11:23 25 September 2018
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    Koran (Symbolbild)

    Islamforscher: Koran ist nicht antisemitisch – Islam wird missbraucht

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    Gesellschaft
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    Andreas Peter
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    Der Islamforscher Muhammad Murtaza tritt in einem neuen Buch der Instrumentalisierung des Korans für antisemitische Hetze entgegen, auch wenn einige Suren Gegenteiliges vermuten lassen. Zugleich fordert er Muslime zur Selbstkritik über antisemitische Einstellungen in der „umma“, der Gemeinschaft der Muslime, auf.

    Muhammad Sameer Murtaza hat am Dienstag in Berlin sein neues Buch „Shalom und Salam Wider den islamisch verbrämten Antisemitismus“ vorgestellt. Als der Islamwissenschaftler im Jahr 2010 als externer Mitarbeiter der Stiftung „Weltethos“ berufen wurde, war das eine kleine Sensation. Denn der im rheinland-pfälzischen Oberwesel geborene Wissenschaftler mit pakistanisch-deutschen Wurzeln war der erste praktizierende Muslim, der für die vom katholischen Kirchenkritiker Hans Küng gegründete Denkfabrik für interreligiösen Dialog arbeitete.

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    Inzwischen hat er sich den Ruf eines Fachmannes für die diversen Ausrichtungen im Islam erarbeitet. Murtaza gilt außerdem als Kenner islamischer Philosophie, wurde aber vor allem aber wegen seines Engagements für den jüdisch-muslimischen Dialog bekannt. Er vertritt die These, dass nicht der Islam  antisemitisch ist, sondern instrumentalisiert wird. Dafür hat er den Terminus des „islamisch verbrämten Antisemitismus“ entwickelt.

    Zu wenig Material für antisemitische Argumentation

    Murtaza hat beim Quellenstudium für sein Buch festgestellt, dass Muslime, die antisemitische Argumente benutzen, sich auffällig wenig auf den Koran beziehen. Sie würden dagegen häufig Bezug nehmen auf europäische nichtislamische Schriften, allen voran die so genannten „Protokolle der Weisen von Zion“. Er schlussfolgerte im Gespräch mit Sputnik:

    „Das bedeutet, dass der Islam selber wohl zu wenig Material liefert, um ein Weltbild des jüdischen Verschwörers, des jüdischen Agitators, des jüdischen Kapitalisten etc. zu generieren, dass man eben diese europäischen Texte braucht und dann islamisiert und dann in einem zweiten Nachgang den Koran in den Dienst dieser menschenverachtenden Ideologie stellt.“

    Dem Islamwissenschaftler fiel ebenso auf, dass sowohl antisemitische Muslime als auch die Kritiker eines angeblich islamischen Antisemitismus immer wieder ganz bestimmte Koranverse, die so genannten Suren, aus ihrem Zusammenhang reißen. Dabei würden deren Entstehungsgeschichte und ihre Rezeption in der Islamwissenschaft bewusst ignoriert. Für Murtaza ist nicht überraschend, ab wann islamisch verbrämter Antisemitismus in Mode gekommen ist:

    „Populär wird der islamisch verbrämte Antisemitismus ab den 1930ern/1940ern in der arabischen Welt, als es sich abzeichnet, dass es zu einer jüdischen Staatsgründung in Palästina kommen wird. Er ist ein Erklärungsmuster, warum dieser Staat gegründet werden konnte, warum die USA so stark mit diesem Staat sympathisiert, warum dieser kleine Staat gegenüber so vielen arabischen Ländern sich durchsetzen konnte. Das ist eine Welterklärung für einfache Geister. Und unsere Aufgabe muss es sein,  die Komplexität dieses Konfliktes darstellen und diesen Antisemitismus dekonstruieren.“

    Antisemitismus heute, insbesondere der islamisch verbrämte, ist argumentativ immer eng mit dem Nahost-Konflikt verbunden. Der aber ist nicht nur nach Ansicht von Murtaza kein religiöser Konflikt, obwohl viele Akteure vor Ort ein großes Interesse daran haben, ihn zu einer Auseinandersetzung zwischen Religionen zu machen.

    Nahost-Konflikt als Hintergrund

    Aiman M. Mayzek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD), pflichtete Murtaza bei der Buchvorstellung bei. Für ihn ist klar, der Nahost-Konflikt ist ein Kampf um Grenzverläufe und Ressourcen, also ein politischer und ökonomischer Kampf. Das müsse seiner Meinung nach in deutschen Medien viel offensiver vermittelt werden – auch an den Schulen. 

    Buchautor Murtaza erinnerte sich an seine Schulzeit, dass der Holocaust breiten Raum einnahm, der Nahost-Konflikt aber so gut wie gar nicht thematisiert wurde. Das habe ihn innerlich zerrissen: Einerseits habe er als Deutscher verstanden, dass der von Deutschen industriell betriebene Mord an den europäischen Juden einen besonderen Stellenwert hat. Zugleich habe sich aber seine pakistanisch-muslimische Seite gemeldet, immer dann, wenn er beim Moscheebesuch mit Erlebnissen von Palästinensern konfrontiert wurde. Damals habe er erlebt, wie schnell aus Empörung über Handlungen des israelischen Staates Empörung über Juden konstruiert wurde.

    Flächendeckender Religionsunterricht gegen Antisemitismus

    Eine ganze Generation junger Araber ist mit dieser Verquickung des Nahost-Konflikts mit dem Judentum aufgewachsen. Und mit einem Hass, der Juden als per se schlecht aufgrund ihrer Religion darstellt. Murtaza plädierte nicht nur deshalb im Gespräch mit Sputnik für einen flächendeckenden Religionsunterricht an deutschen Schulen:

    „Weil im Religionsunterricht auf kritische Weise gelehrt wird, wie man mit religiösen Texten in der eigenen Religion umgeht. Man lernt auch Wissen von anderen Religionen. Das bekomme ich auf diesem Niveau nicht in einer Moscheegemeinde. Wenn wir also keinen flächendeckenden Religionsunterricht haben, dann müssen wir auch so ehrlich sein und zugeben, dass dann die Hinterhofmoscheen in Ordnung sind, wo Religion vermittelt wird. Wollen wir aber die Hinterhofmoscheen schwächen, dann brauchen wir den flächendeckenden Religionsunterricht, und dann muss dafür auch Geld fließen.“

    Für Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität (TU) Berlin ist unbegreiflich, warum Projekte gegen Antisemitismus immer zeitlich begrenzt sind. Kontinuität sei gerade bei der Bekämpfung von Judenhass oberstes Gebot, sagte sie bei der Buchvorstellung. Mit Blick auf die derzeitige Debatte über angeblich oder tatsächlich zunehmenden Antisemitismus unter Muslimen und ansteigenden Zahlen von Übergriffen auf Juden durch muslimische Zuwanderer, verwies Wetzel auf das Dilemma der aktuellen Statistiken.

    Zum einen gebe es nach wie vor keine verlässlichen Zahlen. Zum anderen würden offizielle Statistiken und Wahrnehmungen auseinanderklaffen. So weise die Polizeiliche Kriminalstatistik aus, dass rund 90 Prozent aller Straftaten mit antisemitischem Hintergrund von Rechtsextremen verübt werden. Aber die Jüdischen Gemeinden melden, dass nach ihren Erkenntnissen mindestens 70 Prozent aller Übergriffe von Muslimen verübt werden. Die Dunkelziffer sei wahrscheinlich höher.

    Islam gegen Antisemitismus verteidigen

    Islamwissenschaftler Murtaza will sich nicht auf Statistiken zurückziehen und plädiert für Selbstkritik der Muslime. Zu behaupten, es gäbe kein Antisemitismusproblem im Islam, sei falsch:

    „Was wir als Muslime tun können ist, einmal ganz stark auf unser Menschenbild hinweisen, das gegen jede Form von Menschenverachtung ist, dass wir hier theologisch antisemitische Argumente dekonstruieren. Aber, dass wir auch einen antisemitischen Umgang mit dem Koran kritisieren und erklären, wie diese Textstellen zu verstehen sind. Und drittens, dass wir, wenn dieser Antisemitismus sich hauptsächlich aus dem Nahost-Konflikt generiert, diesen in seiner Komplexität darstellen. Was nicht sein darf, dass wir als Muslime, die davon ausgehen, dass alle Menschen mit einer transzendenten Würde versehen sind, eine bestimmte Menschengruppe, hier Juden, verachten. Das darf nicht sein.“

    In seinem Buch wird Murtaza noch deutlicher. Er schreibt an die Adresse seiner Glaubensgeschwister:

    „Wie können wir hinsichtlich des Islam und der Muslime Differenzierung einfordern, dies beim Judentum und den Juden selbst aber unterlassen? Wie können wir uns dagegen verwahren für die Politik von Staaten wie dem Iran und Saudi-Arabien verantwortlich gemacht zu werden, wenn wir die Handlungen des Staates Israel mit dem Judentum gleichsetzen?“

    Muhammad Sameer Murtaza: „Schalom und Salam – Wider den islamisch verbrämten Antisemitismus

    INFO3 Verlag 2018; 160 Seiten; ISBN 978-3-95779-085-9; 16,90 Euro

    Das komplette Interview mit Dr. Muhammad Sameer Murtaza zum Nachhören:

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    Tags:
    Hass, Juden, Koran, Islam, Antisemitismus, Naher Osten, Deutschland