben Zugang zu den Eliten und sehen sie durchaus nicht unkritisch. Sputnik hat mit Ko-Autorin Bettina Weiguny gesprochen.

    Eliten sind im Allgemeinen eher unbeliebt. Manche wollen gern dazu gehören, viele lehnen sie wahrscheinlich ab. Allerdings dürften sie in einer entwickelten und arbeitsteiligen Gesellschaft notwendig sein – die Manager, Beamten und Politiker quasi als Dienstklasse der Gesellschaft. Doch schon der Soziologe Ralf Dahrendorf sah sie eher als „bürokratische Helfer“ der eigentlichen Eliten. Und oft entsteht der Eindruck, dass sie sich in ihrem Tun sowie im Auftreten gegenüber der Gesellschaft verselbständigt haben. Nicht umsonst geht die Rede vom „Raumschiff Berlin“ als Symptom dafür, dass sich die politische Elite von der eigenen Bevölkerung weit entfernt hat.

    „Der Begriff ist, und das ist sein Vorzug, so unscharf“, stellen Bettina Weiguny und Georg Meck, beide Wirtschaftsreporter der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) fest. Deshalb würde „‘die Elite‘ jederzeit zum  Feindbild taugen“, schreiben die beiden Autoren des jüngst erschienenen „Elitenreports“. Den haben sie anscheinend geschrieben, um jene zu verteidigen, die sich selbst gern als „Leistungsträger“ der Gesellschaft sehen. Dieser Eindruck entsteht leider nicht nur durch das Buch selbst. Ein Auszug daraus, den Weiguny und Meck in ihrer Zeitung veröffentlichten, trägt ebenfalls dazu bei. Anhand verschiedener Beispiele für Aufsteiger in die höchsten Konzernetagen stellen sie fest: „So soll es sein: Leistung soll sich lohnen.“

    Wirtschaftselite im Blick

    Allerdings ist das bei der beruflichen Herkunft der Autoren nicht verwunderlich, kommen sie doch gewissermaßen vom „Zentralorgan“ derjenigen, die zur Elite gezählt werden oder sich dafür halten. Ihr Buch will laut Klappentext einen „faszinierenden Blick in das Innere der Macht“ zeigen. Sie hätten sich als Wirtschaftsreporter weitgehend auf die deutsche Wirtschaftselite beschränkt, berichtete Ko-Autorin Weiguny im Sputnik-Studio-Gespräch. Ein Ausflug ins „Silicon Valley“ in den USA habe das ergänzt.

    >>Mehr zum Thema: Warum die Eliten die Demokratie aushebeln – Buchpremiere

    Vor allem Manager von DAX-Konzernen seien beobachtet worden. Die beiden Autoren haben nach ihren Worten untersucht, „wer ist oben, wer kommt wie hoch, was sind das für Menschen und wo entstehen neue Machtzentren?“. Sie hätten sich bei der Suche nach „der Elite“ auf diejenigen beschränkt, „die qua Amtes oder einer Position die Macht und die Möglichkeiten haben, die Gesellschaft zu formen und zu gestalten“, so Weiguny.

    Geldelite aus dem Blick

    Die eigene Elite-Definition sei vielleicht „nicht die allerspannendste“, aber eine passende. Die beiden Autoren beschreiben sie im Buch so: „In fast allen Kulturen und Gesellschaften gibt es kleine Gruppen, denen es gelingt, sich in zentralen Macht- und Einflusspositionen zu etablieren, was oft mit Besitz verbunden ist.“ Sie berufen sich dabei auf den Philosophen Julian Nida-Rümelin, der das so beschrieben habe. Zugleich haben sie keine soziologische Untersuchung vorlegen wollen, erklärte die Ko-Autorin. Die ausgewählten Beispiele wie etwa das Ehepaar Achleitner stünden für die anderen.

    Allerdings lassen Weiguny und Meck in ihrem Report vor allem jene aus, die als „Superreiche“ durch Vermögen gesellschaftliche Macht haben und diese direkt und indirekt ausüben, indem sie Manager beschäftigen und auch Politiker für sich entscheiden lassen. Mit diesen Geldeliten und ihrer Macht hatte sich der 2016 verstorbene Soziologe Hans Jürgen Krysmanski viele Jahre beschäftigt und mehrere Bücher dazu veröffentlicht, so unter anderem „0,1% – Das Imperium der Milliardäre“ (2015 aktualisiert). Aus seiner Sicht versammelte sich um den Superreichtum im Zentrum ein Kranz von Funktionseliten, wie Krysmanski 2009 in einem Interview erläuterte:

    „Konzern- und Finanzeliten, kümmern sich um die Vermehrung des Reichtums. Politische Eliten sorgen für eine Verteilung des Reichtums von unten nach oben unter tunlichster Wahrung des gesellschaftlichen Konsens. Verwaltungs-, Wohlfühl- und Wissenseliten halten diese Gesellschaft des goldenen Kalbs, ihre Infrastruktur, ihre Kultur und Wissenschaft insgesamt am Laufen.“

    Weiguny bestätigte, dass die Geldelite ein „wichtiges Phänomen“ sei, aber nicht das Hauptziel des Reports war. Das Buch der beiden FAS-Reporter gibt zumindest einen interessanten Einblick in die Arbeits- und Lebensweise der Funktionseliten. Sportler, Musiker und Showstars oder gar vermeintliche TV-Prominente wie Daniela Katzenberger zählten sie nicht dazu, berichtete die Ko-Autorin im Studiogespräch. Dafür haben sie sich neben Konzernmanagern und Politikern wie der Kanzlerin Angela Merkel auch für „Start up“-Unternehmer wie Oliver Samwer von „Rocket Internet“ entschieden, „die quasi aus dem Nichts etwas geschaffen haben“. Samwer habe es erreicht, dass ganz viele andere ihm nacheifern, beschrieb die Ko-Autorin das entscheidende Kriterium der Auswahl.

    Distanz zur Bevölkerung

    Das Buch geht unter anderem auf den Populismus als vermeintliche Reaktion auf die Eliten-Herrschaft ein. Das Schimpfen auf „die da oben“ habe inzwischen auch die oberen Schichten der Gesellschaft wie Akademiker, Ärzte und Juristen erreicht, so Weiguny. Die heute 30- bis 50-Jährigen „Kinder der Aufsteigergeneration“, reich aufgewachsen, hätten im Gegensatz zu ihren Eltern selber geringere Chancen für den eigenen Aufstieg. Das zählt für sie und ihren Ko-Autor zu den Gründen für die anscheinend immer größere Distanz zwischen Eliten und Bevölkerung.

    Der im Buch durchscheinenden These „Wer sich anstrengt, schafft es trotzdem“ widerspricht unter anderem der Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann mit seinen Untersuchungen. Aus seiner Sicht ist die „Leistungselite“  bei allen Ausnahmen  ein Mythos. Er gehörte neben Weiguny – für die Hartmann ein „ungebrochen gläubiger Marxist“ ist – und anderen zum Podium der Sendung „Hart aber fair“ der ARD am 7. Mai zum Thema „Der Club der Reichen – wie viel Ungleichheit verträgt das Land?“.

    Aufstiegschancen für alle?

    Weiguny und Meck meinen, die soziale Mobilität, also von „unten“ nach „oben“ aufzusteigen, sei auch in der heutigen Zeit hoch. Dem stehen Untersuchungen wie der „WSI-Verteilungsbericht“ entgegen, der 2016 feststellte: „Arme Menschen bleiben häufiger dauerhaft arm, während sehr reiche sich zunehmend sicher sein können, ihre Einkommensvorteile auf Dauer zu behalten.“ Und: Selbst für Angehörige der unteren Mittelschicht sei im Zeitvergleich das Risiko des finanziellen Abstiegs gewachsen, während bereits Wohlhabende tendenziell größere Aufstiegschancen haben.

    >>Mehr zum Thema: „Deutschland ist ein Unternehmerstaat“ – Alternatives Wirtschaftsgutachten

    Viele Konzernlenker würden von unten kommen, wiederholte Weiguny im Sputnik-Gespräch eine These des Buches. Das seien „keine Elite- oder Oberschichtssprösslinge“, sondern jene, „die sich von unten hochgekämpft haben“. „Das ist das Schöne, dass es das in Deutschland noch gibt.“ Die FAS-Reporterin machte aber wie im Buch darauf aufmerksam, dass zunehmend der Wohnort über Aufstiegschancen entscheide.

    Der „Davos-Mensch“

    So sei zum Beispiel Essen bereits in Nord und Süd geteilt: „Wer kann, zieht weg aus dem Arbeiterviertel am Rande der Essener Innenstadt, unweit der E.ON-Zentrale.“, heißt es im Buch. Übrig blieben Arbeitslose, Alleinerziehende, Hartz-IV-Empfänger, Illegale und Halbillegale, Kriminelle und Kleinkriminelle. Wer dort im Norden Essens aufwachse, habe geringere Chancen, hochzukommen, so Weiguny. Das liege am Schulsystem, aber auch an „bildungsfernen“ Elternhäusern. In beiden Fällen liege die Verantwortung bei der Politik.

    Der „Eliten-Report“ beschreibt ebenso Treffen und Netzwerke der Elite, wie das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos, die „Bilderberg-Treffen“ oder die „Atlantik-Brücke“. Die beiden Reporter beschrieben sie aus eigenem Erleben, zum Teil nicht unkritisch. Beim WEF in den Schweizer Alpen haben sie den „Davos-Mensch“ ausgemacht. Den beschrieb Weiguny im Sputnik-Studio so: „Er ist ein Arbeitstier ohne Ende, der morgens um 6 am besten mit Meditation anfängt, um dann im Viertelstundentakt bis nachts durchzuarbeiten. Der gern auf offener Bühne über das Gute im Menschen und eine bessere Zukunft der Welt redet, während er gleichzeitig hinten rum seine eigenen Geschäfte abwickelt.“

    Bettina Weiguny, Georg Meck: „Der Elitenreport“; Verlag Rowohlt Berlin 2018

    320 Seiten; ISBN:  978-3-7371-0034-2; 24 Euro

    Das Studio-Gespräch mit Bettina Weiguny zum Nachhören:

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    Tags:
    Elite, Leistungen, Macht, Kapitalismus, DAX, Deutschland
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