11:25 25 September 2018
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    Mädchen auf dem Spielplatz in einem Berliner Kindergarten

    „Zu viele tragische Einzelfälle” – Wenn Kinderschicksale von Betriebswirten abhängen

    © AFP 2018 / Tobias Schwarz
    Gesellschaft
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    Ilona Pfeffer
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    Die Jugendämter in Deutschland sind chronisch unterfinanziert und überbelastet, die Zahl der Kinder, die ihre Hilfe brauchen, steigt. Auch die Zahl derjenigen, für die jede Hilfe zu spät kommt. Es muss endlich ein Umdenken stattfinden, sagt die Deutsche Kinderhilfe. Schließlich geht es um unsere Kinder.

    Eine repräsentative Studie zur Situation des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) im Jugendamt lässt aufhorchen: Offenbar krankt das System deutschlandweit. Knappe Kassen und Unterbesetzung  lassen den Mitarbeitern kaum Zeit, sich mit den betroffenen Familien persönlich zu beschäftigen. Fallverantwortlichkeiten, die bei weitem die empfohlene Höchstgrenze von 35 betreuten Familien pro Mitarbeiter überschreiten. Und trotzdem müssen Entscheidungen getroffen werden, die zum Teil weit reichende Konsequenzen für Kinder und Eltern haben. Steht hier das Kindeswohl noch im Mittelpunkt?

    ASD-Mitarbeiter den Anforderungen oft kaum gewachsen

    „Gerade in den Allgemeinen Sozialen Diensten – das sind die Teams, die ausrücken, wenn ein Kind in Gefahr ist oder wenn jemand um Hilfe ruft und sagt, ich weiß nicht mehr weiter. Diese Teams benötigen eigentlich das beste, das erfahrenste Personal. Und gerade dort hat man Probleme, die Stellen zu besetzen. Wenn sich neuerdings Menschen auf diese freien Stellen bewerben, dann sind es meistens junge Frauen und Männer, die so gut wie keine Berufserfahrung haben. Natürlich sind sie den Anforderungen nur bedingt gewachsen. Zugleich haben wir festgestellt, dass es erhebliche Probleme mit der Einarbeitung gibt. Im Rahmen unserer Untersuchung haben 32 Prozent der Jugendamtsmitarbeiter angegeben, dass es kein Einarbeitungsmodell gibt. Bei 56 Prozent war die Einarbeitung kürzer als drei Monate. Und das in einem Bereich, der so hochanspruchsvoll ist, wo es manchmal um Leben und Tod geht“, erzählt Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, die die Studie in Auftrag gegeben hatte.

    Die Fälle, die die Mitarbeiter des ASD bearbeiten, haben meist mit Gewalt zu tun. Verletzungsspuren bei Kindern, Hinweise auf sexuelle Gewalt. Wenn so eine Meldung aus der Schule, von besorgten Großeltern oder Nachbarn eingehe, müsse man eigentlich sofort reagieren, so Becker. Meist funktioniere das noch irgendwie, doch die Zahl der Kinder und Jugendlichen, für die jede Hilfe zu spät kommt, ist 2017 erneut gestiegen: Laut der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik hat es 143 Todesopfer gegeben, in 78 Fällen gab es einen Tötungsversuch. Alles nur „tragische Einzelfälle“? Jeder tragische Einzelfall ist einer zu viel, sagt Rainer Becker.

    Berichte schreiben statt Familien besuchen – da passieren schnell Fehler

    …und kommt wieder auf die Missstände zu sprechen. Die Studie habe ergeben, dass die ASD-Mitarbeiter im Schnitt nur 37 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Klienten-Kontakten verbringen, wohingegen 63 Prozent für die Dokumentation draufgingen. Die Berichte, die sie schreiben müssten, dienten nur der rechtlichen Absicherung, gaben 82 Prozent der insgesamt 625 Befragten an. Dabei haben vielerorts die ASD-Mitarbeiter statt der empfohlenen Obergrenze von 35 laufenden Fällen 50 bis 100 Fälle, manchmal sogar mehr.  Die jungen, engagierten Mitarbeiter werden schnell frustriert und überbelastet. Kaum einer hält es länger als drei Jahre beim ASD aus, den Jugendämtern laufen die Mitarbeiter davon. Immer weniger Fachkräfte müssen sich um immer mehr Familien kümmern. Da passieren schnell Fehler, teilweise mit tragischen Folgen.

    Auch das Spardiktat bei den Sozialausgaben sei ein großer Faktor, so Rainer Becker.

    „Wir haben durch diese Einsparungen eine betriebswirtschaftliche Dominanz erfahren, wo die Betriebswirte sagen, wo man Geld einsparen muss.  Das merkt man schon an der Sprache: Die Eltern und Kinder sind dann plötzlich ‚Kunden‘ und soziale Dienstleistungen nennt man ‚Produkte‘. Diese Sprache ist aus meiner Sicht nicht mehr menschlich und dann trifft man auch keine menschlichen Entscheidungen. Es ist aber wichtig, dass nicht die Betriebswirte, sondern die Fachkräfte die Entscheidungen treffen. Das hat sich in eine Richtung verändert, die ich als sehr besorgniserregend empfinde.“

    Bund sollte Finanzierung übernehmen und für nachhaltige Konzepte sorgen

    Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe fordert ein Umdenken bei der Finanzierung der Kinder- und Jugendhilfe. Am besten würde es sein, wenn der Bund den Kommunen diese Verantwortung abnehmen und die komplette Finanzierung übernehmen würde. Aber auch mit einer Lastenteilung zu jeweils einem Drittel zwischen Bund, Land und Kommunen würde schon helfen. Außerdem sei er der Ansicht, dass ASD-Mitarbeiter weit weniger verdienen als ihnen angesichts der Verantwortung und der Belastung zustehe, so Becker.

    „Wenn wir das vergleichen mit anderen Berufsgruppen, wo man genauso täglich Risiken hat, dass Menschen zu Tode kommen, dass man etwas falsch macht, das erhebliche Auswirkungen haben kann. Im Vergleich zu anderen Berufen des Öffentlichen Dienstes, z.B. einem Polizeibeamten, sind die Mitarbeiter des ASD um zwei Besoldungsgruppen zu niedrig dotiert.“

    Dass sich an der Finanzierung kurzfristig etwas ändern wird, glaubt Becker nicht. Schließlich sei der Doppelhaushalt 2018/2019 bereits beschlossen.

    „Aber ich erwarte jetzt einfach einen Bewusstseinswandel. Wir brauchen nachhaltige Konzepte, denn es geht um unsere Kinder. Wir sollten nicht darauf warten, dass diese Kinder irgendwann erwachsen sind. Einerseits beklagen wir, dass wir zu wenige Akademiker und Fachkräfte haben und zu viele Kinder, die ihr Erwachsenendasein mit Hartz IV beginnen oder in der JVA einsitzen, und andererseits lassen wir diese Kinder hängen. Das darf einfach nicht passieren!“

    Das komplette Interview mit Rainer Becker zum Nachhören:

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    Tags:
    Sozialpolitik, Problem, Sozialhilfe, Jugendliche, Kinder, Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD), Jugendamt, Deutschland